Propaganda gegen Muslimbrüder Ägyptens liberale Elite rückt nach rechts

Die Stimmung in Ägypten verändert sich dramatisch. Selbst Menschenrechtsanwälte und Oppositionelle verbreiten Hassparolen, manche sehen die Muslimbrüder gar als "Krankheit". Die einst liberale Elite am Nil radikalisiert sich.

AP

Aus Kairo berichtet Ulrike Putz


Amir Salim ist ein Ägypter mit klassischem Revoluzzer-Profil: Als politisch engagierter junger Anwalt spezialisierte er sich auf Menschenrechtsfälle. Unter Husni Mubarak brachte ihm das neun Gefängnisaufenthalte ein. Als sich 2011 die Revolte gegen den alternden Dauerdespoten abzeichnete, war Salim schnell einer der Wortführer. Nach dem Sturz des alten Regimes gründete er eine Organisation, die sich für einen zivilen Staat ohne Einmischung des Militärs einsetzt. In einem 2012 erschienen Buch sezierte er die Strukturen von Mubaraks Polizeistaat.

Dieselbe Polizei, deren Vorgehensweise Salim in seinem Buch so scharf angriff, ist in den vergangenen zwei Tagen mit größter Brutalität gegen Demonstranten vorgegangen. Mindestens 623 Menschen, die große Mehrheit Zivilisten, starben bei den darauf folgenden Straßenschlachten.

Und was macht Salim? Sitzt in einem Traditionscafé in Kairos Innenstadt und sagt Sätze wie diesen: "Die Muslimbrüder sind eine Krankheit, die Polizei muss sie ausmerzen." Und: "Polizei und Armee haben sich nur selbst verteidigt." Dann: "Das Problem ist erst erledigt, wenn der letzte Bruder, der noch aufmuckt, im Gefängnis ist." Auf die Frage nach den Menschenrechten der Getöteten und Verwundeten fällt ihm dies ein: "Und was ist mit dem Recht der Anwohner der Protestcamps? Was ist mit deren Menschenrecht, ihre Wohnung zu genießen?"

Willkommen in Ägypten unter General Abd al-Fattah al-Sisi. Das Land ist tief polarisiert. Ein Land, in dem selbst die klügsten, kritischsten Köpfe stumpfe Propaganda verbreiten. In dem auf beiden Seiten des tiefen politischen Grabens vereinfacht, verfälscht, verhetzt wird. Und wer es wagt, kritisch nachzufragen, läuft Gefahr, tätlich angegriffen zu werden. Das mussten viele ausländische Reporter in diesen Tagen erfahren.

Auf dem Tahrir-Platz, auf dem die bisher als liberal Geltenden noch vor wenigen Wochen gegen jede Gewaltanwendung seitens der Sicherheitskräfte protestiert hatten, herrscht gähnende Leere. Und statt ihre gewaltbereiten Anhänger zurückzupfeifen, befeuern die Muslimbrüder den Zorn. So treiben beide Seiten das Land in einen Bürgerkrieg.

Die Propaganda verfängt sich vergleichsweise leicht in der breiten Masse, womöglich spielt das Erbe von 60 Jahren Diktatur dabei eine Rolle. Verblüffend ist jedoch, dass auch diejenigen, die sich als aufgeklärte Elite des Landes verstehen, im Gleichschritt mitmarschieren.

Wut auf den zurückgetretenen ElBaradei

Da ist zum Beispiel Khaled Daud: Er ist Sprecher der Nationalen Heilsfront (NSF), zu der sich elf liberale Parteien zusammengeschlossen haben. Nein, sagt Daud, der Angriff auf die Protestcamps der Brüder könne keinesfalls als Massaker bezeichnet werden. Die Brüder hätten sie ja freiwillig räumen können, da sie das nicht getan hätten, trügen sie die Verantwortung für die Todesfälle. "Wir verurteilen die Vorfälle nicht", sagt Daud.

Dann regt sich offenbar doch sein Gewissen: Was er da von sich gebe, sei die Parteilinie, als Privatmann denke er anders, gesteht er. "Nichts kann das Töten rechtfertigen. Man kann solch hohe Zahl von Todesfällen nicht wegerklären. Die Polizei hat brutale, exzessive Gewalt angewendet. Es ist eine Katastrophe."

