Von Hasnain Kazim, Islamabad
Stundenlang warten die Menschen auf ihren Helden, auf Muhammad Tahir-ul-Qadri. Der 14. Januar 2013 sollte nach seinen Angaben der Tag der "demokratischen Revolution" werden, ein Tag, an dem "mindestens eine Million Menschen" in Pakistans Hauptstadt Islamabad seiner Forderung nach Wahlrechtsreformen, dem Rücktritt der Regierung und der Bildung einer Übergangsregierung bei einem Massenprotest Nachdruck verleihen.
Daraus wird nichts. Um Mitternacht ist Tahir-ul-Qadri, 61, immer noch nicht da, der Montag ist vorbei. Der Religionsgelehrte hat seinen "langen Marsch" am Sonntag in der etwa 250 Kilometer entfernten ostpakistanischen Metropole Lahore gestartet, zu langsam ist die Autokolonne vorangekommen, zu viele Menschen haben die Wege blockiert, haben ihm zugejubelt und Rosenblätter auf den gepanzerten schwarzen Geländewagen geworfen.
Erst am Dienstagmorgen um kurz nach zwei Uhr Ortszeit kommt Tahir-ul-Qadri in der Jinnah Avenue an, einer sechsspurigen Hauptstraße, die vom westlichen Rand von Islamabad bis zum Präsidentenpalast im Osten führt. Seine Anhänger haben ausgeharrt, trotz Temperaturen unter fünf Grad Celsius, in dicke Decken gehüllt, Männer und Frauen auf unterschiedlichen Straßenseiten, getrennt vom Grünstreifen. Junge und Alte sind da, auch Kinder. Die Flaggen, die sie schwenken, bilden ein grün-weißes Meer.
Aus Lautsprechern dröhnt Musik, immer wieder haben auch Politiker das Wort ergriffen, auch um den Menschen das Warten zu erleichtern. Schätzungen zufolge sind hunderttausend Menschen da, Tahir-ul-Qadri sagt, es seien "nahezu eine Million". Beobachter gehen eher von bis zu 50.000 aus. Überprüfen kann das niemand, es ist jedenfalls eine beeindruckende Menge, die die pakistanische Regierung so oder so nicht ignorieren kann.
Ankündigung eines zweiten "Tahrir-Platzes"
Tahir-ul-Qadri hatte angekündigt, Islamabad zu einem "Tahrir-Platz" zu machen, zu jenem Platz, der vor zwei Jahren zum Epizentrum der Revolution in Ägypten wurde. Der Ort der Kundgebung sollte ursprünglich vor dem Parlament sein, aber so nah wollte die Regierung ihren Kritiker dann doch nicht heranlassen. Auf halber Strecke wurde die Jinnah Avenue mit Schiffscontainern blockiert. Zwei Container richteten die Anhänger als provisorische Bühne für den selbsternannten Revolutionsführer her, ein Kran platzierte eine Kabine mit schusssicherem Glas darauf.
"Salam aleikum, Brüder und Schwestern der Revolution", begrüßt er die Menschen noch mit gemäßigter Stimme. Und dann kommt er in Fahrt: "Ich gebe der Regierung fünf Minuten Zeit, die Bühne vor dem Parlament aufzubauen!", poltert er. Die Menschen jubeln, wissend, dass das nicht möglich ist. "Und ich gebe dem Präsidenten und Premierminister bis elf Uhr Zeit, das Parlament aufzulösen und ihre Ämter aufzugeben!", brüllt er jetzt. Die Aufforderung gelte auch für die Provinzregierungen und -parlamente.
Sollte das nicht geschehen, droht er, würden die Menschen die Sache selbst in die Hand nehmen. "Dann seid ihr alle selbst Polizisten", schreit er ins Mikrofon. Und den verunsicherten Sicherheitskräften ruft er zu: "Habt keine Angst, bis morgen sind eure korrupten Vorgesetzten nicht mehr eure Vorgesetzten!" Die Menschen würden so lange auf der Jinnah Avenue bleiben, bis alle Parlamente aufgelöst seien. Zudem erklärt er die - immerhin demokratisch gewählte - Regierung zur "Ex-Regierung", die mithin nicht mehr für die Sicherheit der Menschen zuständig sei.
