Machtkampf in der Ukraine Klitschkos härtester Kampf

Seine Karriere vom Box-Star zum Oppositionsführer war rasant, doch nun steckt Vitali Klitschko in einem Dilemma: Die Gespräche mit dem Präsidenten sind endgültig gescheitert, gleichzeitig droht die fragile Opposition hinter Klitschko zu zerfallen. Dann könnten Krawallmacher übernehmen.

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Aus Kiew berichtet


Die Enttäuschung steht Vitali Klitschko ins Gesicht geschrieben. Es ist zwei Uhr morgens, der Zwei-Meter-Mann hat sich auf ein Ledersofa in seiner Parteizentrale fallen lassen. Im fahlen Neonlicht des Flurs sieht der Champ sehr grau aus im Gesicht. Müde beantwortet die Leitfigur der ukrainischen Opposition auf Deutsch die Fragen eines "Bild"-Reporters, der ihn seit Wochen mit der Handy-Kamera begleitet.

Statt einer Kampfansage aber kommen Klitschkos Statements wie eine Entschuldigung daher. Er könne die Enttäuschung der Menschen gut verstehen, auch er sei frustriert. Dann rattert er Appelle an seine Anhänger runter, die zu Tausenden seit Monaten den Maidan, den zentralen Platz mitten in Kiew, besetzt halten. Statt neuer Gewalt fordert er einen nationalen Streik. Nur friedlich könne der begonnene Aufstand zu einem guten Ende gebracht werden.

Der Donnerstag war nicht gut gelaufen für Klitschko. Am Morgen hatte er mühsam Hunderte Krawallbrüder, Hooligans und rechte Schlägertrupps an den Barrikaden in der Gruschewski-Straße zu einer kurzen Waffenruhe überredet. In dieser Zeit hatte er eigentlich noch einmal mit dem Präsidenten reden wollen. Nach zwei Nächten Straßenkrieg, fünf Toten und internationalem Druck auf das Regime, so seine Hoffnung, müsse Wiktor Janukowitsch sich doch endlich bewegen.

Doch es kam anders. Erst ließ der Präsident Klitschko und seine beiden Mitstreiter stundenlang warten. Als das Gespräch gegen 18 Uhr begann, wurde schnell klar, dass die Führer der Opposition vom störrischen Machthaber keinerlei Zugeständnisse erhalten sollten. Nur die Freilassung einiger Gefangener gestand Janukowitsch zu, wenn sich die Opposition gut benehme und sich wieder komplett auf den Maidan zurückziehe.

Verhandlungen werden wohl nichts bringen

Die Nacht zum Freitag könnte eine Wende im Machtkampf markieren. Gegenüber Vertrauten ließ Klitschko keinen Zweifel daran, dass Janukowitsch die Opposition mit dem Gesprächsangebot nur täuschen wollte. Doch was nun? Wer in der aufgeheizten Stimmung auf politische Vernunft setzt, gilt schnell als Verlierer, das weiß Klitschko. Intern schimpfte er deswegen lautstark, dass der Westen außer mit Worten bisher kaum Druck auf Kiew macht.

Zunächst aber musste Klitschko die Niederlage den eigenen Leuten verkaufen. Kaum waren er und die beiden anderen Oppositionsleute auf der Bühne des Maidan und stammelten über die mageren Ergebnisse ihrer Gespräche, wurden sie auch schon lautstark ausgepfiffen. Einzig der rechte Scharfmacher Oleh Tjahnibok kam mit seinen Parolen ("Wollt ihr Revolution? Wollt ihr Kampf?") ganz gut weg.

Klitschko steckt in einem Dilemma. Der in zwei Monaten vom Polit-Neuling zum Hoffnungsträger aufgestiegene Box-Champion muss sich schnell entscheiden, wie er den Aufstand, den viele mit schon mit seinem Namen verbinden, weiterführen will. Verhandlungen mit dem Präsidenten werden nichts bringen. Wie in der Vergangenheit auch setzt Janukowitsch auf leere Versprechen, um weiter Zeit zu gewinnen. So ist auch der neueste Vorstoß zu werten, dass Janukowitsch das Kabinett umbilden will.

Aufstand immer mehr von Schlägern geprägt

Gleichzeitig aber wird der Druck im Lager der Opposition immer größer. Während Klitschko am Donnerstagabend noch auf der Bühne lamentierte, zogen Schlägertrupps, bewaffnet mit Holzlatten, Stahlhelmen und Skibrillen, schon laut grölend vom Maidan weg. Diese jungen Männer, mittlerweile sind es mehrere hundert, viele davon Mitglieder von Nazi-Gruppen oder Hooligan-Trupps, prägen mehr und mehr die Stimmung im Zentrum des Aufstands.

