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Protest gegen unabhängiges Kosovo: Randalierer stürmen Belgrader US-Botschaft - Gebäude angezündet, ein Toter

Eskalation im Konflikt um die Unabhängigkeit des Kosovo: Bei Massenprotesten in Belgrad drangen Krawallmacher in die US-Botschaft ein, legten Feuer - in den Flammen kam offenbar ein Randalierer ums Leben. Junge Serben wüteten auch an der deutschen Botschaft. Die US-Regierung ist außer sich, die Uno verurteilt die Angriffe.

Belgrad - An den Krawallen waren mehrere hundert junge Serben beteiligt. Mit Stöcken und Metallstangen bahnten sie sich einen Weg in die US-Botschaft, deren Fenster und Türen mit Brettern und Gittern geschützt waren. Junge Männer brachen die Stahlgitter von den Fenstern heraus, rissen Stahltüren aus den Angeln und versuchten, mit ihnen die Fenster einzuschlagen. Im ersten Stock rissen sie die US-Flagge von ihrem Mast. Sie zündeten das Wachhäuschen vor der Botschaft und die Flagge an und ersetzten sie durch die serbische.

Aus dem Gebäude wurden Stühle und Papiere geworfen. Die serbische Polizei schützte das Gebäude nicht. Es war seit einer gewaltsamen Demonstration Anfang der Woche geschlossen.

Aus dem Erdgeschoss der Botschaft und einem Nebengebäude schossen Flammen. Mehrere Dutzend Polizisten fuhren in gepanzerten Fahrzeugen vor und trieben die Menge mit Tränengas auseinander. Mehrere Krawallmacher wurden festgenommen. Die Feuerwehr konnte den Brand alsbald unter Kontrolle bringen. Am Abend wurde in dem ausgebrannten Teil des Gebäudes eine verkohlte Leiche gefunden - serbischen Medien zufolge offenbar einer der Randalierer. Eine Sprecherin der US-Botschaft teilte mit, alle Angehörigen der Vertretung seien am Leben.

Mehrere hundert junge Serben griffen auch die deutsche Botschaft in Belgrad an. Es seien zahlreiche Fensterscheiben zu Bruch gegangen, berichteten Augenzeugen vor Ort. Zum Zeitpunkt des Angriffs waren auch dort keine Polizisten vor dem Gebäude zu sehen.

Mehrere Botschaften zugleich angegriffen

Außerdem bewarfen die Randalierer die türkische, die kroatische und die bosnische Botschaft mit Steinen. Hooligans schlugen die Scheiben eines McDonald's-Restaurants ein und warfen Brandsätze hinein. Mindestens zwei Dutzend Autos, eine Straßenbahn und fünf Linienbusse gingen in Flammen auf, der öffentliche Nahverkehr wurde eingestellt. Im gesamten Stadtzentrum brannten Müllcontainer, zahlreiche Kioske wurden kurz und klein geschlagen.

Die serbische Polizei rückte Augenzeugen zufolge erst spät zu aus, um die Lage unter Kontrolle zu bringen. Mit gepanzerten Fahrzeugen ging sie vor allen Vertretungen gegen die Randalierer vor, verdrängte sie von den Gebäuden.

Die USA äußerten sich empört über die Krawalle. Zalmay Khalizad, US-Botschafter bei der Uno, schaltete den Weltsicherheitsrat ein, um die Vorgänge verurteilen zu lassen und die serbische Regierung an ihre Pflicht zu erinnern, Diplomaten zu schützen. "Ich bin außer mir wegen dieses Mobs", sagte Khalizad. In der Nacht beschloss der Sicherheitsrat dann binnen Stunden eine Erklärung, in der die Angriffe verurteilt werden.

Die US-Regierung forderte außerdem offiziell die serbischen Behörden auf, die Vertretung zu schützen. Man sei mit den entsprechenden Stellen im Kontakt, damit das Land seine internationalen Verpflichtungen erfülle, sagte Sean McCormack, Sprecher des US-Außenministeriums.

