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Nach Freitagsgebeten: In der islamischen Welt entlädt sich die Wut über "Charlie Hebdo"

Rauch über dem französisch-nigrischen Kulturzentrum in Zinder: Vier Tote nach Protesten Zur Großansicht
AFP

Rauch über dem französisch-nigrischen Kulturzentrum in Zinder: Vier Tote nach Protesten

Weltweit demonstrierten Muslime gegen die neue "Charlie-Hebdo"-Ausgabe, dabei gab es Tote und Verletzte. In Europa ging die Polizei gegen mutmaßliche Dschihadisten vor. Mehr als zwei Dutzend Menschen wurden festgenommen.

Hamburg - Die Wut über die Mohammed-Karikatur in der jüngsten "Charlie Hebdo"-Ausgabe hat sich nach den Freitagsgebeten vielfach in Gewalt entladen. In Zinder in Niger wurden nach Angaben des Innenministeriums mindestens vier Menschen getötet und 45 weitere verletzt, als Muslime ein französisches Kulturzentrum und drei Kirchen in Brand steckten.

"Das ist ein schwarzer Freitag", sagte ein Mitarbeiter der Stadtverwaltung von Zinder, der zweitgrößten Stadt im westafrikanischen Niger. "So etwas hat es hier noch nicht gegeben." Nach dem Freitagsgebet habe sich eine Menschenmasse aus den Moscheen ergossen, berichtete ein Journalist.

Bei den Todesopfern handle es sich um drei Zivilisten und einen Polizisten, sagte Innenminister Hassoumi Massaoudou. Neben dem Kulturzentrum gingen zwei katholische und eine evangelische Kirche, ein Parteibüro und mehrere Bars in Flammen auf.

Weltweit gingen nach den Freitagsgebeten Muslime gegen die Mohammed-Karikatur in der jüngsten "Charlie Hebdo"-Ausgabe auf die Straße. Teilweise kam es zu Gewalt. Viele Muslime sehen die Karikaturen als Beleidigung des Islams. Ein Überblick:

  • Im pakistanischen Karatschi versammelten sich etwa 200 Menschen, um gegen das Satiremagazin zu protestieren. Gläubige stürmten das französische Konsulat, es gab drei Verletzte.
  • In Jordanien zogen 2500 Demonstranten nach dem Freitagsgebet durch die Hauptstadt Amman.
  • In der algerischen Hauptstadt Algier zogen bis zu 3000 Menschen unter dem Ruf "Wir sind alle Mohammed" durch die Straßen.
  • Auf dem Tempelberg in Jerusalem versammelten sich Hunderte Muslime. In der Menge waren auch Fahnen der radikalislamischen Hamas zu sehen. "Franzosen, Bande von Feiglingen", riefen einige Demonstranten.
  • Im türkischen Istanbul versammelten sich rund hundert Menschen zum Gedenken an die Attentäter Chérif und Saïd Kouachi. Eine radikale Bruderschaft hatte dazu aufgerufen.

Europa geht gegen Dschihadisten vor

In Frankreich gilt seit dem Pariser Anschlag die höchste Terrorwarnstufe. Soldaten sind vor Schulen und auf öffentlichen Plätzen postiert. Die belgischen Behörden riefen nach dem tödlichen Anti-Terror-Einsatz die zweithöchste Alarmstufe aus. Polizeiwachen wurden verbarrikadiert, jüdische Schulen vorerst geschlossen.

Solche Warnstufen hat Deutschland nicht. Bislang gibt es hier auch nur wenige sichtbare Sicherheitsvorkehrungen; etwa ein wenig mehr Polizei an einigen Stellen, zum Beispiel rund um bestimmte Medienhäuser. Auf eine deutliche Verstärkung der Polizeipräsenz in der Öffentlichkeit verzichten Bund und Länder bislang. Es gibt allerdings erste vorsichtige Hinweise, dass Dschihadisten auf deutsche Bahnhöfe und Pegida-Demos Anschläge vorbereiten könnten.

Hinter den Kulissen sind Polizei und Geheimdienste verstärkt im Einsatz: "Die deutschen Sicherheitsbehörden unternehmen alles, um die Bevölkerung wirksam zu schützen", betont de Maizière. Aber es sei doch auch klar, dass man nicht jede Maßnahme sehe oder offen darüber spreche.

