Protest gegen Stadionblutbad: Neue Gewaltwelle stürzt Kairo ins Chaos
In Berichten ist von fast 400 Verletzten die Rede: In Kairo haben teils bewaffnete Demonstranten und Fußballfans gegen das Stadionblutbad von Port Said protestiert - die Polizei reagierte mit Tränengas, angeblich auch mit Gummigeschossen. Ägypten drohen neue Tage der Anarchie.
Hamburg/Kairo - In Kairo entlädt sich am Tag nach den tödlichen Ausschreitungen im Stadion von Port Said die Wut über den Tod von 74 Fußballfans. Mehr als zehntausend Menschen gingen in der Hauptstadt auf die Straßen und demonstrierten gegen Polizei und Militär. "Dies war kein Sportunglück, dies war ein Militärmassaker!", riefen die Demonstranten, als sie vom Sitz des Fußballclubs Al-Ahly zum zentralen Tahrir-Platz marschierten.
Als die Demonstranten weiter zum Innenministerium vordringen wollten, setzte die Polizei Tränengas ein, die Protestler warfen Steine auf die Polizisten. Die staatliche Nachrichtenagentur Mena berichtet von fast 400 Verletzten. Ein Mitarbeiter des Gesundheitsministeriums teilte demnach mit, 388 Demonstranten seien durch das Einatmen von Tränengas sowie durch herumfliegende Steine verletzt worden. Bei Twitter war auch vom Einsatz von Gummigeschossen die Rede.
Verletzte seien auf Motorrädern wegbracht worden, da die Rettungswagen nicht durchkamen, hieß es. Die Demonstranten hätten ägyptische Flaggen sowie die Fahnen der Fußballclubs Al-Ahly und Zamalek dabei gehabt. Angesichts der jüngsten Gewalt haben die Fans beider Teams jedoch angekündigt, ihre seit Jahrzehnten gewachsene Rivalität vorerst ruhen zu lassen.
Muslimbrüder prangern "geplante Ausschreitungen" an
Die Anhänger von Al-Ahly machen den Chef des Militärrats, Hussein Tantawi, für die tödlichen Auseinandersetzungen in Port Said verantwortlich. Die meisten Todesopfer der Krawallevom Mittwochabend waren Anhänger des beliebtesten und erfolgreichsten ägyptischen Fußballvereins. Bei einem Spiel zwischen den Mannschaften Al-Masry aus Port Said und Al-Ahly aus Kairo waren unmittelbar nach dem Abpfiff Fans von Al-Masry auf das Spielfeld gestürmt und hatten Spieler und Anhänger der gegnerischen Mannschaft mit Flaschen und Steinen beworfen. Im Internet waren Fotos von blutüberströmten Spielern zu sehen. Neben den 74 Toten gab es nach Angaben des Gesundheitsministeriums Hunderte Verletzte.
Die Polizei nahm 47 Menschen fest. Viele Demonstranten sind jedoch überzeugt, dass Armee und Polizei das Blutvergießen durch ihr Nichteingreifen erst ermöglicht haben. Einige glauben gar, dass das Militär im Hintergrund die Fäden zog, um Chaos zu stiften und sich weiterhin selbst unverzichtbar zu machen.
Die bei der Parlamentswahl siegreichen islamistischen Muslimbrüder sprachen von "geplanten" Ausschreitungen. Sie seien eine "Botschaft der Anhänger des alten Regimes" des gestürzten Staatschefs Husni Mubarak, sagte der Abgeordnete Essam al-Erian von der Partei Freiheit und Gerechtigkeit. Parlamentspräsident Saad al-Katatni, ebenfalls ein Muslimbruder, sagte, die ägyptische Revolution sei in großer Gefahr. Das "Massaker von Port Said" sei Folge einer unglaublichen Nachlässigkeit der Sicherheitskräfte. Abgeordnete forderten die Entlassung der Regierung und erklärten, der regierende Oberste Militärrat trage die gesamte Verantwortung für die Gewalt.
EU, Uno und Fifa fordern Aufklärung der tödlichen Gewalt
Die ägyptische Führung gerät jetzt auch international erheblich unter Druck. Die Europäische Union forderte eine "sofortige und unabhängige Untersuchung" der Gewalt. Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte die ägyptische Regierung zu "angemessenen Maßnahmen" auf. Der Weltfußballverband Fifa verlangte von den ägyptischen Behörden einen "vollständigen Bericht" zu den Krawallen.
Regierungschef Kamal al-Gansuri teilte unterdessen mit, als Konsequenz sei der Sicherheitschef von Port Said, Essam Samak, entlassen und seine führenden Mitarbeiter suspendiert worden. Auch die gesamte Führung des Nationalen Fußballverbands wurde entlassen. Der Gouverneur der Stadt Port Said trat zurück. Der Oberste Militärrat rief eine dreitägige Staatstrauer aus.
lgr/AP/AFP
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