Protestbewegung in Ägypten Wurzeln der Wut

Die Ägypter wollen das Mubarak-Regime stürzen. Anfangs befeuerten vor allem junge, gebildete Menschen die Proteste - doch inzwischen haben sich ihnen Demonstranten aus allen Schichten angeschlossen. Sie fordern das, was bislang nur den Eliten vorbehalten war: Wohlstand und Freiheit.

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Das Werbeplakat steht mitten in Kairo. Fünf Jungen und Mädchen lächeln in die Kamera, es ist eine Kampagne der Regierung, die verspricht, sich "für die Zukunft eurer Kinder" einzusetzen. Vor einer Woche wäre es eines dieser Bilder gewesen, das man im Vorbeifahren zufällig mit dem Blick streift und sofort wieder vergisst. Aber dieses Plakat steht ausgerechnet vor der Zentrale der ägyptischen Regierungspartei. Von der ist nur noch eine verkohlte, schwarze Fassade geblieben.

Denn die Kinder haben sich aufgelehnt. Ihre Wut hat die jungen Menschen auf die Straße getrieben, sie haben der Polizeigewalt getrotzt, sich den Wasserwerfern entgegengestellt. Am Ende des "Freitag des Zorns" vergangene Woche brannte das Gebäude der Nationaldemokratischen Partei, die seit Jahrzehnten regiert. Die Regierung von Präsident Husni Mubarak hat sich eben nicht um die Zukunft der Jugend geschert, sondern vor allem um sich selbst.

Für die jungen Ägypter folgt nach der Universität oft die Arbeitslosigkeit. Wer studiert und perfekt Deutsch spricht, kann höchstens auf einen Job im Call Center hoffen. Wer kein Geld für Bestechungsgelder hat oder nicht die richtigen Leute kennt, kommt oft nicht voran. Als die OECD im November mahnte, dringend gegen Korruption vorzugehen, blieb das einmal mehr ungehört. Die Inflationsrate lag im vergangenen Jahr bei elf Prozent. Zwar hat Mubarak Wirtschaftsreformen angestoßen. Doch die nutzten vor allem der wirtschaftlichen Elite des Landes, die noch mehr Einfluss gewann und im Gegenzug die Mubarak-Familie stützte.

Die Wirtschaft ist in den vergangenen Jahren sogar gewachsen, doch dem Regime ist es nicht gelungen, "ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten für die schnell wachsende Bevölkerung zu schaffen", erklärt Muriel Asseburg, Leiterin der Forschungsgruppe Naher/Mittlerer Osten und Afrika bei der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin.

In Ägypten entstand eine Generation ohne Perspektiven - und mit viel Wut. Zu der wirtschaftlichen Not kam die politische Repression. Bei den Parlamentswahlen 2010 hat Mubarak zuletzt gezeigt, was er von freien Wahlen hält: nichts. Seine Regierungspartei holte mehr als 83 Prozent und sicherte sich die Alleinherrschaft im Parlament. Beobachter kritisierten die massiven Wahlfälschungen.

Schon damals brannten Reifen und mehrere Wahllokale, doch eine Massenbewegung gab es nicht. "Viele Ägypter hatten die Hoffnung auf einen Wandel durch den politischen Prozess aufgegeben", sagt Expertin Asseburg.

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Ägypten: Im Inneren der Revolte
Doch die Jasmin-Revolution mobilisierte auch die Ägypter. "Erst Tunesien, dann Ägypten", skandierten die Menschen in den Straßen. Über Blogs, Facebook und Twitter organisierten sie sich, es waren vor allem die Jüngeren, 20- bis 30-Jährigen, besser Gebildeten, die in Großstädten wie Kairo und Alexandria leben.

Über das Internet veröffentlichten sie Fotos und Nachrichten von ihren Protesten, und zogen damit immer mehr Menschen an. Der Fernsehsender al-Dschasira berichtete ausführlich von den Demonstrationen. Die Deutsche Christina Schmitt, die zurzeit einen Sprachkurs in Kairo macht und als Gasthörerin an der Kairoer Universität eingeschrieben ist, hat beobachtet, wie diese Berichte immer mehr Studenten mobilisierten. Ein Student sagte zu ihr: "Nun ist es cool, gegen die Regierung zu sein und seine Meinung zu äußern."

In Tunesien wie in Ägypten hätten die Menschen entdeckt, wie mächtig sie seien, sagt Hamadi El-Aouni, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin. "Je länger die Proteste dauerten, desto mutiger wurden sie."

Zwar sind elektronische Medien in Ägypten weniger weit verbreitet als in Tunesien, wo 25 Prozent der Familien einen Computer haben. Das ist eine der Erklärungen dafür, warum sich die Demonstrationen auf dem Land nicht so stark ausbreiteten.

