Hochzeit und Politik Harry und Meghan - Gegengift für den Brexit

Die königliche Hochzeit wird nicht nur ein weltumspannendes Rührstück. Sie ist auch ein politisches Ablenkungsmanöver für die britische Regierung - die verzweifelt nach guten Nachrichten lechzt.

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Von , London


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die wunderbare Neuigkeit platzte mitten hinein ins Desaster. Zigtausende Arbeitslose waren in ganz Großbritannien in den vergangenen Monaten auf die Straße gegangen, in Brixton, Birmingham, Liverpool, Leeds lieferten sich desillusionierte Jugendliche Straßenschlachten mit der Polizei, die Rezession ging ins zweite Jahr, und in der Downing Street kämpfte die "Eiserne Lady" Margaret Thatcher ums politische Überleben - als seine Königliche Hoheit Charles Philip Arthur George und Lady Diana Spencer in der Londoner St. Paul's Cathedral vor den Altar traten. Zwei Millionen säumten die Straßen, 750 Millionen schauten am Fernseher zu.

Es war der 29. Juli 1981. Und für einige glückliche Wochen vergaßen die Briten, wie schlecht es ihnen eigentlich ging.

Vorbereitungen für die königliche Hochzeit in London
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Vorbereitungen für die königliche Hochzeit in London

Kommenden Samstag nun wiederholt sich Geschichte. Um zwölf Uhr mittags wird Charles' Sohn Prince Henry - genannt Harry - in der St. George's Chapel zu Windsor die US-Schauspielerin Meghan Markle ehelichen. Und für eine Weile werden die allermeisten Briten verdrängen, was in den vergangenen Monaten ihren Alltag bestimmt hat.

Dass der Brexit, dieser nicht enden wollende Scheidungsprozess von der Europäischen Union, das Land zerrissen hat; dass das Leben seither immer teurer wird. Dass in Westminster eine Regierungschefin sitzt, die ihrem Schicksal hilflos entgegenstolpert. Was ist das alles gegen die märchenhaften Bilder, die von Windsor aus um die Welt gehen werden? "Diese Hochzeit", sagt der Oxford-Historiker Steven Gunn, "wird die Menschen hier ganz sicher aufheitern. Viele fühlen sich schon lange nicht mehr heiter, wenn es um den Brexit geht."

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Harry und Meghan: Vergesst den Brexit, da kommt die Braut!

Das Großbritannien des Jahres 2018 ist nicht mehr das des Jahres 1981, die Krisen sind nicht vergleichbar. Und dennoch ist es vermutlich kein Zufall, zu welchem Zeitpunkt die Menschen auf der Insel in eine Masseneuphorie versetzt werden. Königliche Hochzeiten waren, nicht nur in Großbritannien, schon immer Mittel der Politik. Zumal, als Könige tatsächlich noch Regenten waren, und durch das muntere Verheiraten ihrer Kinder Territorien, Dynastien und Macht sicherten.

Allein Queen Victoria, die Ururgroßmutter von Elizabeth II., setzte mit ihrem Prinzgemahl Albert neun Kinder in die Welt, die ihrerseits 42 Nachkommen zeugten. Etliche von ihnen wurden später zu Königen in Griechenland, Norwegen, Rumänien, andere zu deutschen Prinzen.

Königliche Hochzeiten waren in Großbritannien nie eine private Angelegenheit

Mit dem Ersten Weltkrieg fand diese, im Rückblick bizarre, Form der Machtpolitik ihr Ende. Königliche Hochzeiten aber waren in Großbritannien auch danach nie eine private Angelegenheit. Sie blieben hochpolitisch. Und obgleich jede Regierung in London offiziell als "Her Majesty's Government" gilt, ist es de facto doch umgekehrt: Die Richtlinien der Politik bestimmt das Kabinett, die Königin muss sich fügen, sie ist nurmehr Repräsentantin - wenngleich eine mit unerhörtem Einfluss. "Soft power" ist der englische Begriff dafür. Und diese hat sich noch jede Regierung zunutze gemacht.

Die Verlobung von Charles und Diana zum Beispiel wurde seinerzeit am 24. Februar 1981 bekannt gegeben - drei Tage, nachdem ein gewaltiges Heer von Arbeitslosen durchs schottische Glasgow gezogen war. Charles' zweite Hochzeit mit Camilla, der heutigen Duchess of Cornwall, fand im April 2005 statt - kurz darauf gewann Labour-Premier Tony Blair trotz seiner fragwürdigen Rolle im Irakkrieg noch einmal die Wahl.

Charles' Sohn William wiederum gab seine Verlobung mit Kate im November 2010 bekannt. Wenige Wochen zuvor hatte der konservative Finanzminister George Osborne seinen Landsleuten das umfassendste Sparprogramm seit Ende des Zweiten Weltkriegs aufgezwungen.

Wie sehr die jetzige Regierung von Theresa May hofft, von der Popularität vor allem der jungen Royals profitieren zu können, war zuletzt immer wieder zu beobachten. Im Sommer 2017 wurden William und Kate zu einer Charme-Offensive nach Deutschland entsandt, wo London die entscheidenden Politiker für die Brexit-Verhandlungen vermutet. Wie ihre Kinder George und Charlotte die Menschen in Berlin und Heidelberg verzückten, das war genau, was man in Westminster sehen wollte.