Bizarrer Auftritt, alberne Wirkung
Es ist ein bizarrer Auftritt. Mit überzogenen Forderungen, die er dramatisch mit blecherner Stimme vorträgt, wirkt er albern. Er trägt eine schwarze Gelehrtenrobe und eine weiße Kappe, wie es in der Türkei und im arabischen Raum üblich ist, nicht aber in Pakistan. Für Kritik sorgt auch der selbst zugelegte Titel "Scheikh ul Islam" - so nannte sich der Oberste Gelehrte im Osmanischen Reich.
Nach einer halben Stunde ist seine Aufforderung zur Revolution vorbei.
Manche Demonstranten versuchen anschließend, die Containersperren umzuwerfen. Es gelingt ihnen, die Massen strömen zum Parlament in der hoch gesicherten "Roten Zone". Am Morgen haben sich Tausende von Menschen dort eingefunden. Jetzt soll dort eine Bühne entstehen, Kräne transportieren dazu Container - was darauf hindeutet, dass die Regierung dem Treiben zustimmt. Gegen acht Uhr morgens sind Schüsse zu hören. Polizisten schießen mit Tränengas in die Menge, manche feuern mit ihren Gewehren in die Luft. Demonstranten werfen Steine auf die Sicherheitskräfte. Wer mit der Gewalt begonnen hat, ist unklar.
Tahir-ul-Qadri spaltet die Menschen. Während die meisten Zuhörer auf der Jinnah Avenue seine Rede loben, ergießt sich im Internet Spott über ihn. "Noch so ein Idiot in Pakistans Politik", und "Mein Gott, nur Verzweifelte können so einen Typen ernst nehmen", sind noch die freundlicheren Äußerungen im Netz. Und immer noch wundern sich viele Menschen:
Wer ist eigentlich dieser Tahir-ul-Qadri? Der Mann mit dem weißen Bart und der getönten kantigen Goldbrille hat in den vergangenen Jahren in Kanada gelebt und zusätzlich zur pakistanischen Staatsangehörigkeit einen kanadischen Pass. Erst im Dezember ist er nach Pakistan zurückgekehrt. Am 23. Dezember versammelte er erstmals Tausende Anhänger, in Lahore am Minar-e-Pakistan, jenem Ort, an dem der Staat Pakistan 1947 ausgerufen wurde, und forderte Wahlrechtsreformen und Neuwahlen.
Wahlen stehen ohnehin im Frühjahr an
Er wirft der Regierung Korruption vor. Eine Übergangsregierung, gebildet nach Beratungen mit dem Militär und der Justiz, solle übernehmen, und vor Neuwahlen sollten Wahlrechtsreformen vollzogen werden. Politiker, die ihre Steuern nicht gezahlt haben, sollen verurteilt werden, Kandidaten ohne Steuernachweis sollen nicht an Wahlen teilnehmen dürfen. Nur "ehrliche Leute" sollen Parlamentarier werden können.
Tahir-ul-Qadris Kritik richtet sich gleichermaßen gegen Regierung und Opposition. Sie seien "alle korrupt bis ins Mark", sagte er kürzlich im Interview.
Nur: In Pakistan stehen in diesem Frühjahr ohnehin Wahlen an. Sollte es dazu kommen, wäre es das erste Mal in der bald 66-jährigen Geschichte des Landes, dass eine demokratisch gewählte Regierung einer ebenfalls demokratisch gewählten Regierung nach einer vollen Legislaturperiode folgt.
