Proteste gegen Koran-Verbrennung Krawalle vor Bundeswehrlager in Afghanistan

Noch ist offen, ob der amerikanische Pastor Jones am 11. September wirklich Koran-Exemplare verbrennen wird - in Afghanistan ist die Wut dennoch groß. Demonstranten haben ein Bundeswehrcamp im Norden des Landes attackiert, es gab Verletzte.

Aus Kabul berichten und Shoib Najafizada

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Bundeswehrcamp wird Ziel von Protesten
dapd

Bundeswehrsoldaten in Afghanistan: Bundeswehrcamp wird Ziel von Protesten


Kabul - Eine aufgebrachte Menge von rund 600 Demonstranten hat am Freitagvormittag das deutsche Feldlager im nordafghanischen Faizabad mit Steinwürfen attackiert. Einige Protestierende versuchten nach Angaben des Polizeichefs der Hauptstadt der Provinz Badakshan, Aqanoor Kemtoz, über die Mauern des Camps zu steigen. Daraufhin hätten afghanische Wachen das Feuer eröffnet und mehrere Demonstranten verletzt, berichtet Kemtoz.

Meldungen über ein Todesopfer bestätigte der Polizeichef nicht. Auch die Bundeswehr in Faizabad, die das Geschehen außerhalb der Lagermauern die ganze Zeit mit Videokameras aus dem Gefechtsstand beobachtete, hatte keine Erkenntnisse über einen getöteten Demonstranten. "Es wurden Warnschüsse durch die afghanischen Wachen, die unser Camp von außen absichern, abgegeben", sagte ein Sprecher des Lagers SPIEGEL ONLINE, "doch wir konnten auf den Live-Bildern nur sehen, dass einige Demonstranten verletzt worden sind."

Auch der Sprecher des Gouverneurs der nordafghanischen Provinz Badachschan dementierte die Meldungen über ein angebliches Todesopfer. "Unseren Berichten nach gab es fünf Verletzte unter den Protestierenden und vier unter den Polizisten", sagte Sayed Aminullah Sohail SPIEGEL ONLINE per Telefon. Er sprach ebenfalls von etwa 600 Demonstranten. Gleichwohl berichtete die afghanische Armee, die später zur Verstärkung gerufen wurde, auch der Bundeswehr von einem getöteten Demonstranten.

Mehrere Demonstrationen in Afghanistan am Freitag

Die Demonstration hatte nach dem Freitagsgebet in Faizabad begonnen. Sie richtete sich gegen die geplante Verbrennung mehrerer Koran-Exemplare im US-Bundesstaat Florida. Der radikale US-Pastor Terry Jones, der die Aktion dort für den 11. September plante, hatte die provokante, weltweit kritisierte Verbrennung am Donnerstag zunächst abgesagt. Nur Stunden danach erklärte er aber, seine Entscheidung noch einmal überdenken zu wollen. "Wir sagen die Veranstaltung nicht ab, aber wir setzen sie aus", sagte Jones dem Fernsehsender NBC.

Das Vorhaben hatte in den vergangenen Tagen für massive Proteste in islamischen Ländern gesorgt. In Afghanistan meldeten die Behörden am Freitag auch aus anderen Teilen des Landes Proteste, bei denen in manchen Fällen Demonstranten verletzt worden seien. Demnach gab es im Norden Kabuls, in der Provinz Farah und Baghdis Demonstrationszüge nach den Freitagsgebeten, die Zahlen lagen stets bei einigen hundert Teilnehmern. Bisher sind aber noch keine Gewaltausbrüche wie bei der Aktion vor dem deutschen Camp bekannt geworden.

Die Demonstration in Faizabad war in Afghanistan die dritte und bislang größte gegen die angedrohte Koran-Verbrennung durch die radikale Christengemeinde. Offenbar war eine Gruppe von mehreren hundert Menschen von einer Moschee in der Nähe des Flughafens und des deutschen Camps vor die Tore des Bundeswahrlagers gezogen. "Die wütenden Demonstranten forderten die Herausgabe der amerikanischen Flagge und warfen Steine über die Lagermauer", sagte ein Sprecher des Regionalkommandos Nord in Masar-i-Scharif.

Warum die Situation später eskalierte, ist bisher nicht klar. Deutschen Angaben zufolge bemühte sich Oberst Fritz Urbach, der Kommandant des Camps, gemeinsam mit einem afghanischen Offizier, vor der Lagerpforte mit einem der Rädelsführer des Protests zu reden. "Der Kommandant hat lange mit dem aufgebrachten Mann gesprochen und ihm erklärt, dass die Koran-Verbrennung zwar durch einen Amerikaner geplant worden ist, dies aber keine Regierungsaktion sei", berichtete ein Bundeswehrsprecher. Genutzt habe dies aber wenig.

