Protest gegen Koran-Zündler Jones Gainesville kämpft gegen den Hassprediger-Fluch

Der große Eklat blieb aus, doch der Ruf seiner Heimatstadt ist dahin: Zündel-Pastor Terry Jones verbrannte zwar am 11. September keinen Koran. Dennoch steht die Gemeinde Gainesville nun weltweit für Hass und Intoleranz. Die Bürger des liberalen Uni-Städtchens kämpfen um ihr Image.

AFP

Aus Gainesville berichtet


Joe Courter blickt zufrieden. Sein T-Shirt ist ausgebleicht, die Jeans zerfranst, so steht er auf der Northwest 37th Street, ein paar Meilen außerhalb des Zentrums von Gainesville. Courter ist 59 Jahre alt, doch im Herzen bleibt er ein junger Wilder.

Er arbeitet als freier Künstler und wenn er nicht gerade malt, hilft er in einer linken Buchhandlung aus. Als mal ein paar verwirrte Rechtsradikale in Gainesville protestieren wollten, zum Geburtstag Hitlers, rief er Freunde und Bekannte zusammen, sie bauten sich vor den Rechten auf und schrien "Fuck off".

Jetzt beobachtet Courter wohlwollend, dass sich der Demonstranten-Nachwuchs auch gut schlägt. Rund 300 Leute stehen hinter Barrikaden am Straßenrand, sie schwenken handgemalte Schilder, auf denen steht: "Wer Bücher verbrennt, verbrennt irgendwann auch Menschen." Sie rufen rhythmisch, wenn Muslime angegriffen würden, dann werde man sie verteidigen. Ein Mädchen hat ihren Hund mit einem Pappschild geschmückt. "Toleranz" steht darauf.

Die meisten Protestler sind Studenten an der hiesigen University of Florida, aber auch junge Familien haben sich unter sie gemischt. Mehrere Stunden harren sie schon aus, obwohl immer wieder Spätsommerschauer auf den durchnässten Boden niedergehen. "Eins muss man ihm lassen. Er hat die Leute hier wirklich zusammengebracht", sagt Aktivist Courter und deutet auf die andere Straßenseite - zum Kirchenbau mit dem großen Kreuz an der Vorderseite und seiner schuppigen Fassade.

"Er", das ist Pastor Terry Jones, der in dieser Kirche predigt und Auslöser des ganzen Spektakels ist. Jones, schnauzbärtiger "Psycho-Pastor", wie ihn amerikanische Medien nannten, und Vorsteher der winzigen Evangelikalengemeinde Dove World Outreach Center wollte ausgerechnet am 11. September Hunderte Exemplare des Korans verbrennen, der heiligen Schrift des Islams. Denn die sei ein Werk des Teufels, so Jones.

"Wir bekommen fast eine E-Mail pro Sekunde"

Das sorgte für blutige Proteste bis nach Afghanistan und Pakistan, Verteidigungsminister Robert Gates rief Jones persönlich an, er solle sein Projekt stoppen, es gefährde amerikanische Soldaten und Bürger in der ganzen Welt. Präsident Barack Obama machte ebenfalls Druck. Schließlich lenkte Jones ein. "Niemals" werde er einen Koran verbrennen, erklärt er am Samstag, dem Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September.

Vor Jones' Kirche ist derweil alles ruhig, die Polizei hat sie mit einem Großaufgebot abgesperrt. In langen Reihen stehen Streifenwagen hintereinander, Bombenhunde inspizieren die Wagen der Besucher, Polizeihubschrauber kreisen am Himmel. Die Schilder "Islam is of the devil", die Jones schon vor einiger Zeit aufgestellt hat, sprießen einsam aus dem Rasen vor dem Gotteshaus.

Zwar parken dort noch immer rund ein Dutzend TV-Übertragungswagen. Doch die Journalisten haben Zeit, voneinander Fotos zu schießen. Jones ist gar nicht mehr da, am Freitagabend schon flog er nach New York. Der Pastor sieht gehetzt aus, als ihn Reporter in Manhattan belagern. Eigentlich hatte er großspurig angekündigt, dort mit Imam Feisal Rauf zu verhandeln, der eine umstrittene Moschee nahe Ground Zero plant. Jones wollte im Gegenzug für sein Einlenken erreichen, dass diese verlegt wird. Aber davon ist keine Rede mehr.

