Presseschau: "Amerika droht eine gefährliche Lähmung"

Barack Obama bleibt US-Präsident - überraschend deutlich hat er gegen seinen Herausforderer Mitt Romney gewonnen. Doch die Kommentatoren zeigen sich alles andere als euphorisch. Ein Blick in die Zeitungen.

Präsident Obama: "Er muss beweisen, dass er sein Land wirklich verändern kann" Zur Großansicht
AP

Präsident Obama: "Er muss beweisen, dass er sein Land wirklich verändern kann"

Washington/Hamburg - Barack Obama ist der strahlende Wahlsieger der US-Präsidentschaftswahl, im Hauptquartier der Demokraten in Chicago brach großer Jubel aus. Die Zeitungskommentatoren reagieren auf die Wiederwahl des Demokraten verhalten:

Die "New York Times" kommentiert: "Präsident Obamas dramatische Wiederwahl ist kein Zeichen dafür, dass eine gespaltene Nation am Wahltag wieder vereint wurde." Aber es sei eine deutliche Bestätigung der Wirtschaftspolitik, der Gesundheitsreform, der moderaten Einwanderungs- und Abtreibungspolitik des demokratischen Präsidenten und eine Ablehnung einer weiteren Reagan-Ära.

Die "Washington Post" schreibt: "Ironischerweise hat der teuerste Wahlkampf der amerikanischen Geschichte den Status quo bestätigt." Das Volk sei heute genauso gespalten wie vor zwei Jahren. Obama stehe nun vor der schwierigen Aufgabe, den Stillstand in der US-Politik zu überwinden. Große Zuversicht zeigt die Zeitung nicht: Schon im Dezember drohe erneuter Streit über den Haushalt.

Obwohl Obama die Wiederwahl geschafft habe, bleibe das Land politisch gespalten, meint auch die "Neue Zürcher Zeitung": "Mehr denn je ist ein Brückenbauer im Weißen Haus nötig. Ohne Kompromisse in Washington droht Amerika eine für die Zukunft gefährliche politische Lähmung."

Die "Libération" aus Frankreich hebt hervor, dass Obama etwas gelungen sei, was Nicolas Sarkozy, José Luis Zapatero, Silvio Berlusconi oder Gordon Brown nicht vollbrachten: Er hat trotz einer schlechten Wirtschaftslage die Wiederwahl geschafft. Dennoch sei Obama weit von den Hoffnungen entfernt, die sein Land und die ganze Welt vor vier Jahren in ihn gesetzt hatten. "Er muss nun - frei von Sorgen um seine Wiederwahl - beweisen, dass er sich und sein Land wirklich verändern kann."

Die liberale slowakische Tageszeitung "Sme" schreibt: "Die Amerikaner - oder eher ihre knappe Mehrheit - vertrauten trotz Arbeitslosigkeit, horrender Schulden und wirtschaftlicher Probleme mehr Obamas 'Mich kennt ihr schon' und seinem System der Gesundheitsfürsorge und Hilfen für Banken, Autofirmen und Solarunternehmen als Romneys erfolgreicher Manager-Vergangenheit und seinen oft Pragmatismus genannten Meinungsumkehrungen."

Die konservative britische Zeitung "The Times" schaut nach vorn: "Die Welt braucht heute und vielleicht mehr denn je einen mächtigen und aktiven Vertreter von Demokratie und Freiheit, der, wenn es erforderlich ist, seine Freunde unterstützt und Widersacher in die Schranken weist. In diesem Jahr 2012 verstehen die Freunde Amerikas, dass der Mann, der das Amt des Präsidenten innehat, gewaltigen und drängenden Herausforderungen gegenübersteht. Diese Aufgaben machen es erforderlich, dass die Menschen und die Politiker in den USA einander zuhören und miteinander und mit dem Präsidenten kooperieren. Sie müssen sich dabei von dem Glauben leiten lassen, dass diese Kompromisse eine bessere Präsidentschaft möglich machen werden."

Der rechtsliberale Mailänder "Corriere della Sera" listet ein riesiges Arbeitsprogramm für Präsident Obama in den kommenden Jahren auf: "Ein in den letzten Jahren ins maßlose gewachsener öffentlicher Schuldenberg muss eingedämmt werden, ohne Amerika dabei in eine neue Rezession zu stürzen. Die Mittelschicht, dezimiert durch die Folgen der Globalisierung und der 2008 ausgebrochenen Krise, braucht etwas Luft zum atmen. Ein neues Gleichgewicht muss in den wirtschaftlichen und strategischen Beziehungen mit China gefunden werden, ohne die Stabilität der asiatisch-pazifischen Region zu gefährden."

