Prinz Charles, Camilla und der Mob "Fiese Attacke auf zwei Rentner"

Großbritannien ist irritiert: Wie konnte die Polizei es zulassen, dass gewaltbereite Demonstranten auf den Thronfolger losgehen? Scotland Yard kündigte eine offizielle Untersuchung des Vorfalls an. Charles selbst nahm die Beamten in Schutz.

AP

Die Graffiti am Finanzministerium wurden mit Hochdruckreinigern entfernt, die zerbeulten Barrikaden aus dem Weg geräumt, die zu Bruch gegangenen Schaufenster auf der Oxford Street ersetzt. Am Morgen nach den Studentenunruhen in London war die Stadtverwaltung bemüht, die Zeichen des Vandalismus so schnell wie möglich zu beseitigen.

Doch die Krawalle, die sich am Donnerstagabend an die friedliche Demonstration von Zehntausenden Studenten gegen die Erhöhung von Studiengebühren anschlossen, werden die britische Öffentlichkeit wohl noch eine Weile beschäftigen. Insbesondere der Angriff auf den Rolls-Royce von Prinz Charles und Camilla ließ die Londoner Polizei nicht gut aussehen. Die beiden Royals waren auf dem Weg zum Theater plötzlich von gewalttätigen Demonstranten umringt worden, ein Farbbeutel flog, es gab Tritte gegen das Auto, eine Scheibe splitterte.

Der Zwischenfall beherrschte die Schlagzeilen am Freitag und stellte Scotland Yard wieder an den Pranger. Polizeichef Paul Stephenson habe nun eine Menge Fragen zu beantworten, sagte der konservative Politiker David Davis. "Die Polizei weiß immer, wo Prinz Charles sich aufhält. Wieso durften professionelle Anarchos in die Nähe seines Autos?"

Ex-Polizeikommissar Brian Paddick sagte, die Limousine hätte nicht diese Route nehmen dürfen. Die vorausfahrende Motorradeskorte hätte den Fahrer warnen müssen. Der frühere Chef der königlichen Personenschützer bei Scotland Yard, Dai Davis, sagte, es handele sich um eine "besonders fiese Attacke auf zwei Rentner", die die Polizei durch bessere Koordination hätte verhindern müssen.

Londons Bürgermeister Boris Johnson und Premierminister David Cameron nahmen die Polizei jedoch in Schutz. Nicht die Beamten seien an der Gewalt schuld, sondern die Demonstranten, sagte Cameron. Es habe sich auch nicht nur um eine kleine Minderheit von Vandalen gehandelt, sondern um eine große Zahl, die nun die "volle Härte des Gesetzes" spüren sollte. Polizeichef Stephenson sprach von einer "unberechenbaren Demonstration" und lobte die "enorme Zurückhaltung" der königlichen Personenschützer. Sie seien schließlich bewaffnet gewesen.

"Volles Verständnis" für die schwierige Polizeiarbeit

Auch Prinz Charles wollte der Polizei keinen Vorwurf machen. Er habe "volles Verständnis" dafür, wie schwierig die Polizeiarbeit an diesem Abend gewesen sei, sagte der Thronfolger.

Wahrscheinlich fühlt er sich nicht ganz unschuldig. Schon vor der Fahrt hatte er offensichtlich eine Ahnung, dass es Ärger geben könnte. Laut "Telegraph" witzelte Charles auf einem Empfang im Clarence House: "Hoffentlich können wir uns da durchkämpfen und kommen heil an."

Der konservative Kommentator Toby Young sah die Schuld bei den Sicherheitsleuten oder beim Prinzen selbst. "Hätten sie nicht wenigstens ein weniger protziges Transportmittel wählen können?", fragte Young in seinem Blog. Die Idee, mit einem burgunderfarbenen Rolls-Royce Phantom VI mit Goldkrönchen ausgerechnet an diesem Abend durch die Londoner Innenstadt zu fahren, sei "komplett verrückt" gewesen. "Come on, Charles", schrieb Young. "Nächstes Mal, wenn du deine Frau ins Theater ausführen willst und draußen ein gewalttätiger Protest stattfindet, nimm um Gottes willen den (Toyota) Prius."

Die Tatsache, dass Cameron die Gewalt sofort verurteilte, zeigt, wie ernst er die Sache nimmt. Er kennt die Macht der Bilder und weiß, welch verheerender Eindruck in der Welt entsteht, wenn junge Briten einige der wichtigsten Symbole des britischen Staates attackieren. Der Thronfolger, das Finanzministerium, der Supreme Court, die Churchill-Statue vor dem Parlament - die Randalierer machten vor nichts halt.

Auch war es nicht das erste Mal, dass die Londoner Polizei den Massen junger Demonstranten scheinbar ohnmächtig gegenüberstand. Bereits im November hatten die Beamten zusehen müssen, wie Studenten die Parteizentrale der Konservativen stürmten und einen Feuerlöscher vom Dach des Hochhauses in die Menge warfen. Damals musste Scotland Yard einräumen, die Lage unterschätzt zu haben.

