Sidi Bouzid/Tunis - Die ersten freien Wahlen in Tunesien werden von gewalttätigen Auseinandersetzungen überschattet: Nach Bekanntgabe des offiziellen Wahlergebnisses haben sich Hunderte Menschen in der ehemaligen Revolutionshochburg Sidi Bouzid Straßenschlachten mit Polizei und Armee geliefert. Die Demonstranten wollten offenbar den Sitz der Provinzregierung stürmen. Sie zündeten Autoreifen, das Rathaus und das örtliche Parteibüro der islamistischen Ennahdha-Partei an, sie war der haushohe Gewinner der Wahl.
Die Sicherheitskräfte griffen massiv ein: "Das Militär versucht, die Leute mit Schüssen in die Luft und Tränengas auseinanderzutreiben", sagte Augenzeuge Attia Athmouni der Nachrichtenagentur Reuters.
Die Protestierenden sind Anhänger der viertplatzierten Volksliste. Sie demonstrieren, weil die Wahlkommission sechs Kandidatenlisten des reichen Geschäftsmannes und Besitzers eines TV-Senders, Hechmi Haamdi, für ungültig erklärt hatte. Hintergrund für die Listenausschlüsse waren nach Angaben der obersten Wahlaufsichtsbehörde vor allem Unregelmäßigkeiten bei der Finanzierung der Partei al-Aridha.
Die Revolution begann in Sidi Bouzid
Mit 19 Sitzen in der Versammlung gilt die nationalistische Bewegung aber dennoch als die große Überraschung der Wahlen. Haamdi unterstützte früher den im Januar gestürzten autokratisch regierenden Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali.
Nach Angaben von Reuters verhängten die Behörden nach den Ausschreitungen nun eine nächtliche Ausgangssperre. Der Anführer der Ennahdha-Partei, Rachid Ghannouchi, rief alle Tunesier auf, Gewalt abzulehnen.
Die Proteste in Sidi Bouzid erregen besonders Aufmerksamkeit, weil die Stadt als Ursprungsort des Arabischen Frühlings gilt. Am 17. Dezember vergangenen Jahres zündete sich dort ein junger Straßenhändler an, weil er Behördenwillkür und Perspektivlosigkeit in seiner Heimat nicht mehr ertragen konnte. Die Verzweiflungstat in dem Ort rund 250 Kilometer südlich von Tunis rüttelte Hunderttausende Tunesier auf und führte wenige Wochen später zum Sturz von Ben Ali.
heb/dpa/AFP/Reuters
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