Protest gegen den Kreml: Moskaus Waldgeister ziehen in den Kampf

Von Maxim Kireev, Moskau

In Moskau formiert sich der Widerstand gegen den Bau einer Schnellstraße durch den Chimki-Wald. Immer mehr Menschen schließen sich dem Protest gegen die Rodung an, Umweltschützer und Regierungskritiker Seite an Seite. Der Kreml agiert unbeholfen - und lässt nun hart durchgreifen.

Proteste im Chimki-Wald (am 2. August): Vertrieben vom eigenen Land Zur Großansicht
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Proteste im Chimki-Wald (am 2. August): Vertrieben vom eigenen Land

Die Szenerie ist furchteinflößend. Eine Hundertschaft Vermummter feuert Salven aus Gaspistolen auf das Rathaus von Chimki, einer Trabantenstadt vor Moskau. Rauchgranaten vernebeln das Gebäude der Stadtverwaltung, Scheiben bersten: Die Angreifer schleudern Feuerwerkskörper und Steine in die Fenster - und fordern die "Befreiung des russischen Waldes von der faschistischen Okkupation".

Gemeint ist der Kreml. Nur einen einzigen klapprigen Streifenwagen, Marke Uas, bietet die russische Staatsmacht zur Verteidigung auf, seine Besatzung kapituliert umgehend vor dem wütenden Mob.

Der Überfall in den frühen Abendstunden Ende Juli war der bisherige Höhepunkt im Kampf um ein kleines Waldstück bei Moskau. Wenn es nach Russlands Führung geht, dann sollen dort, wo heute noch Eichen und Buchen stehen und die Hauptstädter an Wochenenden Schaschlik grillen, bald Autos Richtung St. Petersburg brausen. Auf einer fünfspurigen Autobahn.

Wladimir Putin, damals noch Präsident und heute Premierminister, hat das Projekt vor fünf Jahren angeschoben. Russische Umweltschützer aber, die "Verteidiger des Waldes von Chimki", widersetzen sich seit drei Jahren der Rodung. Sie drängen auf einen anderen Verlauf für das rund 40 Kilometer lange Teilstück bei Moskau - vorbei an ihrem Wald. Was als Papierkrieg mit den Behörden begann, ist zu einem gewalttätigen Schlagabtausch eskaliert - und könnte für den Kreml zu einem echten Problem werden.

"Wir kommen, um zu töten"

Ende Juli stürmte ein Trupp muskelbepackter Hooligans und rechter Schläger ein Camp von Umweltaktivisten im Forst von Chimki. Sie riefen, sie seien "gekommen, um zu töten" und trampelten Zelte nieder.

Später bekannte der Chef des mit der Rodung beauftragten Unternehmens Teplotechnik, Alexander Semtschenko, freimütig, er selbst habe die Rowdytruppe angeworben. "Die Polizei wollte nichts unternehmen", erzählte Semtschenko, "also habe ich etwas nachgeholfen." Nach einem Notruf der Umweltaktivisten griffen die Ordnungshüter tatsächlich beherzt ein, nahmen anstelle der Täter allerdings die Opfer und herbeigeeilte Journalisten fest.

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Russland: Brutale Attacke gegen Umweltschützer
Der darauffolgende Protest am Rathaus war, so sehen es die Behörden, die Antwort der Umweltschützer, die angeblich mit "linken Extremisten und Revolutionären" unter einer Decke stecken. Tatsächlich hatten Mitglieder der Moskauer antifaschistischen Bewegung auf Fotos der Waldschläger stadtbekannte Neonazis ausgemacht und via Blogs und Twitter zur Gegenoffensive aufgerufen.

Jetzt gehen die Sicherheitskräfte umso härter auch gegen friedliche Umweltschützer vor und ignorieren geflissentlich, dass sich beide Gruppen voneinander distanzierten. "Zum Teufel mit dem Wald", sagte der Anführer des Angriffs auf das Rathaus Chimki später in einem Interview. "Wir kämpfen gegen Banditen in öffentlichen Ämtern."