Beim jüngsten Commonwealth-Gipfel in London wiederum traten Meghan Markle als Frauen- und Prinz Harry als Jugendbotschafter auf. Brexit-Freunde hoffen, dass der Staatenbund nach dem Austritt aus der EU dem Land das wirtschaftliche Überleben sichern hilft.

"Diese Hochzeit ist das Gegengift zu Trump und Brexit"

Und nun also der nächste königliche Ehebund, der den halben Erdball in seinen Bann ziehen und Großbritannien endlich wieder positive Schlagzeilen bescheren wird. "Diese Hochzeit ist das Gegengift zu Trump und Brexit", sagt Camilla Tominey, die Royal-Reporterin des "Sunday Daily Express": "Der Brexit geht den Leuten allmählich auf die Nerven. Das hier ist Geschichte, Glamour, Unterhaltung."

Und es ist vermutlich noch mehr als das. Zwar ist es Zufall, dass Harrys Auserwählte Amerikanerin ist. Aber in Zeiten, in denen das Vereinigte Königreich drauf und dran ist, seine Bande mit der EU zu kappen und sich wieder stärker der einstigen Kolonie zuzuwenden, hat dieser Bund durchaus eine hohe symbolische Bedeutung. "Er wird den Menschen hier das Gefühl geben, dass Großbritannien näher an die alte transatlantische Beziehung heranrückt", sagt der Historiker Gunn.

Noch bedeutsamer für das Land dürfte nur die Tatsache sein, dass Meghan Markle eine afroamerikanische Mutter hat. Nicht wenige würden ihre Beziehung mit Prinz Harry gern als Zeichen dafür deuten, dass Großbritannien auch nach dem Brexit weltoffen und tolerant bleiben wird. Zweifel an dieser Toleranz haben sich zuletzt gemehrt. So urteilte etwa Priyamvada Gopal von der Universität Cambridge kurz nach dem Referendum: "Brexit-Britannien ist eine zutiefst und zunehmend xenophobische und rassistische Gesellschaft."

Zum selben Ergebnis kam in der vergangenen Woche ein Uno-Bericht über die fremdenfeindliche Atmosphäre auf der Insel. Der Brexit, heißt es darin, habe sehr zu "deutlicher ethnischer und religiöser Intoleranz" im Land beigetragen.

Sollte die königliche Hochzeit daran etwas ändern, wäre das ein Signal, das nur Ewiggestrige nicht gutheißen könnten.


Zusammengefasst: Ein stotternder Brexit, grassierender Rassismus, wachsende Armut - die politischen und gesellschaftlichen Probleme in Großbritannien sind gewaltig. Da kommt - auch der May-Regierung - die königliche Hochzeit gerade recht. Vielleicht vergisst das Volk über Harry und Meghan ja eine Weile seine Probleme. Hof-Events wie dieses werden traditionell von der Politik zu eigenen Zwecken ausgeschlachtet. Nicht zuletzt könnte sich diese spezielle Hochzeit auch auf die britisch-amerikanischen Beziehungen auswirken.

insgesamt 22 Beiträge
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itajuba 18.05.2018
1.
Ich verstehe nicht, warum die seriöse "republikanische" Presse soviel Wirbel um die Hochzeit macht. Ist schon interessant, wie sich Leute um "Adlige" kümmern. Sollen die besser als normale Bürger sein und was ändert sich, wenn ein nichtadliger Mensch plötzlich eine(n) blaugebore(n) heiratet? Und so etwa im 21. Jahrhundert mit angeblicher politischer und sozialer Aufklärung.
Lykanthrop_ 18.05.2018
2.
Was hat diese Hochzeit nochmal mit dem Brexit zu tun ? Ich verstehe es nicht. Im Allgemeinen ist heiraten schon so etwas wie der Gipfel des Kapitalismus am Menschen. Der Erwerb von meinem Mann und meiner Frau. Ich wünsche mir eine Welt in der Liebe kein Handel ist.
Renoir7 18.05.2018
3. Was war da ?
..... Wenige Wochen zuvor hatte der konservative Finanzminister George Osborne seinen Landsleuten das umfassendste Sparprogramm seit Ende des Zweiten Weltkriegs aufgezwungen....... Ich wohne in London. Davon habe ich aber nichts mitgekriegt.
dunnhaupt 18.05.2018
4. Maßlos übertriebener Medienrummel, als handle es sich um eine Krönung
Prinz Harry steht derzeit lediglich an 6. Stelle in der Thronfolge, und falls sein Bruder noch einige Kinder hat, mag er gar auf die 8. oder 10. Stelle rutschen. Das Medientheater um solche "ferner liefen" ist also kaum gerechtfertigt. Aber man wünscht dem jungen Paar natürlich alles Gute.
Tom Joad 18.05.2018
5. Alles Unsinn!
So ein Ablenkungsmanöver haben die Engländer doch gar nicht nötig! Die werden diesen Sommer doch Fußballweltmeister! :D
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