Protest gegen Cartoons Brennende Botschaften und Antisemitismus

Europäische Vertretungen im Nahen Osten brennen, Tausende Menschen demonstrieren gegen die dänischen Mohammed-Karikaturen, und eine muslimische Partei kontert mit antisemitischen Zeichnungen. Dänemark will bei einem Treffen mit der Islamischen Konferenz nun für Entspannung sorgen.


Beirut/Amsterdam/Kopenhagen - Die Organisation der islamischen Konferenz (OIC), ein Zusammenschluss von 57 islamischen Ländern, stimmte heute einem Treffen mit dem dänischen Außenminister Per Stig Møller über die umstrittenen Mohammed-Karikaturen zu. Im Außenministerium in Kopenhagen hieß es, das Ziel des Treffens sei es, die in den vergangenen Tagen ausgeweiteten Straßenproteste gegen die in Dänemark von der Zeitung "Jyllands-Posten" veröffentlichten Zeichnungen einzudämmen. Die OIC hatte zu Beginn der Protestwelle vor zehn Tagen eine offizielle Entschuldigung der dänischen Regierung für die Veröffentlichung verlangt.

Erzürnter Demonstrant in Pakistan: Kampf der Kulturen?
DPA

Erzürnter Demonstrant in Pakistan: Kampf der Kulturen?

Mit der gewaltsamen Besetzung und Verwüstung europäischer Botschaften im Nahen Osten hatten die Proteste gegen die Karikaturen am Wochenende einen neuen Höhepunkt erreicht. Demonstranten setzten heute das Gebäude des dänischen Konsulats in der libanesischen Hauptstadt Beirut in Brand.

Tausende Demonstranten zogen in einem christlichen Stadtviertel von Beirut vor das dänische Konsulat, einige Demonstranten durchbrachen einen Sicherheitskordon der Polizei und setzten das Gebäude in Brand. Nach Krankenhausangaben wurden bei den Zusammenstößen mindestens 28 Menschen verletzt. Der libanesische Regierungschef Fuad Siniora verurteilte die Proteste. Bereits gestern waren in Syriens Hauptstadt Damaskus mehrere tausend Menschen vor die Botschaften Dänemarks und Norwegens gezogen. Ein Teil der Demonstranten hatte die Absperrungen der Polizei durchbrochen, die Gebäude gestürmt, Möbel und Akten aus den Fenstern geworfen und Brände gelegt.

Syrien: "Wir verstehen die Wut des Volkes"

Auf Anraten ihrer Regierungen verließen heute die ersten Dänen und Norweger Syrien. Beide Länder kündigten den Abzug ihrer Diplomaten an. Die meisten Norweger wollen Syrien entgegen den Ratschlägen der Regierung in Oslo vorerst nicht verlassen. Von den geschätzten 90 Norwegern, die sich in Syrien aufhielten, erklärten nach Angaben des Außenministeriums zunächst nur 12, dass sie das Land verlassen wollten. 26 Familien wollten in Syrien bleiben.

Nach der Verwüstung seiner Botschaft in Damaskus griff Dänemark die syrische Regierung scharf an. Syrien habe seine Pflicht vernachlässigt, sagte Außenminister Møller in Kopenhagen. Norwegen seinerseits fordert von Syrien Entschädigung für die Verwüstung seiner Botschaft in Damaskus. "Wir werden die Sache vor die Vereinten Nationen tragen", sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg der Nachrichtenagentur NTB.

Das syrische Außenministerium erklärte, dass es die Gewalttaten bedauere. "Wir verstehen die Wut des Volkes über die Beleidigungen des Propheten, aber die Verletzung von Gesetz und Ordnung ist nicht hinnehmbar", hieß es in der Erklärung. Zum Schutz der ausländischen diplomatischen Vertretungen seien zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet worden.

In Gaza stürmten Demonstranten gestern das Gelände der deutschen Vertretung und warfen Scheiben ein. Sie rissen eine deutsche Flagge herunter und verbrannten sie. Das Auswärtige Amt verurteilte die Attacke. Jugendliche griffen auch die Vertretung der EU an.

"Kräfte, die eine Konfrontation wollen"

Das iranische Verkehrsministerium gab bekannt, sämtliche Wirtschaftsverträge mit Dänemark und Norwegen seien eingefroren worden. "Man muss die Wirtschaftsverträge mit dem Land überprüfen und annullieren, das mit diesem abscheulichen Akt begonnen hat, und mit den Ländern, die ihm gefolgt sind", sagte Ahmadinedschad laut der Nachrichtenagentur Insa. Der Präsident habe für die Umsetzung der Maßnahmen ein Gremium gegründet, das aus ranghohen Beamten von Außen-, Industrie-, Öl- und Handelsministerium besteht, hieß es.

Møller rief die Anführer der Gewalt zur Zurückhaltung auf. "Es ist eine kritische Situation", sagte der Minister im dänischen Rundfunk. "Wir versuchen zu erklären, dass genug genug ist." Die Lage dürfe nicht weiter angeheizt werden. Die Verantwortlichen müssten sich jetzt um eine Entspannung bemühen. Die dänische Regierung wolle Muslime nicht beleidigen. "Jetzt geht es um mehr als die Karikaturen. Es gibt Kräfte, die eine Konfrontation unserer Kulturen wollen." Daran könne jedoch niemand ein Interesse haben.

