Protest in Ägypten Hunderttausende Demonstranten strömen auf Tahrir-Platz

Die Gegner von Husni Mubarak demonstrieren ihre Stärke: Hunderttausende Ägypter kommen zur Stunde auf Kairos Tahrir-Platz zusammen, um gegen das verhasste Regime zu protestieren. Der Präsident kann die Demonstranten mit seinen Zugeständnissen nicht beschwichtigen.


Kairo - Rot, Weiß, Schwarz, das sind die Farben auf Kairos Tahrir-Platz. Fast jeder trägt sie - auf Stirnbändern und Flaggen. Es sind die Farben Ägyptens und für die Demonstranten sind sie mehr als ein Bekenntnis zu dem nordafrikanischen Land. Vor allem sind sie ein Protestzeichen gegen Präsident Husni Mubarak.

Hunderttausende sind am Dienstag dem Demonstrationsaufruf gefolgt, sie kommen aus allen Teilen des Landes in die Hauptstadt, viele sind zum ersten Mal unter den Protestierenden. Wie etwa eine Kairoer Lehrerin: "Ich merke jetzt, dass man keine Angst haben muss."

Auf dem von Demonstranten gefüllten Tahrir-Platz spielen sich Szenen wie auf einem Volksfest ab: Eltern sind mit ihren Kindern gekommen, sie tragen sie auf ihren Schultern, man kann Popcorn und Datteln kaufen. Und an allen Ecken gibt es Verkaufsstände mit den Fahnen und Stirnbändern.

"Er ist ein sturköpfiger Mann"

Das Ziel der Demonstranten ist weiterhin klar: der Rücktritt von Husni Mubarak. Der Präsident habe offenbar immer noch nicht verstanden, dass seine Zeit vorbei sei, sagt Afaf Naged. "Er ist ein sturköpfiger Mann", sagte der 71-Jährige über Mubarak.

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Neue Proteste: "Marsch der Million"
Der umstrittene Präsident muss weiter mit massivem Protest seiner Landsleute rechnen - die Massen strömen am Nachmittag immer weiter auf den zentralen Platz der Hauptstadt. Bei den Kontrollen durch das Militär bleibt alles ruhig. Niemand will, dass sich hier Mubarak-Anhänger mit Waffen unter die friedlichen Demonstranten mischen. Für Freitag ist die nächste Kundgebung gegen das Regime geplant. Die Demonstranten wollen ihr Durchhaltevermögen beweisen. Manchen fällt das inzwischen allerdings schwer: In dem Land leben mehr als 40 Prozent der Bevölkerung von weniger als zwei Dollar am Tag - einige sehen deshalb keinen anderen Ausweg, als wieder arbeiten zu gehen.

Der Staatschef signalisierte seinen Gegnern am Dienstag Entgegenkommen und ordnete die Überarbeitung der Verfassung an, wie Vize-Präsident Omar Suleiman im Staatsfernsehen mitteilte. Dies war am Sonntag bei Gesprächen mit Oppositionsvertretern vereinbart worden. Vergangene Woche hatte Mubarak erklärt, im September nicht mehr zur Wahl antreten zu wollen, und eine Änderung der umstrittenen Verfassungsartikel 76 und 77 zur Debatte gestellt. Diese setzen hohe Hürden für die Präsidentschaftskandidatur und erlauben dem Präsidenten eine uneingeschränkte Zahl an Amtszeiten.

Regierung spricht von Zeitplan für Machtübergabe

Als weiteres Zugeständnis ordnete der Präsident die Einsetzung einer Kommission zur Untersuchung der Gewalt gegen die Protestierenden an. Die Kommission solle die "schreckliche und inakzeptable" Gewalt am vergangenen Mittwoch auf dem Tahrir-Platz untersuchen, die zu "unschuldigen Opfern unter den Demonstranten" geführt habe.

Zahlreiche Menschen waren am vergangenen Mittwoch getötet worden, als Anhänger Mubaraks gegen die Regierungsgegner vorgingen. Dabei waren Vorwürfe laut geworden, bei den Mubarak-Anhängern handele es sich um bezahlte Schlägertrupps. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch berichtete, die zweiwöchigen Proteste hätten bislang mindestens 297 Menschen das Leben gekostet. Die Zahl der Todesopfer werde aber vermutlich noch steigen.

Mubarak sprach sich außerdem für eine Fortsetzung des am Sonntag begonnenen Dialogs mit der Opposition aus. Dieser solle ermöglichen, "einen genauen Zeitplan für eine friedliche und organisierte Übergabe der Macht unter Achtung der Verfassung" zu erarbeiten, wie Suleiman erklärte. Am Montag hatte Ministerpräsident Ahmed Schafik nach der ersten Sitzung des neuen Kabinetts, das infolge der Proteste umgebildet worden war, erklärt, dass die Löhne von Staatsbediensteten sowie alle Renten zum 1. April um 15 Prozent erhöht würden.