Aber der Aufstand hat zunehmend mehr Schichten erfasst. Zu den Kundgebungen kommen ältere Frauen mit Kopftüchern, jüngere Frauen mit Sonnenbrillen, weißhaarige Männer und jüngere mit Gel im Haar. Es sind auch jene da, die am meisten unter Armut leiden: die Bewohner der Slums, allein in Kairo elf Millionen Menschen. Sie alle eint nun der Wille nach mehr Wohlstand und mehr Freiheit.

Schwieriger Abschied von Mubarak

Es ist eine bunte Bewegung. Die Proteste werden von keinen traditionellen Oppositionsgruppen gesteuert. Eine klare Figur, die die Demonstrationen führt, gibt es nicht. Auch das ist ähnlich in Tunesien.

Doch anders als in Tunesien leben in Ägypten mehr als 80 Millionen Menschen. Ägypten ist ein Riese in der Region - weswegen enge Verbündete wie die USA nur langsam auf die Unruhen reagierten. Mit Hilfe Washingtons hat Mubarak bislang seine Armee aufgerüstet, jedes Jahr flossen 1,3 Milliarden Dollar Militärhilfe.

Entsprechend schwer tat sich die US-Regierung damit, offen Druck auf Mubarak auszuüben. Inzwischen ruft Präsident Barack Obama zu einem friedlichen "Übergang zur Demokratie" auf. Sein Sprecher schob die hölzerne Erklärung hinterher, man wolle "einen geordneten Übergang zu einer Regierung" unterstützen, "die auf die Bestrebungen des ägyptischen Volkes eingeht".

Das Nachbarland Israel zittert vor einem möglichen Sturz Mubaraks - der der arabische Lieblingspolitiker des Staates ist, weil er die Sicherheit Israels garantiert. Die Angst vor einer Machtergreifung der Islamisten ist groß. "Wir hatten und haben immer noch großen Respekt für Präsident Mubarak", erklärte Staatspräsident Schimon Peres am Montag in seiner ersten öffentlichen Stellungnahme zu den Unruhen in Ägypten.

Eine fatale Strategie, meint Hamadi El-Aouni von der Freien Universität Berlin. "Die Menschen wollen selbst über ihr Schicksal bestimmen. Je mehr sich Mächte von außen einmischen, desto radikaler werden sie."

Forum - Unruhen in Kairo - kippt die Regierung?
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LeisureSuitLenny 27.01.2011
1. Wenn das BKA Facebuck sperren will...
... sollte man also genau hinsehen. Kann sein das da schon längst die Revolution läuft, aber die Medien nicht darüber berichten dürfen. ;)
lynx2 27.01.2011
2. 6% ? Ach, nee?
Zitat von sysopDie Proteste gegen das diktatorische Regime in Ägypten werden immer stärker. In Suez zündeten Demonstranten eine Polizeiwache an. Die Kurse an der Kairoer Börse rasten um mehr als sechs Prozent in den Keller - der gesamte Handel wurde ausgesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741932,00.html
... Nur 6%. In den Keller? Das wäre -100%. Und wenn schon. Was nutzen den Massen hohe Börsenkurse? Nur eine kleine Zocker-Mafia (heute sagt man verfeinert 'Geld-Elite') hat bisher davon profitiert. Hoffentlich sind deren Tage bald gezählt.
lynx2 27.01.2011
3. 6% ? Ach, nee? Gerast?
Zitat von sysopDie Proteste gegen das diktatorische Regime in Ägypten werden immer stärker. In Suez zündeten Demonstranten eine Polizeiwache an. Die Kurse an der Kairoer Börse rasten um mehr als sechs Prozent in den Keller - der gesamte Handel wurde ausgesetzt. http://www.spiegel.de/wirtschaft/unternehmen/0,1518,741932,00.html
... Nur 6%. In den Keller? Das wäre -100%. Und wenn schon. Was nutzen den Massen hohe Börsenkurse? Nur eine kleine Zocker-Mafia (heute sagt man verfeinert 'Geld-Elite') hat bisher davon profitiert. Hoffentlich sind deren Tage bald gezählt.
Jay's, 27.01.2011
4. Das Jahrzent
des aktiven Widerstands hat begonnen oder die Kettenrevolution nimmt ihren Lauf.
Karapana 27.01.2011
5. Dialog
"Mehrere westliche Regierungen, die enge Beziehungen zur ägyptischen Führung unterhalten, hatten Mubarak und die Regierung in den vergangenen Tagen aufgerufen, einen Dialog mit der Opposition zu beginnen." Da fällt mir ein, das war auch in der DDR das Zauberwort der Kalkköpfe. "Dialog" . Heute kommt noch hinzu: "Regierung der nationalen Einheit". Dabei zeigen die Proteste ja gerade, dass es diese nicht gibt.
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