Der Polizeichef von Faizabad sagte, die Deutschen hätten auch per Megafon aus dem Lager die Herausgabe einer US-Fahne abgelehnt. "Der Kommandant sagte über einen Lautsprecher, dies sei kein amerikanisches Camp, in dem Lager seien nur deutsche Soldaten stationiert", beschrieb Polizeichef Kemtez die Situation. Daraufhin hätten mehrere Demonstranten versucht, die Lagermauer zu überwinden.

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Terry Jones: Gefährlicher Zündler
Deutsche Soldaten wurden nach Angaben der Sprecher in Masar-i-Scharif und Faizabad zu keinem Zeitpunkt außerhalb des Lagers gegen die Demonstranten eingesetzt. Das Feldlager in Faizabad ist das kleinste der drei deutschen Camps in Nordafghanistan. Dort sind rund 500 Soldaten stationiert. Neben den Deutschen sind auch US-Soldaten in Faizabad untergebracht. Die Einheiten bewachen vor allem Wiederaufbauprojekte der US-Regierung in der Region.

Die Lage rund um das deutsche Camp gilt gewöhnlich als relativ ruhig. Die deutschen Lager in Afghanistan werden grundsätzlich von afghanischen Wachen, im Fall von Faizabad sind es Polizisten der Afghan Nation Police (ANP), bewacht. Dies ist bei fast allen Stützpunkten der internationalen Schutztruppe Isaf üblich.

Protest richtet sich angeblich auch gegen Merkels Westergaard-Ehrung

Die geplante Koran-Verbrennung in den USA sei nicht der einzige Grund für die wütende Demonstration gewesen, sagte der Sprecher des Gouverneurs. Die Menschen hätten auch gegen die Ehrung des dänischen Mohammed-Karikaturisten Kurt Westergaard durch Bundeskanzlerin Angela Merkel protestiert. Diese Darstellung wurde von der Bundeswehr dementiert. "Es gab keinen deutschen Bezug bei der Demonstration", sagte der Sprecher des Lagers.

Die Hintergründe und genauen Abläufe des Protests sollen nun von einer Kommission unter Führung der Afghanen untersucht werden. Bei der Recherche will auch die Bundeswehr ihre Erkenntnisse zur Verfügung stellen. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr in Potsdam erklärte lediglich, die Proteste würden in die Bewertung der Sicherheitslage einfließen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
odet 10.09.2010
1. Was soll man sagen ?
Zum Glück sind ja nur die Muslime intolerant und gewaltbereit. Die wstlichen Religionen sind dagegen doch so tolerant und rational.Dieser amerikanische Pfaffe ist doch das beste Beispiel.............
fiutare 10.09.2010
2. Die Wut um die Wut
Die sind nur wütend, weil dieser Pseudo-Pfaffe den Koran jetzt doch nicht verbrennen will - weil, dann könnten sie ja noch wütender sein. Sie sind also wütend, weil sie nicht wirklich wütend sein können - oder so. Wie auch immer: Auf beiden Seiten überwiegt die Lächerlichkeit und die Dummheit.
Driftwood, 10.09.2010
3. Deja vus
Zitat von sysopNoch ist offen, ob der amerikanische Pastor Jones am 11. September wirklich Koran-Exemplare verbrennen wird - in Afghanistan ist die Wut dennoch groß. Demonstranten haben ein Bundeswehrcamp im Norden des Landes attackiert, es gab Verletzte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,716774,00.html
Wieder eine "nette" Geschichte von den Anhängern der Religion des Friedens!!! Wann wacht Europa auf , oder ist es zu spät? Die Islamisierung ist schon sehr weit vorangeschritten. Sonst würden unsere Politiker nicht wie ein aufgeschreckter Hühnerhaufen reagieren, nur weil so ein verrückter Sektenführer ein paar Korane verbrennen will.
sprechweise, 10.09.2010
4. Wut
Zitat von sysopNoch ist offen, ob der amerikanische Pastor Jones am 11. September wirklich Koran-Exemplare verbrennen wird - in Afghanistan ist die Wut dennoch groß. Demonstranten haben ein Bundeswehrcamp im Norden des Landes attackiert, es gab Verletzte. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,716774,00.html
Das hat mit Wut über ein Ereignis nicht zu tun. Es ist ja noch nicht einmal sicher ob es stattfindet. Wäre das Verhalten der Muslime in Afghanistan in irgendeiner Weise berechtigt, dürften die USA konsequenterweise jeden Muslim töten wegen der Ereignisse am 9/11. Ich fürchte Muslime werden nie das Konzept von Gerechtigkeit verstehen.
Schubbidubbidu, 10.09.2010
5. Beruhigungsmittel für Alle!
Es ist schon erstaunlich. Im mittleren Osten, Pakistan, Irak, Afghanistan, Iran werden seit Jahrzehnten westliche Fahnen, Puppen und andere Symbole verbrannt, gevierteilt, gehängt, zerhackt. Und dann erregt eine angedrohte einzelne Koranverbrennung so einen Unmut? Manchmal hat man das Gefühl, man müßte die ganze muslimische Welt zwangsweise unter Beruhigungsmittel setzen. Den verückten Pastor in den USA sollte man dabei gleich mit an den Tropf hängen.
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