Doch die Demonstranten protestieren nicht nur gegen Jones und seine nun abgeblasenen Zündel-Pläne, sondern auch für ihre Heimatstadt. Gainesville droht in den USA ein ähnliches Schicksal wie es in Deutschland einst Mölln oder Rostock-Lichtenhagen nach blutigen Anschlägen gegen Ausländer erfuhren. Das Städtchen ist weltweit zum Symbol geworden, für religiösen Hass und Vorurteile.

"Wir bekommen fast eine E-Mail pro Sekunde", klagt Bürgermeister Craig Lowe, aus über 100 Ländern gingen Proteste ein. Chad Smith vom Lokalblatt "Gainesville Sun" recherchiert seit Tagen vor Jones' Kirche, es ist eine tolle Story. Doch ihm ist der Grund für das ganze Scheinwerferlicht etwas unheimlich.

"Love, not Dove"

"Ich verstehe das nicht ganz", sagt der junge Reporter. "Eigentlich sind wir doch ein progressiver Uni-Vorzeigeort." Gleich zwei islamische Zentren zählt das 125.000-Einwohner-Städtchen. Die schmucken Siedlungen rund um das Dove World Outreach Center tragen schöne Namen wie "Rosemont", selbst ältere Jogger laufen gerne mit nacktem Oberkörper oder farbenfroher Sonnebrille. Bürgermeister Lowe ist offen homosexuell. Als Islamgegner Jones mit Schildern protestierte, er wolle keinen "Homo-Bürgermeister", zuckten die Leute von Gainesville nur mit den Achseln.

Die eigentliche Religion ist für den Ort sowieso der amerikanische Nationalsport Football. "Suche nach der Erlösung" titelte am Samstag die Lokalzeitung - und bezog sich auf das Spiel der "Gators", der Football-Helden der Universität, gegen den Erzrivalen aus South Florida.

Also fühlt man sich in Gainesville durch die Berichte über Jones, der erst 2004 in die Stadt kam, gründlich missverstanden - und versucht den Eindruck zu korrigieren. T-Shirts mit der Aufschrift "Love, not Dove", finden reißenden Absatz in der Stadt. Am Freitagabend versammelten sich Hunderte Bürger zum Friedensgebet, Muslime, jüdische Gläubige, Christen. Ein Hindu erzählte davon, wie ein Neffe im World Trade Center gestorben war, die Leute lauschten respektvoll. "Das", sagte Universitätspräsident Bernie Machen, "ist mein Gainesville."

Die Einheimischen suchen aber auch nach Antworten, wie sie so ins Kreuzfeuer geraten konnten. Als Sündenbock müssen die Medien herhalten. "Sie sollten sich schämen. Sie haben diesem Mann die Plattform gegeben, die er so verzweifelt wollte", schreibt Fred Hamilton an die Gainesville Sun. "Es ist echt schade, dass der Pastor einer 50-Seelen-Gemeinde so viel Aufmerksamkeit der Reporter bekommt", sagt Sara Messer, Politikabsolventin der Uni. "Die Leute hier sind eigentlich ganz anders, sehr tolerant."

Der Sohn des Pastors geht gegürtet

Pastor Jones bleibt das ganze Wochenende über in New York. Sein Sohn Luke behauptet, das FBI habe ihm gesagt, die Pastorenfamilie könne ihres Lebens nicht mehr froh werden. Bei Auftritten trägt der Pastorensohn eine Waffe, er raunt düster von Todesdrohungen.

"Ich glaube, dass der finanzielle Druck die Jones aus der Stadt treiben wird", sagt Joe Courter. Die Polizei hat gedroht, ihnen die Kosten für den Großeinsatz in Rechnung zu stellen. Wie sollen sie das bezahlen? Die Evangelikalengemeinde schrumpft stetig, sagt Reporter Chad Smith. Der Verkauf gebrauchter Möbel, den Pastor Jones nebenbei betreibt, scheine nicht viel einzubringen.

Den Flug nach New York lässt er sich von einem anderen Geistlichen spendieren. Der klagt später vor Reportern, der Pastor habe ohne sein Wissen First-Class-Tickets gebucht, für 2000 Dollar.

