Protest nach Wahl: Hunderte Tunesier attackieren Soldaten

Es war die erste freie Wahl in Tunesien, doch der Ablauf passte nicht jedem. In der ehemaligen Revolutionshochburg Sidi Bouzid haben Demonstranten Autoreifen in Brand gesetzt, Regierungsgebäude sollen in Flammen stehen.  Hunderte lieferten sich Straßenschlachten mit Polizei und Armee.

Proteste in Sidi Bouzid (am 21. Oktober): Massiver Einsatz der Sicherheitskräfte Zur Großansicht
AFP

Proteste in Sidi Bouzid (am 21. Oktober): Massiver Einsatz der Sicherheitskräfte

Sidi Bouzid/Tunis - Die ersten freien Wahlen in Tunesien werden von gewalttätigen Auseinandersetzungen überschattet: Nach Bekanntgabe des offiziellen Wahlergebnisses haben sich Hunderte Menschen in der ehemaligen Revolutionshochburg Sidi Bouzid Straßenschlachten mit Polizei und Armee geliefert. Die Demonstranten wollten offenbar den Sitz der Provinzregierung stürmen. Sie zündeten Autoreifen, das Rathaus und das örtliche Parteibüro der islamistischen Ennahdha-Partei an, sie war der haushohe Gewinner der Wahl.

Die Sicherheitskräfte griffen massiv ein: "Das Militär versucht, die Leute mit Schüssen in die Luft und Tränengas auseinanderzutreiben", sagte Augenzeuge Attia Athmouni der Nachrichtenagentur Reuters.

Die Protestierenden sind Anhänger der viertplatzierten Volksliste. Sie demonstrieren, weil die Wahlkommission sechs Kandidatenlisten des reichen Geschäftsmannes und Besitzers eines TV-Senders, Hechmi Haamdi, für ungültig erklärt hatte. Hintergrund für die Listenausschlüsse waren nach Angaben der obersten Wahlaufsichtsbehörde vor allem Unregelmäßigkeiten bei der Finanzierung der Partei al-Aridha.

Die Revolution begann in Sidi Bouzid

Mit 19 Sitzen in der Versammlung gilt die nationalistische Bewegung aber dennoch als die große Überraschung der Wahlen. Haamdi unterstützte früher den im Januar gestürzten autokratisch regierenden Präsidenten Zine el-Abidine Ben Ali.

Nach Angaben von Reuters verhängten die Behörden nach den Ausschreitungen nun eine nächtliche Ausgangssperre. Der Anführer der Ennahdha-Partei, Rachid Ghannouchi, rief alle Tunesier auf, Gewalt abzulehnen.

Die Proteste in Sidi Bouzid erregen besonders Aufmerksamkeit, weil die Stadt als Ursprungsort des Arabischen Frühlings gilt. Am 17. Dezember vergangenen Jahres zündete sich dort ein junger Straßenhändler an, weil er Behördenwillkür und Perspektivlosigkeit in seiner Heimat nicht mehr ertragen konnte. Die Verzweiflungstat in dem Ort rund 250 Kilometer südlich von Tunis rüttelte Hunderttausende Tunesier auf und führte wenige Wochen später zum Sturz von Ben Ali.

heb/dpa/AFP/Reuters

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insgesamt 15 Beiträge
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1. Ist das Demokratie?
@zend 28.10.2011
Wenn ich das richtig verstehe, sind diese Proteste daraus entstanden, dass NACH der Wahl eine Liste für ungültig erklärt wurde. Hätte man das nicht früher klären müssen? So bleibt eigentlich nur eine Wiederholung in den betreffenden Bezirken, alles andere wäre Anlass zu größtem Misstrauen in die demokratische Entwicklung in Tunesien! Dass die gestrichene Liste einem (ehemaligen?) Anhänger des letzten Präsidenten Ben Ali zuzuordnen ist, ist jedenfalls auch keine Rechtfertigung.
2. ..
Fischkopp-Cop 28.10.2011
Tja, witzig, oder? Da ereifern sich in anderen Threads unzählige Foristen darüber, dass eine nichtsäkulare, islamische Partei wie die Ennahdha die Wahlen gewonnen hat und zeichnen schon mal den Untergang des Morgen- und Abendlands. Und was passiert: Die Anhänger einer Partei eines Etablierten des alten Regimes sind die ersten, die den demokratischen Prozess nicht anerkennen wollen und Gewalt ausüben...
3. Frage
Freiherr34 28.10.2011
Warum wird bei diesem Artikel ein Bild von besonders korantreuen Islamisten, Salafisten oder wie auch immer man sie nennen will, gezeigt? Wenn ich das richtig verstanden haben dann sind die aktuellen Protestler eher sekulare Nationalisten.
4. Kein
forumgehts? 28.10.2011
Zitat von sysopEs war die erste freie Wahl in Tunesien, doch der Ablauf*passte nicht jedem. In der ehemaligen Revolutionshochburg Sidi Bouzid haben Demonstranten Autoreifen in Brand gesetzt, Regierungsgebäude sollen in Flammen stehen.* Hunderte lieferten sich Straßenschlachten mit Polizei und Armee. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,794609,00.html
Grund zur Aufregung. Wenn sich die Islamisten erst mal etabliert haben, dann werden die schon für Ruhe sorgen.
5. zweite islamistische Partei
mattorres 28.10.2011
Zitat von Fischkopp-CopTja, witzig, oder? Da ereifern sich in anderen Threads unzählige Foristen darüber, dass eine nichtsäkulare, islamische Partei wie die Ennahdha die Wahlen gewonnen hat und zeichnen schon mal den Untergang des Morgen- und Abendlands. Und was passiert: Die Anhänger einer Partei eines Etablierten des alten Regimes sind die ersten, die den demokratischen Prozess nicht anerkennen wollen und Gewalt ausüben...
Der Anfüher der Aridha Chaabia Partei, Hechmi Haamdi, war früher selbst Mitglied der islamistischen Ennahdha. Seine neue Partei hat mit islamistischen und vor allem populistischen Parolen gewonnen. Es handelt sich hier also mehr um eine zweite islamistische als um eine säkulare Partei. http://www.tunisia-live.net/2011/10/27/aridha-chaabia-popular-petition-shocks-tunisian-politics/
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Bevölkerung: 10,374 Mio.

Hauptstadt: Tunis

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