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Presseschau zu WikiLeaks-Enthüllungen: "Sturm für die globale Diplomatie"

Die Enthüllung interner US-Depeschen durch WikiLeaks sorgt in den internationalen Medien für Aufsehen. Viele Zeitungen sehen die Regierung von US-Präsident Obama blamiert. Einige Kommentatoren befürchten schwerwiegende diplomatische Folgen und warnen vor einem Dammbruch.

WikiLeaks-Homepage (Ansicht vom 28. November): "Sturm für die globale Diplomatie" Zur Großansicht
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WikiLeaks-Homepage (Ansicht vom 28. November): "Sturm für die globale Diplomatie"

Hamburg - Die Enthüllung interner US-Botschaftsdepeschen durch die Internetplattform WikiLeaks sorgt weltweit für Schlagzeilen. SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Kommentare führender Zeitungen und Online-Portale:

"Süddeutsche Zeitung": "Es ist richtig, sich der Geheimniskrämerei von Behörden zu widersetzen. Wenn Medien dies tun, können sie filtern, einordnen, Persönlichkeitsrechte schützen. Wenn WikiLeaks Rohmaterial in diesen Mengen ins Internet stellt, fehlen solche Garantien. Es ist nicht mehr das kontrollierte Leck, wie es WikiLeaks im Namen trägt, sondern der Dammbruch. Weil es die Technik ermöglicht, kann heute jeder Tausende Dokumente ins Internet stellen, seine Kollegen oder Arbeitgeber vorführen. Ein Außenministerium aber, das auch intern stets diplomatisch sein muss, funktioniert nicht. Ein Mensch, der niemandem mehr schreiben kann, was er denkt, auch nicht."

"Bild": "Diese Enthüllungs-Affäre - "Berlingate" - ist kein Ruhmesblatt in den transatlantischen Beziehungen. Aber die deutsch-amerikanische Freundschaft ist für beide Länder zu wichtig, um sie an dieser Berliner Depesche aus der US-Botschaft kaputtgehen zu lassen."

"die tageszeitung" (taz): "WikiLeaks hat erkannt, dass es dem interessierten Zeitgenossen wenig hilft, wenn er oder sie mehrere hunderttausend Dokumente vorgesetzt bekommt. Erst die Auswahl und Aufbereitung der Papiere macht diese auch lesbar. Erst die Arbeit von Journalisten macht damit auch den Erfolg von WikiLeaks aus. So viel zum angeblichen Bedeutungsverlust der Presse im Zeitalter des Internets. (…) Ob das aber eine auf Dauer tragfähige Kooperation ist, muss sich noch herausstellen. Wer weiß schon noch, worum es in der vorletzten WikiLeaks-Enthüllung ging? Damit könnte das Enthüllungsportal bald dort ankommen, wo schon viele vermeintlich weltbewegende Geschichten gelagert sind: in den unendlichen Weiten des Archivs."

"Die Welt": "Dass die großmächtigen Vereinigten Staaten, die doch das Imperium der modernen Informationstechnologie in Händen halten, sich derlei Schwächen leisten und leisten können, ist unbegreiflich. Einer der Urheber der Leckagen soll in Haft sein - wie tröstlich. Aber die Folgen seines Tuns haben unterdessen die Welt verändert und die Intimitäten der großen Politik auf die Bühne gezerrt." (…) WikiLeaks hat ein Spiel in Gang gesetzt, das an russisches Roulette erinnert. Eine gefährliche Welt geht außer Kontrolle."

"Frankfurter Rundschau": "Über divergierende Einschätzungen des Berliner Regierungspersonals durch die US-Botschaft in Deutschland etwa mag sich das Publikum, mag sich die politische Opposition amüsieren. Die Offenlegung eines Geheimnisses ist aber kein Wert an sich. Das Siegel der Verschwiegenheit bricht WikiLeaks offenbar auch bei Korrespondenzen, die aus nachvollziehbarem Grund geheim bleiben sollten. Ein Diplomat muss in vertraulichen Depeschen an seine Regierung undiplomatisch sein können. Und er kann es nur sein, wenn er nicht befürchten muss, zitiert zu werden. Es gibt Dinge, die der Geheimhaltung unterliegen müssen. Da unterscheidet sich die politische Diplomatie nicht von anderen Betrieben. Für Dritte wäre es vielleicht ein großes Vergnügen, wenn die Personalakten eines Unternehmens am Schwarzen Brett hingen. Aber weder das Personal noch seine Chefs könnten darüber lachen."

"Jerusalem Post": "Aus israelischer Sicht ist es keine Übertreibung zu sagen, dass WikiLeaks dem Land am Sonntag einen Gefallen getan haben könnte. Indem die arabischen Führer mit extremeren Äußerungen als die israelischen zitiert werden, zeigen die Mitteilungen die Unstimmigkeiten in der Region und die Gefahren, wenn man dem Iran gestattet, an seinem Atomprogramm weiterzuarbeiten. (...) Israelischen Politikern sind die peinlichen Analysen ihrer Persönlichkeit erspart geblieben."