"Selbst wenn Jones hier wegzieht, könnte er aber Leute zur Nachahmung angeregt haben", sorgt sich Vasudha Narayanan, Religionsforscherin an der University of Florida. Was bleiben wird, ist der Schock in Gainesville, wie schnell ihre Stadt an den globalen Pranger geraten konnte.

Doch das könnte auch für mehr Verständnis sorgen, hofft Aktivist Joe Courter. "In Pakistan oder Afghanistan sind die allermeisten Menschen ebenfalls friedlich. Trotzdem verurteilen wir sie wegen einzelner Extremisten. Jetzt spüren wir mal, wie sich das anfühlt."

insgesamt 86 Beiträge
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Seite 1
heinrichp 12.09.2010
1. Zündel-Pastor Terry Jones
Zitat von sysopDer große Eklat blieb aus, doch der Ruf seiner Heimatstadt ist dahin: Zündel-Pastor Terry Jones verbrannte zwar am 11. September keinen Koran. Dennoch steht die Gemeinde Gainesville nun weltweit für Hass und Intoleranz. Die Bürger des liberalen Uni-Städtchens kämpfen um ihr Image. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,717009,00.html
Was Pastor Terry Jones nun angerichtet hat ist ihm immer noch nicht bewusst. Religiöse Eiferer und Fundamentalisten wie er, sind daran beteiligt alles Religiöse in den Schmutz zu ziehen, anstatt sich dafür einzusetzen Frieden zu schaffen. http://die-welt-der-reichen.over-blog.de/pages/Paradigmenwechsel_der_Religionen-1560247.html
Arne11 12.09.2010
2. gegen titelzwang
Zitat von sysopDer große Eklat blieb aus, doch der Ruf seiner Heimatstadt ist dahin: Zündel-Pastor Terry Jones verbrannte zwar am 11. September keinen Koran. Dennoch steht die Gemeinde Gainesville nun weltweit für Hass und Intoleranz. Die Bürger des liberalen Uni-Städtchens kämpfen um ihr Image. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,717009,00.html
Es wäre schön diese Bilder auch im schwedischen Malmö zu sehen, für die Toleranz gegenüber Juden in diesem ehemals schönen Städtchen.
hilfloser, 12.09.2010
3. Gut, sehr Gute Aktion!
Ich wünschte mir ich würde aus Islamabad ähnliche Bilder sehen von Muslime die sich so vehement gegen ihre agressiven, verblendeten, Islamfaschisten stellen würden! DAS wär eine Augenweide! Wo sind diese Bilder?
crocman, 12.09.2010
4. Nicht unerwartet
Zitat von hilfloserIch wünschte mir ich würde aus Islamabad ähnliche Bilder sehen von Muslime die sich so vehement gegen ihre agressiven, verblendeten, Islamfaschisten stellen würden! DAS wär eine Augenweide! Wo sind diese Bilder?
DA stimme ich Ihnen zu!!! Ansonsten zeigt sich Gainesville hier so, wie ich es seit langem kenne: Im hohen Maße liberal und tolerant, kämpferisch gegen Extremisten.
spie_gelein 12.09.2010
5. Wayne...interessiert dieser egozentrische Pastor?
Es wäre wesentlich vorteilhafter, wenn der Spiegel mal einen Versuch unternehmen würde etwas über die wachsenden Zweifel am Hergang von 9/11 zu berichten, anstatt über diesen engstirnigen, geltungssüchtigen, hintwäldlerischen Pastor zu berichten. Ein paar Fakten über WTC 7, eine kritische Betrachtung der NIST (National Institute of Standards and Technology) Berichte. SPON reiht sich ein in die Gruppe der blinden Massenmedien, aus Angst als verwirrte Verschwörungstheoretiker hingestellt zu werden. Aber ich will auch keine "Galileo Mystery"-like Geschichten, ich möchte, dass sich Journalisten mal kritisch mit den Fakten auseinander setzen und sie für die Massen aufbereiten. WTC 7 würde so einigen Menschen die Augen öffnen. Und ganz nebenbei würde sich diese Glaubensfrage regeln, da die Menschen endlich mal begreifen würden, dass nicht der Glauben sondern das geld und die Macht regiert. MfG Spie-gelein
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