Pro-West-Protest Krawalle in der Ukraine - Klitschko attackiert

In der Ukraine ist der Protest von mehr als 100.000 Regierungsgegnern eskaliert, Straßenschlachten erschüttern die Hauptstadt Kiew. Vitali Klitschko wurde angegriffen. Der Oppositionspolitiker handelte mit Präsident Janukowitsch eine Kommission zur Beilegung der Krise aus.

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Kiew - Bei den Zusammenstößen zwischen Regierungsgegnern und der Polizei in der ukrainischen Hauptstadt Kiew sind mehr als 70 Sicherheitskräfte und 100 Demonstranten verletzt worden. Zahlreiche Milizionäre mussten in Krankenhäusern behandelt werden, wie das Innenministerium am späten Sonntagabend mitteilte.

Wütende Anhänger der proeuropäischen Opposition setzten mehrere Einsatzfahrzeuge und Spezialtechnik in Brand. Die Ausschreitungen dauerten auch nach mehr als fünf Stunden an. Es gab mehrere Festnahmen.

Am Nachmittag und Abend standen sich Regierungsgegner und die Polizei gegenüber. Hunderte mit Holzknüppeln ausgerüstete und mit Masken vermummte Oppositionelle wollten eine Polizeiabsperrung durchbrechen und das Parlamentsgebäude stürmen. Gegen Ende der Kundgebungen warfen die Demonstranten auf dem Unabhängigkeitsplatz, dem Maidan, Steine und Molotow-Cocktails auf die Sicherheitskräfte. Sie versuchten, Polizeiabsperrungen zu durchbrechen und Einsatzbusse umzustoßen. Die Sicherheitskräfte setzten Blendgranaten und am späten Abend auch einen Wasserwerfer ein - bei etwa minus acht Grad Celsius.

Klitschko warnt vor einem Bürgerkrieg

Der prowestliche Oppositionspolitiker und Ex-Boxweltmeister Vitali Klitschko wurde angegriffen, als er versuchte, die wütende Menge zu beruhigen, wie Medien berichteten. Demnach wurde Klitschko mit einem Feuerlöscher besprüht. Klitschko forderte die Demonstranten auf, die Polizei nicht zu provozieren. Zugleich rief er Präsident Viktor Janukowitsch auf, die Sicherheitskräfte abzuziehen.

Klitschko warnte vor einem Bürgerkrieg. "Ich schließe einen Bürgerkrieg nicht mehr aus. Doch wir werden jede Möglichkeit nutzen, um Blutvergießen zu vermeiden", sagte er. In einem Vieraugengespräch hatten Janukowitsch und Klitschko beschlossen, eine Kommission aus Regierungsmitgliedern und Oppositionsvertretern zu schaffen, um die Krise beizulegen. Diese soll am Montagmorgen zusammentreten. Gemeinsam sollten die Teilnehmer einen "Weg aus der aktuellen Krise" finden.

Arseni Jazenjuk von der Vaterlandspartei der inhaftierten ehemaligen Regierungschefin Julia Timoschenko warnte vor "Gewalt" und "Provokationen".

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Massenproteste in Kiew: Feuerlöscher, Blendgranaten, Tränengas
Die Demonstranten hatten auf einer Massenkundgebung auf dem zentralen Unabhängigkeitsplatz ihren Unmut darüber gezeigt, dass die Opposition nach Wochen des Protestes keine Ergebnisse vorweisen könne. Besonders gegen Klitschko gab es Buhrufe bei der Kundgebung. Er steht in der Kritik, ohne Plan und unentschlossen zu handeln und die zersplitterte Opposition nicht einen zu können.

Nach Meinung von Beobachtern fordern vor allem jüngere Demonstranten rasche Veränderungen. "Wir brauchen einen Anführer, der uns heute und jetzt zum Sieg führt. Wir brauchen einen Namen", sagte Dmitri Bulatow, einer der führenden Köpfe der Straßenproteste.

Zuvor waren proeuropäisch gesinnte Ukrainer auf Kiews Straßen gezogen, um gegen die Regierung und ein umstrittenes Demonstrationsverbot zu protestieren. Unklar ist noch, wie viele Menschen an den Protesten teilnahmen. Die Angaben schwanken zwischen 100.000 und 200.000 Protestierenden. Viele von ihnen trugen Karnevalsmasken, Töpfe, Siebe oder Kartons auf dem Kopf, um die am Freitag verschärften Sanktionen für vermummte Demonstranten lächerlich zu machen.

15 Tage Haft für ein Zelt am falschen Ort

Das gesetzlich beschnittene Demonstrationsrecht sieht unter anderem Geldstrafen für Demonstranten vor, die sich etwa mit Gesichtsmasken oder Helmen vermummen. Für den ungenehmigten Aufbau von Bühnen und Zelten auf öffentlichen Plätzen können 15 Tage Haft verhängt werden, bis zu fünf Jahre Gefängnis drohen für die Blockade öffentlicher Gebäude.

Auch die Strafen für "Verleumdungen im Internet" wurden verschärft. Außerdem hatte ein Gericht am Mittwoch ohne Angabe von Gründen entschieden, dass im Zentrum von Kiew bis zum 8. März nicht mehr demonstriert werden dürfe. Im Parlament hatten sich während der Sitzung rund um das Demonstrationsrecht tumultartige Szenen abgespielt. Klitschko erklärte die neue Gesetzgebung für "illegal". Arseni Jazenjuk sprach dem Parlament jegliche Legitimität ab und verlangte die Gründung eines "Volksrats aus Politikern der Opposition".

Der britische Außenminister William Hague hat indes zur Besonnenheit aufgerufen. Gewalt sei nicht die Lösung, twitterte Hague am Sonntagabend. Auch die US-Botschaft in Kiew forderte ein Ende der Ausschreitungen. Die Regierung sei zu Verhandlungen mit allen Konfliktparteien aufgerufen, um die Krise zu beenden und weitere Gewalt zu verhindern, hieß es in einer Mitteilung.

kha/jok/dpa/AFP/Reuters

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