"La Stampa" (Turin): "Der Coup der Enthüllungsplattform WikiLeaks bedeutet nicht nur einen Sturm für die globale Diplomatie (...) sondern vor allem eine schwierige Situation für das Weiße Haus und seine Diplomaten und Außenpolitiker, die bloß gestellt werden in ihren geheimen Überlegungen, Strategien und Schwächen. Was Italien angeht, erzählen die US-Dokumente jedoch vor allem, dass keine Zeit besteht, sich um unsere Laster zu kümmern, da die Regierung von (Ministerpräsident Silvio) Berlusconi als eine der wenigen europäischen eine gute Beziehung sowohl zu Netanjahu als auch zu Ägypten, Syrien und dem Libanon vorzeigen könne. Berlusconi kann sich also wieder einmal ins Fäustchen lachen, auch wenn in den Medien der Welt die peinlichen Urteile weiter kursieren werden."

"Gazeta Wyborcza" (Polen): "WikiLeaks hat innerhalb eines Tages mehr erreicht als alle radikallinken und pazifistischen oder einfach systemfeindlichen US-Organisationen zusammen in den vergangenen 50 Jahren. Diese in der Geschichte der Diplomatie einmalige Enthüllung aus mehr als 200 US-Botschaften auf der ganzen Welt wird die Glaubwürdigkeit Amerikas gefährden und seine Stellung schwächen. Die amerikanische Diplomatie wurde kompromittiert. Der Botschafter in Berlin soll nun versetzt werden. Aber wohin? Nach Kenia, ein Land, über das wir seit heute wissen, dass es total korrumpiert ist? Gefährdete Beziehungen zu Kenia sind ein kleines Problem, doch die Schwächung Amerikas auf der koreanischen Halbinsel ist eine Angelegenheit, die die Ziele des WikiLeaks-Gründers weit übertroffen hat."

"Daily Telegraph" (London): "Der Nachrichtenwert der Enthüllungen sind die Verlegenheiten, die sie mit sich bringen. Solche Verlegenheiten können manchmal verheerend sein. Länder, in denen es keine Tradition der Offenheit gibt, mögen sich wundern, dass die US-Regierung die Veröffentlichung überhaupt zugelassen hat. Es mag vereinzelt Schäden bei diplomatischen Beziehungen geben. Und es wird nicht der Glaubwürdigkeit der Regierung Obama dienen. (…) Die vielleicht klügste Reaktion ist es, (...) zu akzeptieren, dass gelegentliche peinliche Enthüllungen im 21. Jahrhundert eine potentielle Gefahr sind, da eine riesige Menge an Daten und Informationen in allzu leicht zugänglicher digitaler Form in Umlauf sind."

"Handelsblatt.de": "Welcher Geist herrscht eigentlich im amerikanischen Behördenapparat, dass möglicherweise Einzelne den Verrat für eine legitime, ja gute Sache halten? (…) Doch was hat die Welt davon, dass sie nun weiß, wie wenig oder wie viel die amerikanische Diplomatie vom deutschen Außenminister oder der deutschen Bundeskanzlerin hält? Der Erkenntniswert ist begrenzt. Die Lawine von diplomatischen Kabeln, die jetzt bekannt werden, ist ein Sammelsurium von Momentaufnahmen, von Einschätzungen, die mal fundiert, mal oberflächlich sind. Ihre Veröffentlichung alleine vermittelt noch lange keine Wahrheit. Da sie aber für die Wahrheit genommen werden dürfte, hinterlässt sie vor allem einen Scherbenhaufen. (…) Eine zwangsläufige Konsequenz der Enthüllungen ist nicht mehr zu vermeiden: Noch mehr als bisher schon dürfte auf eine offene Sprache verzichtet werden."

"Stern.de": "Und doch werden die Einschätzungen deutscher Politiker eher nicht zu großen diplomatischen Verwerfungen zwischen Deutschland und den USA führen. Dafür ist das bislang Bekannte inhaltlich nicht substanziell genug. (…) Sprengkraft entfalten die Dokumente an anderer Stelle. Eine Sprengkraft, deren Wirkung man so früh nach der Veröffentlichung nicht wirklich ermessen kann. Zum einen wird in aller Welt nun deutlich, dass die USA Zuträger hat. (…) Die USA schäumten schon seit Tagen gegen die bevorstehenden Enthüllungen. Sie warfen WikiLeaks vor, Staatsgeheimnisse zu verraten. Das ist Unsinn. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass es ein öffentliches Interesse daran gibt zu erfahren, was die USA über die Welt denken, wie sie Politik machen; was sie von Freunden und Feinden halten; und dass sie nicht davor zurückschrecken, Diplomaten damit zu beauftragen, andere Diplomaten auszuspionieren. Das alles ist hochnotpeinlich für die USA. Deshalb ist es so unterhaltsam zu lesen."

