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Pressestimmen zum Terror in Brüssel: "Die Erschütterung wird lange anhalten"

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DPA

Trauer in Brüssel

Die Anschläge in der belgischen Hauptstadt beherrschen die Schlagzeilen. Die Pressestimmen im Überblick.

Die Anschläge in Brüssel sind am Mittwoch das wichtigste Kommentarthema in den Tageszeitungen. Eine Auswahl:

DEUTSCHLAND

"Der Tagesspiegel", Berlin: "Die Strategie der Terroristen ist klar: Sie wollen einen Keil treiben zwischen die in Europa lebenden Muslime und deren nichtmuslimische Umwelt. Durch Anschläge soll das Misstrauen vertieft, die Entfremdung beschleunigt werden. Sobald dann die Abwehrreflexe der Mehrheitsgesellschaft sich auf alles Islamische erstrecken - Moscheen, Kopftücher, Speisevorschriften -, ist das Ziel erreicht."

"Süddeutsche Zeitung", München: "Aus der Geschichte des Terrorismus kann Europa durchaus lernen: Jene Gruppen gewalttätiger Stadtguerilleros, die in den Siebziger- und Achtzigerjahren in Deutschland oder Italien mordeten, haben keineswegs das, was sie für das 'Schweinesystem' hielten, beseitigt. Auch wenn in der Gesellschaft damals durchaus Ansätze für einen neuen Autoritarismus bestanden, wurde diese Tendenz überwunden - genauso überwunden wie der Terrorismus von RAF und Roten Brigaden. Die offene Gesellschaft hat gewonnen. Sie wird, wenn sie denn offen bleibt, auch diesmal wieder siegen."

"Handelsblatt", Düsseldorf: "Nach dem Terror von Brüssel stellt sich dagegen die entscheidende Frage: Will Europa überleben oder nicht? Die feigen Anschläge in Brüssel waren auch Anschläge auf unsere freie westliche Welt. Nach den Attentaten in Madrid, London oder Paris muss jedem klar sein: Nur ein geeintes Europa kann dem Terror widerstehen. Die Terrorwelle wird uns noch Jahre, wenn nicht gar Jahrzehnte begleiten. Da wächst eine Hydra heran, die man nur mit mehr Einigkeit in Europa bekämpfen kann. Die Staats- und Regierungschefs sollten Europa deshalb einen und nicht weiter im Streit um nationale Egoismen schwächen."

AUSLAND

Le Soir, Belgien: "Brüssel ist eine einzige Sirene." Die Trauer sei endlos, der Terror angekommen in der Stadt, mit den ersten Anschlägen, den ersten Leichen auf dem Flughafen Zaventem. Der Bürgermeister von Antwerpen, Bart De Wever, spreche von den schlimmsten Vorfällen seit Ende des Zweiten Weltkriegs. Der französische Premierminister Manuel Valls wiederholt: "Wir sind in Europa seit mehreren Monaten im Krieg." Chefredakteur Christophe Berti betont: "Die Attentate von Brüssel sind nicht das Ende, sie sind der Anfang. Der Anfang eines anderen Lebens, einer bedrückten Gesellschaft, die verschlossener ist, härter, weniger sorglos und - das ist die große Angst - vielleicht hasserfüllter."

"De Standaard", Belgien: "Die große Aufregung, die durch die Anschläge ausgelöst wurde, kann auch wie ein Hebel für einen Wandel wirken. Die muslimischen Gemeinden müssen dabei eine Hauptrolle spielen. Nicht weil sie unter Verdacht stünden, sondern weil wir gemeinsam eine Gesellschaft bilden wollen. Es bereitet ein mulmiges Gefühl, dass wir noch lange nicht soweit sind, selbst wenn es uns gelingt, den Terrorismus auf eigenem Boden auszuschalten. Das wird ein langwieriger Kampf gegen einen internationalen Feind."

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Anschläge in Brüssel: Momente des Terrors, Stunden des Zusammenhalts
"Le Figaro", Frankreich: "In Brüssel haben die Bomben des 'Islamischen Staats' jene getroffen, die Europa verkörpern." Die Terroristen hätten einen Angriffsplan ausgedehnt, der 2015 in Frankreich seinen Anfang genommen hatte. Doch nicht nur ein Nachbarland Frankreichs sei zum Ziel der Dschihadisten geworden, sondern die gesamte Europäische Union, ihr neuralgisches Zentrum und die Symbole ihrer Institutionen.

"Der Standard", Österreich: "Mit den Anschlägen wollen islamische Attentäter und ihre Drahtzieher erreichen, dass alle Muslime unter Generalverdacht stehen. Der Islam wird zum Feindbild, muslimische Mitbürger zu Verdächtigen. Solche Anschläge schüren Ressentiments, und auch der Rechtspopulismus nimmt zu."

"La Croix", Frankreich: "Es ist Europa, das getroffen wurde. Und es ist an Europa, darauf zu antworten. Es ist extrem dringend, die Zusammenarbeit zwischen Polizei- und Nachrichtendiensten der Europäischen Union zu verstärken. Wenn Europa als Opfer blinder Gewalt der Verlockung der Rache und des Sündenbocks nachgäbe, würde es sich selbst Gewalt antun."

"Repubblica", Italien: Die tragische Aufrechnung der wirtschaftlichen Schäden durch Terrorismus seien bereits seit den Anschlägen des 11. September eine exakte Wissenschaft geworden. Es gebe nur eine einzige große Unbekannte: "Die mögliche Beschleunigung des Abschieds von Schengen, der einzigen Variablen, die der fragilen europäischen Neubelebung wirklich schaden kann."

"Adevarul", Rumänien: "Die logische Frage ist, welche die nächsten Ziele in Europa sind, denn es gibt keinerlei Zweifel daran, dass der Plan (für neue Terroranschläge) weiter umgesetzt wird. Aber die Reaktion der EU-Verantwortlichen ist auch diesmal, Beileid auszusprechen nach Schablonen, die es in allen Kanzleien für solche Anlässe gibt. Die permanente Unentschlossenheit der Europäer ist ein himmlisches Manna von dem jene profitieren, die einen breiten Krieg gegen Europa begonnen haben.

"Tages-Anzeiger", Schweiz: "Die Erschütterung wird weit über die belgische Hauptstadt hinaus zu spüren sein und lange anhalten. Die Attentäter haben in Brüssel zugeschlagen, in Sichtweite der EU-Schaltzentrale und am Flughafen in direkter Nachbarschaft zum Nato-Hauptquartier. Sie wollen Angst und Schrecken verbreiten. Nach dem Anschlag im Zentrum Europas dürfte der Ruf nach Kontrollen an den Binnengrenzen noch lauter werden und Schengen ernsthafter denn je in Gefahr sein. Ein Europa, das sich abschottet und in Angst erstarrt, ist das Ziel der Attentäter."

"De Telegraaf", Niederlande: "Die entscheidende Frage ist, wie wir uns gegen einen offenbar unsichtbaren Feind wappnen. Mehr Absicherung und Kontrolle sind nötig. Aber dies ist nur ein Teil der Lösung. Das frühere Aufspüren der Terrornetzwerke ist ausschlaggebend und dies ist in erster Linie Aufgabe der Geheimdienste. Kein Land kann das allein. Internationale Zusammenarbeit ist von größter Wichtigkeit und hier muss dann auch kräftig investiert werden. Sobald die Behörden nur nebeneinanderher arbeiten, bleiben Anschlagspläne unter dem Radar."

bka/ala/sms/dpa

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