Pressestimmen: "Italien wird unregierbar"

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Wahlverlierer: Italiens Regierungschef Mario Monti

Patt-Situation nach den Wahlen in Italien: Die Kommentatoren in der europäischen Presse beschäftigen sich mit den negativen Folgen für die EU, aber auch mit dem unerwartet schlechten Abschneiden von Regierungschef Mario Monti.

"El Mundo" (Spanien): "Italien tritt in eine gefährliche Phase der Unregierbarkeit ein. (...) Die Mehrheit der Wähler lehnte die Reformen des Mario Monti ab. Der Wahlausgang hat für die Stabilität der EU negative Folgen. Vor allem Spanien könnte betroffen sein, wenn auf den Finanzmärkten neue Unruhe aufkommt. Aber es bietet sich der Madrider Regierung von Mariano Rajoy auch die Chance, Spanien als Gegenpol zu Italien und als einen seriösen und zuverlässigen Partner zu präsentieren."

"Le Monde" (Frankreich): "Uns bleibt nichts anderes übrig, als den Gürtel enger zu schnallen. Die Wall Street hat nach den Nachrichten aus Italien 200 Punkte verloren: Ökonomen weltweit sind besorgt. Keiner kann einen massiven Verkauf italienischer Staatsanleihen verhindern. Das würde ganz Europa mit sich reißen, und noch mehr. Die griechischen Kalamari waren nur die Vorspeise. Jetzt kommt die Hauptspeise: die italienische Pasta. Die ist viel schwerer zu verdauen."

"La Presse de la Manche" (Frankreich): "Einem Land, das die Wonnen des Schlendrians kennengelernt hat, fällt es schwer, in sich selbst die Kraft zu finden, um sich wieder aufzurichten. Im Grunde ist die Demokratie wohl das beste politische System. Aber um gut zu funktionieren, braucht es nicht nur untadelige Politiker, in der Demokratie muss auch jeder Bürger das Zeug zum Helden haben."

"Der Standard" (Österreich): "Das Wahlergebnis hat unmittelbar unabsehbare Konsequenzen: Die kleinen Sanierungserfolge Mario Montis stehen auf dem Spiel. Das Land ist einmal mehr de facto unregierbar, mit allen Folgen für die Italiener selbst und auch für die Europäische Union. Die Euro-Krise muss nun wohl wieder aus der Ablage zurückgeholt werden. Die mittelbaren Konsequenzen unterdessen mögen noch schwerer wiegen. In allen europäischen Wahlgängen haben die Ränder, die Radikalen, zuletzt an Zustimmung gewonnen."

"Die Presse" (Österrreich): "Was sich in Italien abspielt, hat längst die Dimension einer unterhaltsamen Posse gesprengt. Es ist eine Tragödie. Italien bleibt weit unter seinen Möglichkeiten, weil es so schlecht regiert wird. Eine Zeit lang kann das gut gehen, und Italien ging es viele Jahre trotz seiner Politiker gut. Doch auf Dauer rutscht ein Land ab, wenn seine politische Elite versagt. (...) Italien kann mittlerweile als warnendes Beispiel für den politischen Totalausfall gelten."

"Público" (Portugal): "Ein unregierbares Land; ein Land von Linken und von Rechten; von Menschen, die sich nach jemandem sehnen, an den sie glauben können; ein Land von farblosen und wenig mutigen Politikern und Parteien, die Phantome sind - wie das Popolo della Libertà von Silvio Berlusconi - oder verhaftet in der Vergangenheit und unfähig voranzuschreiten - wie der Partito Democratico von Pier Luigi Bersani."

"Frankfurter Allgemeine Zeitung": "Die Demokratische Partei mit ihrem Spitzenkandidaten Bersani ist, wie erwartet, der Wahlsieger. Sein Bündnis bekommt deshalb nach italienischem Wahlrecht eine 'Prämie', also mehr Abgeordnete, als ihm nach dem Proporz zustünden. Aber es ist nicht sicher, ob ein Spektrum, das von Kommunisten bis zu den Abgeordneten der Monti-Liste reicht, eine regierungsfähige Mehrheit zusammenbekommt. (...) Selbst wenn es für ein Mitte-links-Bündnis reicht, ist diese Wahl ein Signal: Die Hälfte der Italiener hat für Listen gestimmt, die aggressiv antieuropäisch auftraten. Das ist über Italien hinaus ein Alarmzeichen."

"Handelsblatt": "Bedeutet dieses Resultat fehlende Dankbarkeit für Monti? Heißt es gar, dass die Italiener einfach nicht reformwillig sind und wieder die alten Zustände zurück haben wollen, die sie und die Euro-Zone vor zwei Jahren an den Abgrund geführt haben? Die Antwort ist ein klares Nein. Viele Italiener wünschen sich grundlegende Veränderungen. Nur: Das Menü der diesjährigen Parteien, die sich zur Wahl stellten, hatte kaum welche zu bieten."