Vertrieben wie Indianer

"Die Polizei rächt sich nun an uns, weil sie sich beim Angriff auf das Rathaus blamiert hat," sagt Jewgenija Tschirikowa. Die 33-Jährige, Mutter zweier Töchter und Eigentümerin eines Ingenieurbüros, ist vor Jahren an den Waldrand gezogen, wegen der guten Luft. Tschirikowa ist die Anführerin der rund 300 "Verteidiger des Chimki-Waldes": hübsch, eloquent, betont unpolitisch. Sie will ihren Gegnern keine zusätzliche Angriffsfläche bieten und den Vorwurf entkräften, Kreml-Gegner wollten den Protest gegen den Autobahnbau für ihre Zwecke instrumentalisieren. Tschirikowa ist in den vergangenen Jahren Profi geworden in Sachen Öffentlichkeitsarbeit. Sie lächelt in Kameras, schüttelt Hände und spricht unentwegt über den Wald.

Neulich ist sie wieder festgenommen worden, im Anschluss an eine Pressekonferenz. Ein Dutzend Sonderpolizisten mit breiten Schultern lauerte im Hofdurchgang in der Innenstadt. "Es ist wohl besser, wir gehen zusammen zur Metro", hatte sie noch zu den Journalisten gesagt. Dann packten vier Milizionäre die zierliche Frau, der Rest schirmte die Journalisten ab. Trotzdem filmten Dutzende Kameras und Handys die Szene.

Gennadij Rodin hat auch schon mal eine Nacht auf einer Polizeiwache verbracht, weil er einem Journalisten die Rodungsarbeiten zeigen wollte. Rodin ist einer der Mitstreiter Tschirikowas. Regelmäßig patrouilliert der 49-Jährige durch den Wald bei Chimki. Er kontrolliert, wie weit Holzfäller und Bulldozer bereits vorgerückt sind. Seit seiner Festnahme aber traut er sich nur noch hinter den getönten Scheiben seines Wagens auf die Waldwege, aus Sorge, dass ihn Polizisten und Waldarbeiter erkennen. "Als Kind habe ich hier Indianer gespielt", sagt der 49-jährige Rodin. "Ganz Chimki hat hier Pilze gesammelt und gegrillt."

"Was für eine Barbarei"

Vor zwei Wochen hat er eine Vorladung von der Miliz bekommen, zu einem "Konsultationsgespräch". Rodins Blick schweift über Hunderte Baumstümpfe im Wald: "Was für eine Barbarei." Er sagt, er fühle sich jetzt wie ein echter Indianer, vertrieben von seinem eigenen Land.

Ein "korruptes System" versuche, den Widerstand der Bürger zu brechen, sagt Jewgenija Tschirikowa. Auch Transparency International vermutet, "Interessenkonflikte" könnten eine Rolle gespielt haben bei der Wahl der Trassenführung durch den Wald. "Transportminister Igor Lewitin könnte durchaus einen kommerziellen Vorteil aus dem geplanten Straßenverlauf haben", sagt Russlands Transparency-Chefin Jelena Panfilowa. Die Autobahn soll einen Schlenker machen von Moskaus Ringautobahn zur Einfahrt des Flughafens Scheremetjewo. Dort ist Minister Lewitin Verwaltungsratsvorsitzender, ebenso bei der in Scheremetjewo beheimateten Fluglinie Aeroflot.

Anfang August leitete die Staatsanwaltschaft auf Drängen von Duma-Abgeordneten sogar eine Untersuchung ein. Prompt ließ Premier Putin verlautbaren: "Alles läuft strikt nach dem Gesetz." Die Rodung wurde fortgesetzt. Umweltschützerin Tschirikowa glaubt trotzdem, dass sie die Staatsmacht in die Knie zwingen kann. Erst kamen zu ihren Demonstrationen nur ein paar hundert Sympathisanten. Am vergangenen Wochenende dagegen waren es schon 3000.

Laut Umfragen sind zwei Drittel der Moskauer gegen das Bauvorhaben im Chimki-Wald. "Das", sagt Tschirikowa, "ist ein großes Potential."

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1. Waldgeister mit Potenzial
maipiu 26.08.2010
Wenn das Gesocks im Kreml meint, die Korruption schmiere den Staat, dann täuscht es sich gewaltig. Korruption ist eher wie Sand im Getriebe. Früher oder später - leider oft später - merken sogar die vermeintlichen Profiteure, dass Politik zum Nutzen weniger und zum Schaden vieler das gesamte Ganze zerstört. Wenn es dann zu Problemen kommt, wie den Bränden dieses Jahr, fühlt sich niemand zuständig. Das Mindeste ist, dass Putin, Medwjedew und Konsorten das Gesicht verlieren und ziemlich alt aussehen. Aber dabei wird es nicht bleiben.
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