Kritiker Tahir-ul-Qadris befürchten, dass seine Forderungen den friedlichen Übergang verzögern oder ihn gar sabotieren könnten. Und weil er fordert, man müsse das Militär bei der Bildung einer Übergangsregierung um Rat fragen, vermuten viele, dass die Generäle hinter dem Geistlichen stecken. Der frühere Militärdiktator General Pervez Musharraf, der im Exil lebt, unterstützt Tahir-ul-Qadri offen. Die Armee hat in den vergangenen Jahren an Ansehen verloren, vor allem durch den Schlag gegen Osama Bin Laden, der jahrelang unentdeckt in Pakistan lebte, ganz in der Nähe der renommierten Militärakademie. Jetzt suchen die Streitkräfte nach einer neuen Rolle.
Pakistan steht vor einer Menge gewaltiger Probleme
Zudem ist verwunderlich, woher Tahir-ul-Qadri das Geld für seine Kampagne nimmt, das ihn innerhalb weniger Wochen von einem politischen Nobody zum Politikstar aufsteigen ließ. Seine Mitarbeiter sagen, das sei alles finanziert durch Spenden von Mitgliedern der von Tahir-ul-Qadri 1981 gegründeten Organisation Minhaj-ul-Quran, dem "Weg des Korans". Angeblich soll Tahir-ul-Qadri rund 40.000 Busse für den Protestzug gemietet haben. Die Sicherheit um die Jinnah Avenue wird nicht nur von Polizei und Militärs, sondern auch von seinen eigenen Sicherheitsleuten gewährleistet. Es gibt Krankenwagen mit seinem Konterfei, seit Wochen machen Fernsehspots und Zeitungsanzeigen auf ihn aufmerksam - die Menschen fragen sich: Kann es stimmen, dass das nur durch Spenden finanziert ist?
"Uns ist es egal, was Kritiker über ihn sagen", erklärt Aqsa Mohammed, eine junge Anhängerin des Mannes, die den Protestzug von Lahore bis nach Islamabad insgesamt 30 Stunden begleitet hat. "Das jetzige System ist so schlecht, dass alles andere besser ist." Damit fasst sie die Stimmung vieler Menschen in Pakistan zusammen, die enttäuscht sind von der Regierung von Präsident Asif Ali Zardari. Der Witwer von Benazir Bhutto wurde nach einer Welle des Mitleids nach der Ermordung seiner Frau gewählt, obwohl er schon damals als äußerst korrupt galt.
Pakistan hat eine Menge gewaltiger Probleme, die unter der jetzigen Regierung größer geworden sind: Terror erschüttert das Land, ebenso Gewalt gegen Minderheiten, gegen Schiiten, Ahmadiyya, Hindus, Christen. Ein Unabhängigkeitskampf in der Provinz Belutschistan stellt die Einheit des Landes in Frage. Seit Jahren plagen politische Morde die Hafenmetropole Karatschi. Im Westen ist der instabile Nachbar Afghanistan, dessen Zukunft nach Abzug der westlichen Truppen ungewiss ist - und dessen Abgleiten ins Chaos auch für Pakistan verheerende Folgen hätte. Im Osten der ewige Erzfeind Indien, mit dem sich das Land gerade wieder Gefechte an der von beiden Ländern beanspruchten Provinz Kaschmir liefert. Das Verhältnis zum Antiterrorpartner USA ist angespannt, der US-Drohnenkrieg im Westen des Landes sorgt für Missstimmung in der pakistanischen Bevölkerung. Die Wirtschaft liegt brach, die Inflation ist hoch. Viele Menschen können sich nicht einmal mehr eine zweite Mahlzeit am Tag leisten. Die Arbeitslosigkeit ist gigantisch, eine sehr junge Bevölkerung sieht keine Perspektive.
Da kommt selbst jemand wie Tahir-ul-Qadri gerade recht, auch wenn er oft nur das sagt, was seine Zuhörer hören wollen. Vor konservativen Mullahs lobt er schon mal die umstrittenen Blasphemiegesetze. Nur ob er eine Revolution anzetteln kann, weiß bislang niemand. Auch nach seiner Rede nicht.
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