In Europa ging die Polizei am Freitag gleichzeitig mit zahlreichen Anti-Terror-Aktionen gegen mutmaßliche Islamisten vor. Mehr als zwei Dutzend Menschen wurden von Sicherheitskräfte wegen Terrorverdachts festgenommen:

  • In Deutschland durchsuchten 250 Berliner Polizeibeamte am Freitag elf Wohnungen und nahmen bei der Großrazzia zwei Männer fest, die Kämpfer für Syrien rekrutiert und diese bei der Ausreise unterstützt haben sollen. Am Donnerstag hatten Ermittler in Wolfsburg einen Deutsch-Tunesier festgenommen, gegen ihn wurde Haftbefehl erlassen. Der 26-Jährige soll sich der Terrormiliz "Islamischer Staat" angeschlossen haben.
  • Bei einem Anti-Terror-Einsatz der Polizei in Verviers im Osten Belgiens wurden bereits in der Nacht zum Freitag zwei mutmaßliche Islamisten von der Polizei erschossen, einer wurde verwundet. Bei zwölf Anti-Terror-Einsätzen nahmen die Sicherheitskräfte 13 weitere Menschen fest. In Belgien gibt es, gemessen an der Einwohnerzahl, so viele kampfbereite Dschihad-Rückkehrer wie sonst nirgendwo in Europa. Zwei weitere Verdächtige, die mit der Terrorgruppe in Verviers in Verbindung stehen sollen, wurden in Frankreich festgenommen.
  • In Irland nahm die Polizei einen französisch-algerischen Mann fest, als er mit einem gefälschten Pass einreisen wollte. Er war auf eine Überwachungsliste aufgenommen worden, weil er sich auf sozialen Netzwerken zustimmend über den Anschlag auf die "Charlie Hebdo"-Redaktion geäußert hatte.
  • In Frankreich nahm die Polizei bei der Suche nach Komplizen der islamistischen Attentäter von Paris zwölf Menschen fest. Die Verdächtigen sollten hinsichtlich einer "möglichen logistischen Unterstützung" der Attentäter verhört werden, hießt es aus Justizkreisen. Den Angaben zufolge könnten sie die Attentäter mit Waffen und Autos versorgt haben.
  • In Großbritannien wurde eine 18-jährige Frau wegen Terrorverdachts am Flughafen Stansted festgenommen.
  • Österreichische Sicherheitskräfte nahmen in Wien einen 14-Jährigen erneut in Gewahrsam, der einen Anschlag geplant haben soll. Die Polizei hatte den Schüler bereits Ende Oktober festgenommen, damals aber wieder freigelassen. Nach eigenen Angaben wolle er nach Syrien reisen, um sich der Dschihadistenmiliz "Islamischer Staat" anzuschließen.

Obama und Cameron stimmen Anti-Terror-Strategie ab

Auch beim Besuch des britischen Premiers David Cameron bei US-Präsident Barack Obama spielte die gemeinsame Anti-Terror-Strategie und Krieg gegen den IS die Hauptrolle: Am Freitag kündigten die beiden Staatschefs an, im Kampf gegen den Terror künftig noch enger zusammenzuarbeiten.

"Es ist ein Problem, das großen Kummer, große Trauer und Zerstörung auslöst. Aber es ist eines, das wir letztlich besiegen werden", sagte Obama in Washington.

eth/dpa/Reuters/AFP/AP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 31 Beiträge
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1. ball fachhalten
mkissed 17.01.2015
In 5 Ländern gehen weit weniger als 10.000 Menschen auf sie Straße. Das sind wohl kaum weltweite Demonstrationen.
2.
Spanier.cs 17.01.2015
Wie polemisch ist diese Überschrift bitte?! Dabei sind es doch circa ganze 6000 Muslime weltweit, eine unglaubliche Anzahl!
3. Sind das alles Islamisten?
Big_Jim 17.01.2015
Sie schreiben, es demonstrieren Muslime und ich frage mich: Wird der Muslim zum Islamisten wenn er demonstriert oder reicht das noch nicht? Und wann gehört der Muslim und sein Islam nicht mehr zu Deutschland? Erst wenn er Menschen tötet oder auch wenn er dazu aufruft oder schon wenn er demonstriert und zum Töten aufruft? Wäre schön wenn mir SPON mal erklären könnte was ich jetzt als guter Bürger zu glauben habe, weil ich wirklich etwas den Faden verliere... Danke schön!
4.
symolan 17.01.2015
Wer sonst keine Sorgen hat demonstriert gegen Zeichnungen?
5.
M. Michaelis 17.01.2015
Zitat von mkissedIn 5 Ländern gehen weit weniger als 10.000 Menschen auf sie Straße. Das sind wohl kaum weltweite Demonstrationen.
Aber es sind genug um der Welt zu zeigen wo die islamische Welt steht.
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