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Presseschau: "Saakaschwili wird für seinen Fehler bezahlen"

Die internationale Presse ist gespalten in der Bewertung der georgisch-russischen Kampfhandlungen. Während die polnische "Gazeta Wyborcza" den Fehler beim georgischen Präsidenten Saakaschwili sucht, kritisiert die "Washington Post" die russische Führung.

"Der Krieg, den Russland wollte", überschreibt der linksliberale britische "Guardian" seinen Kommentar zum Ausbruch offener Kriegshandlungen zwischen Georgien und Russland in der abtrünnigen Provinz Südossetien.

"Seit Monaten haben Beobachter vermutet, dass Moskaus Provokationen in Georgien den Zweck hatten, einen Krieg im Kaukasus auszulösen. Nun sieht es so aus, als hätte Russland bekommen, was es wollte... Georgien repräsentiert genau das, was Moskau an seiner Grenze nicht sehen will: Ein Land, das sowohl unabhängig als auch zusehends demokratisch ist. Moskau sucht stattdessen Unterwerfung, vorzugsweise unter autokratische Herrscher, die es manipulieren kann."

Harte Kritik übt der "Guardian" am Verhalten des Westens: "Der entscheidende Faktor aber war Georgiens Versuch, in die Nato zu kommen… Angela Merkels Statement, dass ein Land mit ungeklärten Konflikten nicht in die Nato gelangen kann, sandte Russland das Signal, dass es die Nato-Mitgliedschaft Georgiens ganz simpel durch Anheizen des Konflikts verhindern kann." Es sei jetzt aber an der Zeit, "in Solidarität zu Georgien zu stehen".

Ganz anders kommentiert die polnische "Gazeta Wyborcza" den Konflikt: "Mit seiner Entscheidung, Südossetien zu 'befreien' oder, wie er sagte, die 'Verfassungsordnung wiederherzustellen', hat der georgische Präsident Saakaschwili einen riesigen Fehler begangen. Wie früher Slobodan Milosevic hat er nicht begriffen, dass sein Land nur zwischen dem Abschied von den abtrünnigen Republiken Abchasien und Südossetien und dem Zerfall des Landes infolge blutiger Konflikte wählen kann...

Wahrscheinlich hat Georgiens Präsident listig darauf gesetzt, dass am Freitag, als die Olympischen Spiele begannen, Russland neutral bleiben würde. Das erwies sich als naiv, weil Moskau eine solche Gelegenheit niemals verpassen würde...

Saakaschwili, ein Politiker, auf den der Westen und Polen gesetzt hatten, wird eher früher als später für seinen Fehler bezahlen."

Der österreichische "Kurier" warnt vor den Auswirkungen des Krieges: "Gelingt es nicht, die Waffenruhe von 1992 wieder herzustellen, droht ein Balkan-Szenario. Die Südosseten würden eher nach Russland abwandern als die georgische Oberhoheit anzuerkennen."

Zu den wahrscheinlichen Reaktionen des Westens schreibt der konservative französische "Figaro": "Der georgische Präsident Micheil Saakaschwili stemmt sich gegen die Einschüchterungsversuche der Russen und setzt auf die Hilfe westlicher Länder. Doch er macht sich Illusionen. Die Nato wird kaum einen Krieg gegen Russland riskieren, um Georgien zu retten... Jetzt muss die EU unter französischem Vorsitz die Initiative wieder ergreifen um zu verhindern, dass die Beziehungen zu Russland sich unwiederbringlich verschlechtern."

Die Londoner "Times" glaubt, nur Diplomatie könne eine Lösung bringen: "Micheil Saakaschwili hat in einem seiner ruhigen Augenblicke Südossetien die Autonomie innerhalb Georgiens angeboten. Dies muss die Grundlage dringender diplomatischer Bemühungen sein, um beide Seiten vom Abgrund zurückzuziehen."

Der Schweizer "Tagesanzeiger" übt sich derweil in Kritik an Saakaschwili: "Zu lange haben die beteiligten Akteure am Pulverfass Kaukasus gezündelt. Jetzt ist es explodiert. Irgendwann hätte ein kluger Kopf 'Stopp' sagen müssen. Aber keiner tat es: Die Russen verhinderten störrisch jede Lösung des Konflikts. Die USA ihrerseits haben den georgischen Präsidenten Saakaschwili bedenkenlos unterstützt - mit Waffen, mit Experten und mit internationaler Rückendeckung. Doch nun hat sich der georgische Zauberlehrling selbstständig gemacht und einen Krieg vom Zaun gebrochen. In seiner Selbstverblendung hoffte Saakaschwili wohl auf einen schnellen Sieg. Er hat sich verrechnet:"

Die "Washington Post" reflektiert ebenfalls über angemessene Reaktionen des Westens - und über eine mögliche Rolle für die Uno: "Es ist zweifelhaft, aber nicht undenkbar, dass Russland die Eroberung ganz Georgiens plant. Aber Russlands Ziele sind in jedem Fall kaum weniger zynisch. Russland hofft, ganz einfach durch Herbeiführen eines Zustandes territorialer Zergliederung zeigen zu können, dass Georgien zu instabil ist, um in die Nato aufgenommen zu werden.

Das ist eine große Herausforderung für die USA und Europa. Idealerweise würde der Uno-Sicherheitsrat einschreiten und eine wirkliche Friedenstruppe mandatieren, die das russische Kontingent ablöst, das sich in eine De-facto-Besatzungsmacht verwandelt hat… Aber Russlands Veto wird das verhindern. Darum müssen die USA und ihre Nato-Alliierten zusammen einen Preis für Russland definieren, falls Moskau nicht augenblicklich seinen Kurs ändert."

yas/dpa

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