Mit diesen Ansichten stehe er ziemlich allein da, berichtet Daud. "Die Mehrheit der Ägypter denkt, dass die Brüder noch viel härter angegangen werden müssen." Kaum einer habe Verständnis für den Oppositionellen Mohammed ElBaradei. Der Friedensnobelpreisträger, der in der Übergangsregierung als Vizepräsident fungierte, war am Mittwoch aus Protest gegen das Blutbad zurückgetreten. Seitdem wird er von Ägyptens Liberalen teils wüst beschimpft. Ein Verräter sei er.

"Der Feind sind jetzt die Ägypter mit anderen Ansichten"

Einer der wenigen, der ElBaradeis Entscheidung öffentlich Respekt gezollt hatte, ist Aschrif Arubi. Der Ingenieur ist einer der Mitbegründer der Jugendbewegung 6. April, die maßgeblich am Sturz Mubaraks beteiligt war. "ElBaradei hat Prinzipien, ich finde das gut", sagt er. Seitdem Arubi diese Meinung in sozialen Medien kundgetan hat, wird er mit Hassnachrichten bombardiert.

Arubi und seine Leute würden gern zu einer Demo gegen die Gewalt vom Mittwoch aufrufen. "Wir sind gegen die Art, wie die Polizei die Camps aufgelöst hat." Doch sei jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, so etwas laut zu sagen, sagt Arubi - es sei zu gefährlich. "Den Leuten ist es recht, dass die Brüder getötet werden, sie wollen an ihnen Rache nehmen", behauptet der 33-Jährige. Die staatlichen Medien unterzögen die Menschen einer Gehirnwäsche. "Meine größte Befürchtung scheint wahr zu werden", sagt der Aktivist. "Die Ägypter sehen nicht mehr die Obrigkeit als ihren Gegner. Der Feind sind jetzt die Ägypter mit anderen Ansichten."

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Thomas-Melber-Stuttgart 16.08.2013
1. Alles was recht(s) ist!
Zitat von sysopAPDie Stimmung in Ägypten verändert sich dramatisch. Selbst Menschenrechtsanwälte und Oppositionelle verbreiten Hassparolen, manche sehen die Muslimbrüder gar als "Krankheit". Die einst liberale Elite am Nil radikalisiert sich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/propaganda-gegen-muslimbrueder-aegyptens-liberale-ruecken-nach-rechts-a-916885.html
Und weshalb ist das jetzt "rechts"? Das Motto: "Keine Toleranz der Intoleranz" ist doch eher links ?!
testthewest 16.08.2013
2.
Zitat von sysopAPDie Stimmung in Ägypten verändert sich dramatisch. Selbst Menschenrechtsanwälte und Oppositionelle verbreiten Hassparolen, manche sehen die Muslimbrüder gar als "Krankheit". Die einst liberale Elite am Nil radikalisiert sich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/propaganda-gegen-muslimbrueder-aegyptens-liberale-ruecken-nach-rechts-a-916885.html
"Na endlich!" möchte man rufen. Nur noch ein paar Schritte, und dder Kern des Problems, der Islam, ist erkannt!
ruplanb 16.08.2013
3. Umkehrschluß
Zitat von sysopAPDie Stimmung in Ägypten verändert sich dramatisch. Selbst Menschenrechtsanwälte und Oppositionelle verbreiten Hassparolen, manche sehen die Muslimbrüder gar als "Krankheit". Die einst liberale Elite am Nil radikalisiert sich. http://www.spiegel.de/politik/ausland/propaganda-gegen-muslimbrueder-aegyptens-liberale-ruecken-nach-rechts-a-916885.html
im Umkehrschluß bedeutet dieses Nachricht, dass die Muslimbrüder links sind?!
analyse 16.08.2013
4. so schnell kanns gehen !
Was wußten viele unserer Journalisten alles über den "arabischen Frühling" zu berichten !
Beobachter123 16.08.2013
5. Hoffentlich nicht zu spät
Die Lage in Ägypten sollte der Welt die Augen öffnen. Diesen Muslimbrüdern geht es nicht um Freiheit und Demokratie. Sondern um Macht und Terror. Um das Problem einzudämmen muss man so konsequent wie möglich handeln.
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