als/dpa

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insgesamt 7 Beiträge
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1. Tollhaus meets Tollhaus...
eknoes 26.02.2013
Zitat von sysopAFPPatt-Situation nach den Wahlen in Italien: Die Kommentatoren in der europäischen Presse beschäftigen sich mit den negativen Folgen für die EU, aber auch mit dem unerwartet schlechten Abschneiden von Regierungschef Mario Monti. http://www.spiegel.de/politik/ausland/pressestimmen-zum-ausgang-der-wahlen-in-italien-a-885627.html
Man sollte sich mit dem eigenen Unverständnis, die italienischen Wähler betreffend, hierzulande etwas zurückhalten. Natürlich wirkt das, was dort gerade abläuft schizophen, und das ist es sicher auch. Aber ein Land, dass eine Kanzlerin Merkel in Umfragen hochpuscht, offenbar ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass diese Frau im Grunde garnicht regiert, sondern nur aussitzt, die politisch seit 7 Jahren nichts, aber auch garnichts bewegt hat, die sich darauf beschränkt, lediglich die Programme konkurierrender Parteien der CDU einzuverleiben um politisch zu überleben und die CDU zu einem konturlosen und beliebigen Etwas verkommen lässt - so ein Land ist doch im Grunde nicht weit von italienischen Verhältnissen entfernt. Und selbst einen deutschen Beppe Grillo namens Stefan Raab, wenn auch glücklicherweise nur als Moderator, kann man aufbieten. Einjeder kehre vor seiner eigenen Tür.
2. Diese Wahl wird auch Deutschland beeinflussen
henniman 26.02.2013
Wer die Piraten schon totgesagt hatte, sollte achtgeben. http://wahl-o-meter.com sieht die Piraten schon wieder bei fast 5%. Falls sich diese an Grillos 5* - Rezept orientieren, wäre noch mehr drin.
3. Es gibt auch hier Wahlalternativen 2013
michael.krispin 26.02.2013
Zitat von eknoesMan sollte sich mit dem eigenen Unverständnis, die italienischen Wähler betreffend, hierzulande etwas zurückhalten. Natürlich wirkt das, was dort gerade abläuft schizophen, und das ist es sicher auch. Aber ein Land, dass eine Kanzlerin Merkel in Umfragen hochpuscht, offenbar ohne zur Kenntnis zu nehmen, dass diese Frau im Grunde garnicht regiert, sondern nur aussitzt, die politisch seit 7 Jahren nichts, aber auch garnichts bewegt hat, die sich darauf beschränkt, lediglich die Programme konkurierrender Parteien der CDU einzuverleiben um politisch zu überleben und die CDU zu einem konturlosen und beliebigen Etwas verkommen lässt - so ein Land ist doch im Grunde nicht weit von italienischen Verhältnissen entfernt. Und selbst einen deutschen Beppe Grillo namens Stefan Raab, wenn auch glücklicherweise nur als Moderator, kann man aufbieten. Einjeder kehre vor seiner eigenen Tür.
Ich habe am meisten Angst vor der Gleichgültigkeit/Trägheit der Deutschen nicht zur Wahlurne zu gehen, weil sich dann alle Rest10% bestätigt fühlen, dass sie ja die Mehrheit wären. Ansonsten wünsche ich mir auch hier das extrem gewählt wird rechts wie links um diese Bürgermittenkacke endlich aus dem Parlament zu jagen. Die Bürgerliche Mitte wird schon lange nicht mehr vertreten sondern nur noch getreten von diesen Blockparteispeichelleckern, die sich Abgeordnete nennen. Und überhaupt warum sollte ein Stefan Raab nicht mal gut tun im Parlament? Udo, komm hol deine Lederjacke wieder aussem Keller und machs nochmal so wie früher mit deinen Panikkumpels. Meine Stimme ist dir gewiss.
4. Hoffentlich wird diese EU insgesamt unregierbar
michael.krispin 26.02.2013
Zitat von sysopAFPPatt-Situation nach den Wahlen in Italien: Die Kommentatoren in der europäischen Presse beschäftigen sich mit den negativen Folgen für die EU, aber auch mit dem unerwartet schlechten Abschneiden von Regierungschef Mario Monti. http://www.spiegel.de/politik/ausland/pressestimmen-zum-ausgang-der-wahlen-in-italien-a-885627.html
Das sind die Auswirkungen, wenn am Volk vorbei gerettet wird was das Zeug hält. Ein vereintes Europa wünscht sich jeder, vielleicht am Ende auch eine Währung. Wenn man aber Dummköpfe ein Haus bauen läßt und die erst mit dem Dach anfagen (Gemeinsame Währung), anstatt mit dem Keller (vergleichbare Steuersysteme, Sozialsysteme etc) und dabei noch so arrogant auf ihr Recht der Macht über das Volk hinweg zu regieren pochen, muss sich nicht wundern wenn es bald knallt. Eine EU die ewig auf der Intensivstation liegt will niemand. Reset und von vorne bitte. Dann aber richtig und mit Bürgerbeteiligung.
5. 2017
seine-et-marnais 26.02.2013
Zitat von sysopAFPPatt-Situation nach den Wahlen in Italien: Die Kommentatoren in der europäischen Presse beschäftigen sich mit den negativen Folgen für die EU, aber auch mit dem unerwartet schlechten Abschneiden von Regierungschef Mario Monti. http://www.spiegel.de/politik/ausland/pressestimmen-zum-ausgang-der-wahlen-in-italien-a-885627.html
2017 ist dann Frankreich dran. Wenn es, wie nicht schon spekuliert wurde vorzeitige Neuwahlen gibt. Hollande wurde nur gewählt in einer Alles-ausser-Sarkozy-Stimmung, und Frankreich könnte dann eine Situation erleben in der eine antieuropäische Partei erfolgreich wäre. Schon das Referendum zu Lissabon brachte ein eindeutiges 'Nein' obwohl Parteien und Medien beinahe einstimmig Werbung für 'Ja' machten. Man sollte nicht vergessen dass bei den letzten Wahlen FN und Linke auf rund 30% der Stimmen kamen, und dabei spielte nicht die EU und der Euro die Hauptrolle.
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