Der Schaden an den Botschaftsgebäuden ist noch nicht beziffert, über Verletzte wurde zunächst nichts bekannt. Ein Sprecher des US-Außenministeriums teilte mit, dass die Randalierer erst nach Büroschluss in den Konsularbereich der Botschaft eingedrungen seien. Zu jenem Zeitpunkt seien keine Botschaftsmitarbeiter in dem Gebäude gewesen.

Steinmeier fordert Belgrad zu Sicherheitsmaßnahmen auf

Auch die Bundesregierung beobachtet die Lage in Serbien mit großer Sorge. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) telefonierte noch am Abend mit der Regierung in Belgrad und forderte sie auf, die Sicherheit der Botschaften zu gewährleisten und für eine Beruhigung der Lage in der Hauptstadt zu sorgen.

Nach den Ausschreitungen rief der serbische Präsident Boris Tadic die Bevölkerung seines Landes zur Ruhe auf. Er verlangte während eines Besuchs in Rumänien, die gewaltsamen Aktionen müssten beendet werden. Die Übergriffe seien nicht hilfreich dabei, das Kosovo als Teil Serbiens zu verteidigen. Außenminister Vuk Jeremic verurteilt die Attacken als bedauerliche, inakzeptable Übergriffe von Extremisten. "Sie schädigen das Ansehen Serbiens im Ausland, sie spiegeln nicht das kollektive Gefühl des serbischen Volkes wider."

Die jungen Leute hatten sich aus einer von der Regierung organisierten Großkundgebung gegen die Unabhängigkeit des Kosovo gelöst. An dieser Demonstrationen hatten rund 200.000 Menschen teilgenommen. Die Demonstration stand unter dem Motto "Kosovo ist Serbien".

Der Protest gilt der am vergangenen Sonntag ausgerufenen Unabhängigkeit der mehrheitlich von Albanern bewohnten, früheren serbischen Provinz Kosovo. Die Serben betrachten das Kosovo als ihr historisches Siedlungsgebiet auf dem Balkan. "Kosovo ist serbisch und wird es für immer bleiben", sagte der nationalkonservative Regierungschef Vojislav Kostunica. Serbien werde unter keinem Druck oder Drohung auf das Kosovo verzichten, sagte er in seiner emotional aufgeladenen Rede unter regem Beifall der Menge am späten Nachmittag.

Ausschreitungen auch im Kosovo

Gewaltsame Ausschreitungen waren befürchtet worden. Schon zu Beginn der Woche waren in Belgrad die US-Botschaft, McDonald's-Filialen und andere westliche Einrichtungen, aber auch Büros der prowestlichen Liberaldemokratischen Partei angegriffen worden.

Trotz der Proteste Serbiens erkannte inzwischen auch Italien das Kosovo als unabhängigen Staat an. Zuvor hatten unter anderem die USA, Deutschland, Großbritannien und Frankreich die Unabhängigkeit des Kosovo anerkannt.

Auch im Norden des Kosovo kam es zu Gewalt: Hunderte serbische Reservisten attackierten am Donnerstag im Norden des Kosovos bei Merdare einen Grenzposten. Sie riefen "Kosovo ist unser! Kosovo ist Serbien!" und bewarfen Polizisten sowie Soldaten der Nato-geführten Friedenstruppe KFOR mit Steinen und zündeten Autoreifen an. Die Reservisten, die zum Teil Uniform trugen, hatten auf serbischer Seite am Kosovo-Krieg von 1998 und 1999 gekämpft. Sie waren nach Angaben der Uno-Polizei mit Bussen aus der serbischen Stadt Kursumlija angereist und brachten auch einen Bulldozer mit, mit dem sie auf kosovarisches Gebiet vordrangen. Die Polizei errichtete Straßensperren.

Das Kosovo soll laut dem Entwurf der künftigen Verfassung weiter unter internationaler Beobachtung stehen, multiethnisch zusammengesetzt sein und den Minderheiten starke Rechte zusichern. Die Verfassungskommission, die nach der Unabhängigkeitserklärung eine Informationskampagne startete, teilte auf ihrer Website mit, die Republik Kosovo sei ein unabhängiges Land, das demokratisch regiert werde und die Menschenrechte all seiner Bewohner respektiere.

hen/mgb/dpa/AFP/AP/Reuters

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