Die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz lassen sich von Mubaraks Ankündigungen allerdings nicht beeindrucken. Auf ihren Transparenten steht: "Das Volk fordert den Rücktritt des Regimes".

hen/kaz/dpa/AFP/Reuters

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fatherted98 08.02.2011
1. Toll....
...gestern im Radio hat einer von den tausenden Auslandsexperten die die ÖR zur Zeit aufbieten von einer Umfrage irgendeines Orientinstituts aus dem Jahr 2010 erzählt...67% der Ägypter sprechen sich darin für die Steinigung von Ehebrecher(innen) aus....aber 85% wollen natürlich die Demokratie. Da bin ich mal gespannt was die Jungs da unten unter Demokratie so verstehen. Das gibt ein böses Erwachen für die Träumer in Westeuropa.
marcor642 08.02.2011
2. naja
Zitat von fatherted98...gestern im Radio hat einer von den tausenden Auslandsexperten die die ÖR zur Zeit aufbieten von einer Umfrage irgendeines Orientinstituts aus dem Jahr 2010 erzählt...67% der Ägypter sprechen sich darin für die Steinigung von Ehebrecher(innen) aus....aber 85% wollen natürlich die Demokratie. Da bin ich mal gespannt was die Jungs da unten unter Demokratie so verstehen. Das gibt ein böses Erwachen für die Träumer in Westeuropa.
dazu wäre eine bessere quelle sicher recht interessant, natuerlich auch fuer den demokratiewert, so kann ich das nur bezweifeln
Coroner 08.02.2011
3. Die Gefahr ist gross, dass die "ägyptische Revolution"
im Sande verläuft. Warum? - Den demonstrierenden Teilen der Bevölkerung ist es nicht gelungen, Amtsgebäude oder Behörden der Regierung zu besetzen. Diese werden von der Armee bewacht. - Sie haben keinen Radio- oder Fernsehsender erobert, über den sie ihre Forderungen selbst an die Weltöffentlichkeit bringen können. - Sie haben keine intellektuellen Führer, die vor der Weltöffentlichkeit für sie sprechen. - Es ist ihnen nicht gelungen, auch nur einen Teil des Repressionsapparats zu zerstören. Z.B. eine Besetzung der Geheimdienstzentralen und Vernichtung deren Akten. - Sie sind gänzlich unbewaffnet und damit absolut verwundbar. - Die Bewegung erfährt vom Westen nicht mehr als halbherzige Lippenbekenntnisse. Angesichts dieser Lage, braucht der staatliche Repressionsapparat nur abzuwarten. Irgendwann wird den Demonstranten schon die Luft ausgehen. Schliesslich müssen die Geschäfte ja endlich weitergehen. Unsere westlichen Politiker schwenken zunehmend auf diese Linie ein. Warum werden in unseren Medien entscheidende Fakten kaum genannt? Es geht nicht um Mubarak als Person. Es geht um das Repressionssystem. Der Vize-Präsident der "Übergangsregierung", Omar Suleiman, ist der Chef des berüchtigten ägyptischen Geheimdienstes Mukhabarat! Seine Organisation hat sogenannte "Terror-Verdächtige" gefoltert, welche die CIA in der ganzen Welt entführte und in Ägypten foltern liess. Sieht so jemand aus, der Ägypten zu mehr Demokratie führen soll? Der Westen spricht bzgl. Ägypten "mit gespaltener Zunge". Schon sind Kräfte am Werk, mit Hilfe des ägyptischen Militärs, den alten Mukabarak-Strukturen, dirigiert von US-Strippenziehern und westlichen Kapitalinteressen das repressive System wiederherzustellen. "Counter-revolution brought to you by ..." http://www.atimes.com/atimes/Middle_East/MB08Ak01.html Noch schützt die Weltöffentlichkeit die Demonstranten vor dem Regime. Ist erst wieder "Ruhe eingekehrt", steigt die Gefahr, dass die"Rädelsführer" in den Kerkern landen.
mohandssin 08.02.2011
4. re
Zitat von fatherted98...gestern im Radio hat einer von den tausenden Auslandsexperten die die ÖR zur Zeit aufbieten von einer Umfrage irgendeines Orientinstituts aus dem Jahr 2010 erzählt...67% der Ägypter sprechen sich darin für die Steinigung von Ehebrecher(innen) aus....aber 85% wollen natürlich die Demokratie. Da bin ich mal gespannt was die Jungs da unten unter Demokratie so verstehen. Das gibt ein böses Erwachen für die Träumer in Westeuropa.
in aegypten gibt es keine steinigungen & ich habe nie jemanden getroffen, der dies fordert oder auch nur erwaegt...solche themen kommen im westen im zuge der islam-panik auf, hier haben die leute weiss gott andere sorgen...wo bitte sollte denn diese "statistik irgendeines orientsinstituts" entstanden sein??? (besser ist es, nur jenen statistiken zu glauben, die man selbst gefaelscht hat..) und "was die jungs (uebrigens auch maedchen) da unten" unter demokratie verstehen, ist sehr simpel & sicher auch fuer sie verstaendlich: freie meinungsaeusserung, gute schulbildung fuer alle, mindestlohn, aufhebung des notstandsgesetzes, freie wahlen, tomaten, die fuer alle erschwinglich sind...
Matthias Hofmann 08.02.2011
5. Vorsicht vor fragwürdigen Erhebungen
Zitat von fatherted98...gestern im Radio hat einer von den tausenden Auslandsexperten die die ÖR zur Zeit aufbieten von einer Umfrage irgendeines Orientinstituts aus dem Jahr 2010 erzählt...67% der Ägypter sprechen sich darin für die Steinigung von Ehebrecher(innen) aus....aber 85% wollen natürlich die Demokratie. Da bin ich mal gespannt was die Jungs da unten unter Demokratie so verstehen. Das gibt ein böses Erwachen für die Träumer in Westeuropa.
Es ist völlig unsinnig mit westlichen Maßstäben an die Beurteilung solcher Bewegungen zu gehen. Man wird ihnen damit einfach nicht gerecht. (Wie wurde die Umfrage erstellt? Wer hat in welchem Auftrag gefragt? Was wurde genau gefragt, bzw. in welchem Zusammenhang stand diese Frage? etc.).,.. Im Übrigen sind hier im Westen die Regierungen ja alle der Auffassung lieber ein Mubarak mit dem wir "Geschäfte" machen als eine unübersichtliche Situation. Aber Freiheit und der Prozess dahin sind immer unübersichtliche Prozesse.
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