mmq/dpa

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Forum - Beschädigen die Wikileaks-Dokumente das Verhältnis zwischen den USA und ihren Bündnispartnern?
insgesamt 5856 Beiträge
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1.
Waiguoren 28.11.2010
"Merkel ist methodisch, rational und pragmatisch." Angie kommt doch gar nicht so schlecht weg.
2. Einstein
Liberalitärer, 28.11.2010
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Nein, das sind Einschätzungen und Kritik im Falle D schadet nicht. Niemand hier wird wohl G.W. Bush (den ich für ehrenwert halte) mit Einstein verwechseln.
3.
werner thurner, 28.11.2010
Zitat von sysopWie Amerika die Welt sieht - 251.287 geheime Dokumente aus dem Washingtoner Außenministerium enthüllen die Sicht der US-Diplomatie auf Freund und Feind.
Dann erfahren wir endlich mal die Wahrheit über die offizielle Denke in den USA. Die Wahrheit , oder annähernd die Wahrheit kann niemals irgendwas beschädigen. Das Verhätnis der USA zu den Verbündeten ist ja bereits durch die Bush Kriegspolitik und das Mitläufertum beschädigt, genauso wie die hierzu mißbrauchte NATO (Bündnsifall bis heute).
4. Nicht schlecht
Smartpatrol 28.11.2010
"Amerikas Botschafter können gnadenlos in der Beurteilung der Länder sein, in denen sie akkreditiert sind." Was man ihnen kaum vorhalten kann. Die Bewertung Westerwelles ist beispielsweise nichts als eine realistische, nüchterne Einschätzung. Keine der genannten Veröffentlichungen macht mir die USA unsympathischer, ganz im Gegenteil.
5. Nein.
ramuz 28.11.2010
Geht man von dem momentanen Level an Vertrauen, Ansehen, Kooperationswillen aus, das/den Akteure anderer Staaten den US entgegenbringen, kann es nicht beschädigt werden aus Sicht der anderen. Wenn die Akteure der US halbwegs intelligent sind, so wissen sie das auch. Theaterdonner halt...
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  • - Welche Länder die USA skeptisch sehen
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Das sagt die US-Regierung
SPIEGEL ONLINE dokumentiert die Stellungnahme der US-Regierung in Washington zur Veröffentlichung geheimer Diplomaten-Depeschen im Wortlaut - klicken Sie auf die Überschrift!
Stellungnahme des Weißen Hauses
Wir erwarten die Veröffentlichung von angeblich mehreren hunderttausend geheimen Depeschen des Außenministeriums am Sonntagabend, in denen detailliert vertrauliche diplomatische Unterredungen mit anderen Regierungen thematisiert werden.

Es liegt in der Natur der Sache, dass Lageberichte für Washington sehr offen formuliert sind und oft unvollständige Informationen enthalten. Die Berichte repräsentieren weder die US-Politik als solche, noch haben sie zwangsläufig Einfluss auf politische Entscheidungen. Dennoch könnten diese Depeschen vertrauliche Verhandlungen mit anderen Regierungen und Oppositionsführern beeinträchtigen. Und wenn der Inhalt solcher vertraulicher Unterredungen auf den Titelseiten der Zeitungen auf der ganzen Welt erscheint, könnte das nicht nur Interessen der US-Außenpolitik schwer beschädigen, sondern auch diejenigen unserer Verbündeten und Freunde.

Um es ganz klar zu sagen: Solche Enthüllungen gefährden unsere Diplomaten, Geheimdienstmitarbeiter und Menschen auf der ganzen Welt, die sich hilfesuchend an die USA wenden mit ihrem Anliegen, Demokratie und transparente Politik zu erreichen. Diese Dokumente könnten auch die Namen von Personen enthalten, die oftmals in Ländern leben und arbeiten, in denen Unterdrückungsregime an der Macht sind, und die versuchen, offene und freie Gesellschaften zu schaffen. Präsident Obama unterstützt verantwortliches, verlässliches und offenes Regierungshandeln daheim und überall auf der Welt, aber diese unverantwortliche und gefährliche Aktion läuft dem zuwider.

Mit der Veröffentlichung gestohlener und geheimer Dokumente hat WikiLeaks nicht nur die Sache der Menschenrechte in Gefahr gebracht, sondern auch das Leben und die Arbeit derer, die sich ihr verschrieben haben. Wir verurteilen die Enthüllung der geheimen Dokumente und sensibler Informationen der nationalen Sicherheit aufs Schärfste.


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