Wie lange Klitschko diese Truppen und den Mob noch ruhighalten kann, will niemand mehr vorhersagen. Längst ist die Masse der Demonstranten im Zentrum Kiews unterwandert vom nationalistischen "Rechten Sektor" und seinen Trupps. Auch viele vorher halbwegs friedliche Demonstranten sinnen nach der zweimonatigen Hängepartie und der exzessiven Polizeigewalt Mitte dieser Woche auf Rache - und auf einen Kampf Mann gegen Mann.

Am Freitagabend brannten in Kiew erneut die von Anhängern der Opposition aufgestellten Barrikaden. Gegen 22 Uhr hatten die zum großen Teil gewaltbereiten Protestler die aus ausgebrannten Autos und Sandsäcken errichteten Barrikaden nahe des Maidan erneut angesteckt.

Die nur rund 30 Meter entfernte Polizei reagierte zunächst nicht, sondern leuchtete die Szenerie lediglich mit Suchscheinwerfern aus. Nach zwei Tagen Straßenschlacht hatte seit Donnerstagmorgen eine Art Waffenstillstand zwischen den Demonstranten und der Polizei gehalten.

Einen Krieg auf der Straße, der mit Sicherheit viele Tote fordern würde, will Klitschko verhindern. Er weiß nur nicht, wie. "Die Menschen wollen Aktion, sie wollen Krieg", sagte er am Freitag, "aber ich will nicht die Verantwortung für den Tod von Menschen übernehmen".

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radamriese 24.01.2014
1. die Geister, die ich rief
er ist kein Oppositionsführer mehr. Er ist weg vom Fenster.Die Sache hat sich verselbständigt. ER hat sich verrechnet
Hape1 24.01.2014
2. ...
Zitat von sysopREUTERSSeine Karriere vom Box-Star zum Oppositionsführer war rasant, doch nun steckt Vitali Klitschko in einem Dilemma: Die Gespräche mit dem Präsidenten sind endgültig gescheitert, gleichzeitig droht die fragile Opposition hinter Klitschko zu zerfallen. Dann könnten Krawallmacher übernehmen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/protest-in-der-ukraine-klitschkos-gefaehrlichste-runde-a-945369.html
Ist das nicht schon mittlerweile der dritte nationale Streik den er fordert? Der soll es endlich raffen.......die Mehrheit der Ukrainer verweigert diesen Exil-Millionär aus Hamburg die Gefolgschaft. Die Pfiffe und Buh-Rufe letze Nacht auf den Maiden ihm gegenüber sollten ihn doch zu denken geben. BTW: Als "lupenreiner Demokrat" sollte Klitschko sich nächstes Jahr den Wahlen stellen und nicht auf Syrien 2.0 machen.
t.h.wolff 24.01.2014
3.
Die Neofaschisten von "Swoboda" sitzen doch bereits jetzt mit im Boot. Laut deren Frontmann Oleg Tjagnibok wird die Ukraine "von einer Moskauer Juden-Mafia regiert". Klingt deutlich nach Udo Pastörs ("Judenrepublik") von der NPD - und tatsächlich haben "Swoboda" und NPD bei einem Ortstermin im sächsischen Landtag im Jahr 2013 beschlossen, ihre Zusammenarbeit auf allen Ebenen zu intensivieren. Klitschko spielt ein gefährliches Spiel mit einer straff organisierten Kaderpartei unter einem charismatischen Führer. Die deutsche Geschichte zeigt: solche Leute engagiert man sich nicht mal eben.
braman 24.01.2014
4. Klitschkos Kampf im Dienste des westlichen Kapitals
Wie würde wohl unsere "Staatsmacht" reagieren, wenn derartige Demonstrationen gegen eine gewählte Regierung bei uns statt finden würden?? Und diese Demos werden NICHT von der Mehrheit des Volkes unterstützt. Wenn ich mir da die 'Demonstratiönchen' in Frankfurt (Bloccupy) in Hamburg (Rote Flora) oder Heiligendamm (G8) ansehe wie da gegen die jeweils mindestens 95% friedliche Demonstranten vorgegangen wurde. MfG: M.B.
Lord Chester 24.01.2014
5. Ein Boxer sollte sich nicht auf der Strasse prügeln.
Dann ist er nur noch ein Strassenschläger. Manchmal gibt es die Karriere vom Strassenschläger zum Boxer. Der umgekehrte Weg allerdings: vom Boxer zum Schaumschläger, ist ein schlimmer Niedergang. Das wird Klitschkos grösste Niederlage. Schlimmer als die Niederlage gegen Lennon Lewis, wo er so arg verprügelt wurde, dass er sich ins Krankenhaus begeben musste. Er kann froh sein, wenn er diese Revolution überlebt. Auch Robespierre, Marat und Danton endeten entweder auf der Guillotine oder erstochen im Bad. Seine Verhaftung als Rädelsführer ist doch nur noch eine Frage der Opportunität.
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