In den vergangenen Wochen, als es bei den Demonstrationen immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstößen mit Studenten kam, änderte die Polizei ihre Taktik leicht. Waren die Beamten anfangs noch in normaler Uniform aufgetreten und hatten die Knüppel am Gürtel gelassen, so marschierten sie zuletzt immer häufiger in voller Kampfmontur auf.

Viele Briten sind entsetzt über die chaotischen Szenen

Doch auch für ihr Vorgehen am Donnerstag erntete die Polizei heftige Kritik - und zwar von allen Seiten. In Leserbriefen zeigten sich viele Briten entsetzt über die chaotischen Szenen und forderten härteres Durchgreifen. Auf der anderen Seite klagten die Demonstranten, die Beamten seien zu brutal vorgegangen und hätten die Lage noch eskaliert.

"Ich stand sechs Stunden mit Tausenden anderen im Polizeikessel auf dem Parliament Square", sagte Johnny Davis, Student der Universität Birmingham, dem Sender Sky News. "Es war kalt. Wir wollten einfach nur gehen." Doch die Polizei sei mit Knüppeln und Pferden immer wieder gegen sie vorgegangen.

Andrew Shuttleworth, Student aus Liverpool, sagte der BBC, die Polizei habe unter dem Strich einen guten Job gemacht. Sie habe die Studenten jedoch auch provoziert und so die Stimmung angeheizt. Ein 20-jähriger Student erlitt durch einen Polizeiknüppel eine Gehirnblutung und musste am Kopf operiert werden. Insgesamt gab es am Ende der wilden Nacht 43 verletzte Demonstranten und 12 verletzte Polizisten.

Doch blieben die Polizisten auch am Donnerstag der Londoner Tradition treu, Demonstrationen ohne Wasserwerfer und Tränengas zu befrieden. Stattdessen bildeten sie Menschenketten und versuchten die Demonstration so einzuhegen. Gerieten die Beamten unter Druck, kamen die Pferde zum Einsatz, die in die Menge hineinritten.

Diese Taktik wird sich vermutlich auch bei den nächsten Studentendemonstrationen nicht ändern - ebenso wenig wie die unvermeidliche Kritik an der Polizei nach jedem Einsatz.

"Es wird jetzt viele Leute geben, die die Polizei verdammen und nach einer Untersuchung rufen, wie die Situation derart außer Kontrolle geraten konnte", sagte Bürgermeister Johnson. "Dieselben Leute würden die Polizei auch attackieren, wenn bei der Befriedung der Unruhen noch mehr junge Leute einen Schädelbruch erlitten hätten.

insgesamt 80 Beiträge
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Seite 1
Konrad Toenz 10.12.2010
1. Ist ja nix weiter passiert
Zitat von sysopGroßbritannien ist irritiert: Wie konnte die Polizei es zulassen, dass gewaltbereite Demonstranten auf*den Thronfolger*losgehen?*Scotland Yard kündigte eine offizielle Untersuchung des Vorfalls an. Charles selbst nahm die Beamten in Schutz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734004,00.html
... außer einer Schrecksekunde. Willkommen im wahren Leben. Wie ich Camilla zu kennen glaube, hat sie sich danach erstmal einen Dreifach-Gin gegönnt, in der Tradition der Schwiegeroma.
heinrichp 10.12.2010
2. Wir brauchen keine Könige mehr.
Zitat von sysopGroßbritannien ist irritiert: Wie konnte die Polizei es zulassen, dass gewaltbereite Demonstranten auf*den Thronfolger*losgehen?*Scotland Yard kündigte eine offizielle Untersuchung des Vorfalls an. Charles selbst nahm die Beamten in Schutz. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,734004,00.html
Der Thronfolger wurde mit Farbe attackiert, ob den Engländer das gebeutelte Volk auch so heilig ist wie ihre Monarchie? Wir brauchen keine Könige mehr.
kanadasirup 10.12.2010
3. Nachvollziehbar
Wieviele Studienplätze könnte man denn subventionieren, wenn man den Unterhalt für die Royals abschaffen würde? Ich finde den Ärger der Studenten berechtigt. Die Upper class säuft Champagner und die Studenten können ihr Dasein nicht mehr fristen? Die Entwicklung von GB ist mehr als merkwürdig.
Crass Spektakel 10.12.2010
4. Abgewatscht
Zwei alte Schmarotzer bekommen ein paar Eier ab und die Medien sind "entsetzt". Die Jugend Großbritaniens wird mit absurden Studiengebühren ausgebotet. Und die Medien nehmens es am Rande zur Kenntnis. Wenn echte Randalierer ganze Strassenzüge abfackeln, da gibts keine Empörung.
Reformhaus, 10.12.2010
5. "Fiese Attacke auf zwei Rentner"
Die Erhöhung der Studiengebühren war ein Akt der Sabotage auf die Zukunftsfähigkeit der "British Society". Der Generationenkampf um verbleibende Ressourcen wird mit "fieser Attacke auf zwei Rentner" pointiert beschrieben.
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