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Proteste gegen Erdogan: Der sture Mann vom Bosporus

Aus Istanbul berichtet

Proteste gegen Erdogan: Die türkische Tragödie Fotos
AP/ dpa

Premier Erdogan war auf dem Weg, als erfolgreichster Politiker der Türkei seit Staatsgründer Atatürk in die Geschichte einzugehen. Doch auf die Proteste gegen seine Regierung reagiert er wie ein Despot. Der Fall ist eine Tragödie.

Recep Tayyip Erdogan hat sich gerne einflussreiche Gegner gesucht: Die laizistische Elite, die ihn als Bürgermeister Istanbuls verhindern wollte. Die Justiz in Ankara, die ein Verbotsverfahren gegen seine muslimisch-konservative AK Partei betrieb. Schließlich die Generäle, die seit der Gründung des Staates durch Mustafa Kemal Atatürk herrschten und deren Macht er brach.

Nach zehn Jahren als Regierungschef der Türkei war Erdogans Macht derart allumfassend, dass ihn zuletzt nur noch einer stoppen konnte: Erdogan selbst.

Der Journalist Fiachra Gibbans beschrieb den Fall Erdogan im "Guardian" sehr treffend als "Shakespearean tragedy", als Tragödie. Der Premierminister, der Putschversuchen und einem Verbotsverfahren trotzte, versagt angesichts einiger hundert Bäume in einem Park - und wird Opfer der eigenen Hybris.

Wenn man die vergangenen Wochen der Gezi-Revolte rückblickend betrachtet, verstört vor allem eines: wie Erdogan jede auch noch so gute Gelegenheit, den Konflikt zu befrieden, hat verstreichen lassen; wie er die Demonstranten, die zunächst lediglich für den Erhalt des Gezi-Parks am Taksim-Platz in Istanbul auf die Straße gingen, durch seine Unerbittlichkeit und die Brutalität seiner Polizei aufgebracht hat.

Mit aller Härte

Ein verständnisvolles Wort, eine beschwichtigende Geste hätten wahrscheinlich genügt, die Revolte zumindest einzudämmen. Doch Erdogan fliegt, als der Aufstand beginnt, nach Nordafrika. Zurück in der Türkei, nennt er die Demonstranten "Plünderer" und "Terroristen" und lässt seine Polizei mit aller Gewalt gegen sie vorgehen. Die Proteste enden trotzdem nicht, im Gegenteil, sie weiten sich auf das ganze Land aus. Nach fast zwei Wochen der Rebellion empfängt Erdogan Vertreter der Protestbewegung in Ankara. Doch zur gleichen Zeit, da er Dialog verspricht, hetzt er seine Polizisten erneut auf die Demonstranten.

Insider erzählen, es habe innerhalb der AKP eine Diskussion gegeben, wie man mit dem Protest umgehen sollte. Vertreter des moderaten Flügels, darunter der türkische Staatspräsident Abdullah Gül, hätten zur Deeskalation geraten. Doch sie konnten sich offenbar gegen die Hardliner in der Regierung nicht durchsetzen. Erdogan will den Konflikt so lösen, wie er sein Leben lang Streit gelöst hat: mit aller Härte.

Erdogan wuchs im rauen Istanbuler Hafenviertel Kasimpasa auf als Sohn eines Fischers aus Anatolien. Männer seiner Herkunft putzten in der alten Türkei bestenfalls Schuhe vorm Grand Hotel de Londres. Erdogan aber ist ehrgeizig, er studiert Betriebswirtschaft und engagiert sich in der islamistischen Refah-Partei von Necmettin Erbakan. Für den greisen Parteiführer gibt er den Scharfmacher und steigt zum Bürgermeister Istanbuls auf. Als Erbakan in der Partei an Rückhalt verliert, putscht Erdogan gegen den Alten. Gemeinsam mit Abdullah Gül gründet er 2001 die AK Partei und gewinnt ein Jahr später völlig überraschend die Parlamentswahlen.

Der Unmut wächst

Erdogan ist einer der faszinierendsten Politiker seiner Zeit. Sein Aufstieg ist enorm - und seine politischen Erfolge sind es, zumindest teilweise, auch. Er hat die Türkei, ein Putsch- und Krisenland, zu einer Regionalmacht aufgebaut. Er hat die Wirtschaft modernisiert und ihr zu einem nie gekannten Wachstum verholfen. Und er steht davor, eine Auseinandersetzung zu befrieden, die die Türkei seit drei Jahrzehnten quält: der Konflikt mit den Kurden im Südosten des Landes, der Zehntausende Menschen das Leben gekostet hat. Der Führer der kurdischen Terrorgruppe PKK, Abdullah Öcalan, hat seine Kämpfer zuletzt dazu aufgerufen, die Waffen niederzulegen.

