Protest in Teheran: Iranischer Rundfunk berichtet von sieben getöteten Demonstranten

Die Situation in Teheran eskaliert. Dem staatlichen Rundfunk zufolge hat es bei den Protesten gegen Präsident Ahmadinedschad sieben Tote gegeben. Ein führender Oppositionspolitiker soll festgenommen worden sein. Für die kommenden Stunden sind weitere Proteste angekündigt.

Teheran - Am Rande der Proteste in Iran sind am Montag laut einem Radiobericht sieben Menschen getötet worden. Es handele sich um Zivilisten, berichtete der staatliche Rundfunk am Dienstag. Die Menschen hätten am Montag einen Militärposten in der Nähe des Demonstrationszuges angegriffen. "Leider sind sieben Menschen getötet und mehrere andere verletzt worden", hieß es weiter.

Dies ist die erste Bestätigung für einen Zwischenfall nach der Großkundgebung am Asadi-Platz, bei der am Montag Hunderttausende Anhänger des unterlegenen Reformkandidaten Mir Hossein Mussawi friedlich demonstriert hatten. Der Radiobericht nannte nur wenige Einzelheiten, die Beschreibung der Ereignisse deckte sich jedoch mit dem, was Augenzeugen und ein Fotograf der Nachrichtenagentur AP beobachtet hatten: Als sich die Menge nach Einbruch der Dunkelheit aufzulösen begann, versuchte eine Gruppe Demonstranten, das Gebäude einer mit den Revolutionsgarden in Verbindung stehenden Freiwilligenmiliz am Rand des Platzes in Brand zu stecken und zu stürmen. Daraufhin kamen aus dem Gebäude Schüsse auf die Demonstranten. Laut einem AFP-Korrespondenten wurde auch Tränengas eingesetzt. Zahlreiche Menschen verließen demnach den Ort der Kundgebung in Panik.

Am späten Abend setzten die Menschen in Teheran die Proteste erneut auf Balkonen und Hausdächern fort: "Tod dem Diktator" und "Allahu Akbar" (Gott ist groß) waren die Rufe, die die zweite Nacht in Folge in der ganzen Hauptstadt zu hören waren.

Am Morgen gab es weitere beunruhigende Meldungen aus dem Lager der Reformer. Das Büro des führenden Oppositionspolitikers Mohammed Ali Abtahi berichtete, dieser sei verhaftet worden. Nähere Details sind bisher nicht bekannt.

Die Opposition will auch am Dienstag trotz offizieller Verbote gegen die Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad demonstrieren. Die Anhänger Mussawis wollen sich demnach um 14.30 Uhr MESZ auf dem Wali-Je-Asr-Platz der Hauptstadt Teheran versammeln.

Inzwischen haben die Proteste auch andere Städte Irans erreicht. In der Millionenstadt Isfahan, im konservativen Maschad, im südlichen Schiras und in Ahvaz protestierten am Montag ebenfalls Tausende Iraner, wie Augenzeugen der Nachrichtenagentur AP erklärten. In Schiras feuerte die Polizei Warnschüsse ab, um mehrere Demonstrationen aufzulösen. Der Polizeichef der Provinz Fars, Ali Moajeri, erklärte, seine Männer hätten das Recht zu schießen. "Ab jetzt werden wir hart vorgehen."

Mussawi hatte sich bei der Kundgebung in Teheran unnachgiebig gezeigt und forderte zum weiteren Widerstand gegen den Wahlbetrug auf. Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt seit der Wahl vom Freitag sagte er zur Menge: "Wir müssen unsere Rechte, die mit Füßen getrampelt wurden, zurückgewinnen. Wir müssen diese Lüge beenden und gegen den Betrug aufstehen." Er selbst sei bereit, dafür jeden Preis zu zahlen. "Sonst bleibt nichts übrig vom Vertrauen der Menschen in die Regierung und das herrschende System." Mussawi sagte, er habe nur geringe Hoffnung, dass der Wächterrat das gefälschte Wahlergebnis annullieren werde. Die Demonstranten antworteten mit Sprechchören: "Lang lebe Mussawi!" Ajatollah Ali Chamenei hatte das Expertengremium islamischer Rechtsgelehrter am Montag mit einer Überprüfung der Wahlergebnisse beauftragt.

Ahmadinedschad in Russland

Ungeachtet der Unruhen traf Wahlsieger Ahmadinedschad am Dienstag zu einem Besuch im russischen Jekaterinburg ein. Er werde am Gipfeltreffen der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) teilnehmen und wolle sich anschließend auch mit Journalisten treffen, meldeten die Agenturen Interfax und Itar-Tass aus Jekaterinburg.

US-Präsident Barack Obama zeigte sich tief beunruhigt über die Gewalt in der Islamischen Republik. "Zu schweigen wäre für mich falsch angesichts dessen, was wir in den vergangenen Tagen im Fernsehen gesehen haben." Die Wahl der Iraner müsse respektiert werden, sagte Obama. Er könne zwar nicht beurteilen, ob die Wahl gefälscht worden sei, aber die Menschen müssten ein Recht auf friedliche Proteste haben.

Gleichzeitig fand der US-Präsident warme Worte für die Demonstranten und die Jugendlichen, die das Wahlergebnis in Frage stellen. Die Welt sehe ihnen zu und sei von ihrem Engagement inspiriert, sagte Obama. Der Präsident betonte erneut, dass er für eine diplomatische Einbindung Irans steht. Dies sei für die nationale Sicherheit der USA von entscheidender Bedeutung. Es gehe darum, ein nukleares Wettrüsten im Nahen Osten zu verhindern.

Republik Iran
Land
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei (Bild), und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit August 2013 Hassan Rohani.
Leute
Iran hat rund 75 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 76 (Deutschland ist auf Platz 5). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 73 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 80 Jahren).
Wirtschaft
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).

ler/AP/AFP

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Iran-Konflikt
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback

Fotostrecke
Unruhen in Iran: Mit Schüssen gegen die Menge