Möller sagte, Falschinformationen und Missverständnisse hätten sich im Nahen Osten ausgebreitet. Die dänischen Medien hatten zuvor berichtet, in Damaskus habe es Gerüchte gegeben, in Kopenhagen sei der Koran verbrannt worden. Der Minister versicherte, dies sei nicht der Fall. "Die einzigen Gruppen, die von dieser Situation profitieren, sind Extremisten und Fanatiker."

Auch der Chef der größten libanesischen Parlamentsfraktion, Saad Hariri, rief heute alle Seiten zu "Ruhe und Verantwortung" auf. Der Sohn des ermordeten Ministerpräsidenten Rafik Hariri kritisierte die "in Damaskus initiierten und nach Beirut exportierten Gewaltakte" gegen westliche Botschaften. Hariri betonte in Paris, dass bei den Kundgebungen in Beirut Ausländer festgenommen worden seien. "Wer auch immer einen Stein auf eine Kirche, ein Auto oder eine Botschaft wirft, wird den höchsten Preis bezahlen", sagte Hariri.

"Brandstiftung kann einen Fehler nicht gut machen"

Auch in Deutschland wächst die Sorge angesichts der Eskalation des Streits. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nannte es auf der Münchner Konferenz für Sicherheitspolitik "inakzeptabel", Gewalt mit der Verletzung religiöser Gefühle zu legitimieren. "Noch haben wir keinen Kampf der Kulturen, aber wir sind vom angestrebten Dialog weiter entfernt als gewünscht", warnte Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD).

Uno-Generalsekretär Kofi Annan erklärte, er teile zwar die Gefühle der Muslime, die die Bilder als verletzend empfänden, dennoch rufe er zur Vergebung auf. Der Vatikan erklärte, die Proteste in der islamischen Welt seien "bedauerlich" und rief die Religionen zu gegenseitigem Respekt auf.

Der EU-Außenbeauftragte Javier Solana verurteilte jede Form von "Gewalt und Drohungen gegen europäische Bürger". Durch derartige Vorfälle könne "das Bild eines friedlichen Islam nur Schaden erleiden", fügte Solana hinzu. Auch der türkische Ministerpräsident Reccep Tayyip Erdogan erklärte, durch Brandstiftung und Zerstörung könnten "Fehler nicht gut gemacht werden".

Auch der afghanische Präsident Hamid Karzai hat zur Ruhe  aufgerufen. Als Muslim fühle er sich durch die Karikaturen zwar "sehr beleidigt", sagte Karzai heute dem US-Nachrichtensender CNN. Er fordere aber seine Glaubensbrüder auf, "oberhalb dieser Kontroverse zu bleiben und sich nicht auf das Niveau derer herabzulassen, die diese Karikaturen veröffentlicht haben". Eine Zeitung dürfe nicht mit einer Nation gleichgesetzt werden.

Liga veröffentlicht antisemitische Zeichnungen

Als Reaktion auf die Mohammed-Karikaturen verbreitete eine islamische Partei in Europa antisemitische Zeichnungen im Internet. Auf der Website der Arab European League (AEL) erschien gestern eine Zeichnung, die Anne Frank mit Adolf Hitler im Bett zeigt. Eine weitere Karikatur stellte den Holocaust in Zweifel.

Außerdem kündigte die Liga eine Kampagne anti-westlicher Karikaturen an. "Wenn das jetzt die Zeit ist, Tabus zu brechen", schreibt sie auf ihrer Homepage, "wollen auch wir nicht zurückbleiben." Die Zeichnungen seien eine Übung in Pressefreiheit, erklärte die AEL, man zeige sie nicht, weil man ihren Inhalt befürworte. Das mag man bezweifeln. Denn die obskure Gruppe verbreitet auf ihrer Homepage auch die Verschwörungstheorie, der israelische Geheimdienst Mossad stecke hinter dem Mord an dem libanesischen Politiker Hariri. Eine Untersuchung der Uno hat bisher klare Hinweise auf eine Verantwortung Syriens ergeben. In einem Text bejubelt die AEL zudem den Sieg der Hamas in den palästinensischen Gebieten. Die Hamas stehe für die "Befreiung Paläsinas vom Meer bis zum Jordan" - mit anderen Worten: für die Vernichtung des Staates Israel.

AEL-Gründer Dyab Abou Jahjah verteidigte die Aktion im niederländischen Fernsehen. "Europa hat seine heiligen Kühe, auch wenn es keine religiösen heiligen Kühe sind", sagte er dem Sender Nova.
In Jordanien wurden indes die beiden Chefredakteure, die gestern wegen eines Nachdrucks der Karikaturen festgenommen worden waren, wieder freigelassen. Der Chefredakteuer des Wochenmagazins "Schihan", Dschiha Momani, und der Chefredakteur des Boulevardblatts "al-Mehwar", Hicham al-Chalidi, seien von einem  Strafrichter gehört worden, verlautete heute aus Justizkreisen in Amman. Dieser habe die beiden Journalisten wieder auf freien Fuß gesetzt.

Chalidi bestätigte die Angaben. Er unterstütze den Boykott dänischer Produkte und habe die Karikaturen veröffentlicht, um "in der muslimischen Welt eine Reaktion auf diese Angriffe auszulösen", sagte Chalidi. Ihm und Momani war der "Angriff auf religiöse Gefühle" vorgeworfen worden. Beide plädierten auf nicht schuldig. In einigen Tagen müssen sie erneut vor Gericht erscheinen und im Falle einer Verurteilung mit bis zu drei Monaten Gefängnis oder einer Geldstrafe rechnen.

dab/AP/AFP/dpa

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