Erdogan war auf dem Weg, als der erfolgreichste türkische Regierungschef seit Staatsgründer Atatürk in die Geschichtsbücher einzugehen. Doch nun ist er dabei, innerhalb weniger Wochen seine Erfolge aus mehr als einem Jahrzehnt zu verspielen.

Selbst unter seinen Anhängern wächst der Unmut über ihn. Die regierungsnahe Zeitung "Zaman" schreibt, Erdogan habe der "nationalen Psyche" einen "enormen Schaden" zugefügt. Es scheint ausgeschlossen, dass er sich im kommenden Jahr nach elf Jahren als Premierminister wie geplant zum Präsidenten wird ausrufen lassen können.

Nur Erdogan selbst scheint das nicht einsehen zu wollen. Er hat sich in den vergangenen Jahren in vielerlei Hinsicht genau zu jenem Typus des autokratischen Herrschers entwickelt, den er bei Amtsantritt abzulösen versprochen hat. Er will alles bestimmen und verfolgt Andersdenkende unerbittlich. In keinem anderen Land der Welt sitzen mehr Journalisten in Haft als in der Türkei.

Erdogan spaltet das Land

Am vergangenen Sonntag versammelte Erdogan Hunderttausende seiner Anhänger in Istanbul zu einer Kundgebung. Und er versammelte sie nicht irgendwo: Er hielt die Rede auf einem Feld am Stadtrand, von wo aus "Mehmet der Eroberer" im 15. Jahrhundert seinen Angriff auf Konstantinopel startete.

Erdogan rief seine Unterstützer dazu auf, einzutreten gegen "die Terroristen", die am Taksim-Platz gegen seine Regierung demonstrierten. In Ländern wie den USA, wo politische Auseinandersetzungen mitunter ebenfalls hart geführt werden, stellen sich Regierungschefs nach jeder Wahl hin und betonen, Präsident des "gesamten Volks" zu sein, also auch derer, die sie nicht gewählt haben.

Erdogan hat sich von dieser Vorstellung längst verabschiedet. Er schart seine Anhänger um sich und spaltet das Land. In der Nacht von Sonntag auf Montag zogen Anhänger Erdogans durch Istanbul und machten Jagd auf Regierungskritiker.

Es scheint dabei nicht eindeutig, ob sich Erdogan wirklich noch im Klaren ist, was er sagt und tut. Er denunziert den Aufstand gegen seine Regierung als Verschwörung ausländischer Medien und lässt seine Polizisten Ärzte verhaften, die verletzte Demonstranten behandelten. Erdogan wirkt zuweilen nicht mehr wie der demokratisch gewählte Premier einer der größten Volkswirtschaften der Welt - sondern wie ein wirrer Despot.

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insgesamt 194 Beiträge
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1. es nervt
cuenal 20.06.2013
sogar die wirklich Erdogan-kritischen Zeitungen schreiben mittlerweile was anderes. Meine Güte - irgendwann ist auch mal Schluss.
2. rücksichtsloser Selbstdarsteller
mischamai 20.06.2013
Was dieser Mann sich aktuell leistet übertriff alle Demütigungen aktueller Demokratie.Gerade eben wurde mir von Bekannten aus Istanbul mitgeteilt es gäbe eine traurige Ruhe in der Stadt.Durch die ganzen Tränengasattacken der letzten Tage wurde alle Singvögel und anderen Tiere getötet.
3. Nix neues am Bosporus
EvilGenius 20.06.2013
Erdogan gibt doch schon seit jeher den Diktator. Bis hin zum Oberlippenbärtchen. Mir ist unbegreiflich, wieso seine teils rassistische Hetze von den Medien so lange relativiert wurde.
4. Blöde Behauptung!
labo123 20.06.2013
Premier Erdogan war auf dem Weg, als erfolgreichster Politiker der Türkei seit Staatsgründer Atatürk in die Geschichte einzugehen
5. Schuldig schuldig, also eben nicht tragisch
kyon 20.06.2013
Zitat von sysopAP/ dpaPremier Erdogan war auf dem Weg, als erfolgreichster Politiker der Türkei seit Staatsgründer Atatürk in die Geschichte einzugehen. Doch auf die Proteste gegen seine Regierung reagiert er wie ein Despot. Der Fall ist eine Tragödie. http://www.spiegel.de/politik/ausland/proteste-gegen-erdogan-der-wirre-mann-vom-bosporus-a-906980.html
Der Mann ist kein "tragischer" Held, der schuldlos schuldig wäre, er ist schuldig schuldig.
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Fläche: 783.562 km²

Bevölkerung: 77,696 Mio.

Hauptstadt: Ankara

Staatsoberhaupt:
Recep Tayyip Erdogan

Regierungschef: Binali Yildirim

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