heb/syd/dpa

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 8 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Erstaunlich nüchtern aber richtig diese Analysen …
Dr.pol.Emik 07.11.2012
… und gehen wir gleich mal einen Schritt weiter. Es ist völlig wurscht ob nun Obama oder Romney gewählt wurde, denn sie hätten und haben in keinem Falle ausreichende Macht um die Fehler des Systems zu beheben. Und das System wehrt sich mit Händen und Füßen. Hier nur einer der traurigen Rekorde: *King of Debt – Obamas Change hits 16 Trillion* (http://qpress.de/2012/09/06/king-debt-obamas-change-hits-16-trillion/) … und es ist absehbar, dass jetzt unter Obama auch die 20 Billionen Dollar (amerikanisch Trillion) Staatsverschuldung noch geknackt wird. Es ist das kaputte Geld-System gegen das er sich nicht wehren kann. Er ist bei rund 10 Billionen zugestiegen und durfte damit in jeder Hinsicht als Präsident Rekordhalter in Sachen Schulden machen werden … und sei es auch nur für die Zinsen, die durch neue Kredite gedeckt werden müssen. Das Schicksal des letzten Präsidenten, Kennedy, der eben diesen Zirkeln den Kampf ansagte, ist hinlänglich bekannt. Er wollte die Geldschöpfung wieder in Staatshände legen, weg von der privaten FED. Seither hat auch nie wieder ein Präsident probiert dieses Problem offensiv anzugehen. Genau da wird auch Obamas Untergang liegen. Seine weiteren Verfehlungen als Friedensnobelpreisträger, der die Todeslisten der per Drohnenattacken zu tötenden Menschen noch selbst durchgeht, sollen hier gar nicht weiter ausgebreitet werden. Ein gutes Ende ist da nirgends in Sicht. Könnte also ein Pyrrhussieg gewesen sein.
2. Pest und Cholera
Tatsächlich 07.11.2012
Zitat von sysopDie Mittelschicht, dezimiert durch die Folgen der Globalisierung und der 2008 ausgebrochenen Krise, braucht etwas Luft zum atmen. Ein neues Gleichgewicht muss in den wirtschaftlichen und strategischen Beziehungen mit China gefunden werden, ohne die Stabilität der asiatisch-pazifischen Region zu gefährden.[/url]
Alles Übel (= Globalisierung, für uns alle und unsere Renten der Krisengrund) in einem Satz zusammengefasst, das finde ich stark. Zu Satz zwei: Entweder zurück zur Goldwährung, dann ist logischerweise nie genug Geld für irgendwelche Kriege da. Oder es braucht wieder Krisen/Kriege ohne Ende, um die Gesellschaft zusammenzuschweißen und einen Grund für die Produktion von Stahl und Supplys aller Art zu forcieren und zumindest die jetzigen Arbeitsplätze zu sichern. Na, raten wir mal zu welcher Lösung wir tendieren...
3. Obamas Wahlsieg,das bessere Übel!
rolandjulius 07.11.2012
Neue Initiativen sind in den US schon lange ein Tabu, dafür sorgt schon die politische Strukturierung dieses Landes. Dort, wo nur das Kapital entscheidet, wird jeder Anstoß einer Neuerung im Keim erstickt. Bei den letzten Demonstrationen hat die Geldmacht bewiesen,wie sie im Stande ist, ihre Pfründe effektiv zu verteidigen . Obama hat die Initiative des Volkes ignoriert. Wer wird sich jetzt noch opfern wollen, wo so vielen beherzten Demonstranten der Prozess gemacht wurde. Ob in naher Zukunft die Republikaner von ihrem hohen Ross herabsteigen werden, um mitzuwirken, das Land in Schwung zu bringen, ist sehr fraglich, denn hierzu fehlt ihnen der Weitblick, oder ganz einfach, die Liebe zum Nächsten.
4. Obama twittert sich zur Wiederwahl
frankklinger 07.11.2012
Ich hatte definitiv auch mit einem engeren Wahlergebnis gerechnet. Aber vor allem in den sozialen Netzwerken, welche zunehmend auch in der Politik an Bedeutung gewinnen, hatte sich früh gezeigt, dass vor allem junge Wähler noch immer hinter Obama stehen. Habe hier auch einen interessanten Artikel darüber gefunden. Ob in Deutschland die nächste Wahl wohl auch zum Teil Online stattfinden wird?
5.
gracie 07.11.2012
Zitat von sysopBarack Obama bleibt US-Präsident - überraschend deutlich hat er gegen seinen Herausforderer Mitt Romney gewonnen. Doch die Kommentatoren zeigen sich alles andere als euphorisch. Ein Blick in die Zeitungen. Presseschau zur US-Wahl: "Amerika droht eine gefährliche Lähmung" - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/presseschau-zur-us-wahl-a-865763.html)
Als Europäer ist es so wie so unverständlich wie man zwischen Demok. oder Reps einen Unterschied machen kann, zwei Wörter übrigens die das Gleiche meinen. Trotzdem haben sich die Amis für das kleinere Übel entschieden und ich glaube vorallem die Frauen haben Obama gewählt, denn Rommney ist für die Frauenwelt ein totales "no go" ! So lange die Reps keinen moderaten, intelligenten und realitätsbewussten Kanditadent/-in aufstellen, kann ich mir kaum vorstellen, dass die Amerikaner die Reps so bald wieder wählen. Die USA MÜSSEN modernisiert werden wenn sie nicht untergehen wollen und dass auf allen Ebenen, auch ihre Mentalität. Wer nicht mit seiner Zeit geht, wird früher oder später verschwinden. Wer diesen Prozess in gang bringt, ist der Gewinner, kommt nur darauf an wer es am schnellsten kapiert. Die erzkonservative Sparte der Reps hat sich auf die Seite geschalgen von ung. 75 Mio Amis. Ung. so viele hartgesottene "Gläubige" hat das Land, eine Minderheit und was haben sie für die Restlichen 240 Mio zu bieten, denn die werden sich nicht einfach überrollen lassen.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema US-Präsidentschaftswahl 2012
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 8 Kommentare
US-Wahl 2012 Ergebnisse

Twitter zur Präsidentschaftswahl


Fläche: 9.632.000 km²

Bevölkerung: 310,384 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | USA-Reiseseite

US-Wahlsystem