Mohammed-Video Hisbollah-Chef ruft zu Protesten auf

Die wütenden Proteste gegen ein antimuslimisches Schmähvideo setzen sich weltweit fort. In Pakistan und in Afghanistan kam es zu Ausschreitungen mit mehreren Verletzten. Der Chef der libanesischen Hisbollah hat für Montag zu Demonstrationen aufgerufen.

AFP

Kabul - Überall in der muslimischen Welt gibt es weiterhin wütende Proteste gegen ein Schmähvideo, mit dem ein in den USA lebender koptischer Christ offenbar genau diese Art von Reaktion erreichen wollte. Der verurteilte Betrüger und frühere Drogenproduzent Nakoula Basseley Nakoula hat gemeinsam mit seinen christlich-fundamentalistischen Mitstreitern am Ende augenscheinlich doch noch erreicht, was er wollte: die Wut der Muslime in aller Welt anzustacheln - auch wenn nie klar zu unterscheiden ist, wo lokale Islamisten das Video nur als willkommenen Anlass benutzen, ihrem Hass auf die USA freien Lauf zu lassen. Am Sonntag rief der Anführer der islamistischen Hisbollah Hassan Nasrallah auch im Libanon zu Protesten gegen das Video auf. Er sieht in dem islamkritischen Schmähvideo aus den USA einen Versuch, Unfrieden zwischen Christen und Muslimen in der Nahostregion zu stiften. Die Verantwortlichen, angefangen mit den USA, müssten zur Verantwortung gezogen werden.

In Afghanistan starben in den vergangenen drei Tagen acht Soldaten der internationalen Schutztruppe Isaf bei sogenannten Insider-Angriffen. Mindestens eine der Attacken erklärten die radikalislamischen Taliban zum Vergeltungsakt wegen des den Propheten verunglimpfenden Videos - der Angriff traf das Camp, in dem auch der englische Prinz Harry seinen Dienst tut. Dort starben zwei britische Soldaten. In allen Fällen trugen die Angreifer offenbar Uniformen der afghanischen Sicherheitskräfte. Erst am Sonntagmorgen wurden vier US-Soldaten von einem Mann getötet, der gekleidet war wie ein afghanischer Polizist.

Isaf übernimmt "volle Verantwortung für diese Tragödie"

Bei einem Luftschlag, bei dem der Isaf zufolge bis zu 45 Aufständische getötet wurden, starben auch acht Zivilistinnen, weitere sieben wurden verletzt, einige davon offenbar Kinder. Die Bewohner des Dorfes, aus dem die Frauen und Mädchen stammten, brachten die Leichen in die Hauptstadt der Provinz Laghman. Sie hätten "Tod den USA" gerufen, berichtete ein Sprecher der lokalen Verwaltung. Die Isaf übernahm "die volle Verantwortung für diese Tragödie". Afghanistans Präsident Hamid Karzai verurteilte den Luftschlag und leitete eine Untersuchung ein.

Nicht nur in Afghanistan, aber besonders dort wächst das Misstrauen gegen die USA und den Westen immer weiter. Das Video "Die Unschuld der Muslime" hat die Wut der radikalen Islamisten auf den Westen weiter angestachelt. Die Regierung Afghanistans lässt in dem Land mittlerweile YouTube und auch die Website von dessen Mutterunternehmen Google blockieren. In Kabul und Herat gab es Proteste gegen das Video, in Kabul riefen Demonstranten am Sonntag angeblich stundenlang "lang lebe der Islam" und "Tod den USA".

USA rechnen offenbar mit weiteren Unruhen

Auch in der pakistanischen Hafenstadt Karatschi protestierten am Sonntag mehrere hundert Islamisten vor dem US-Konsulat gegen das Schmähvideo. Dabei kam es zu Zusammenstößen mit der Polizei, Tränengas und Wasserwerfer wurden eingesetzt. Angaben der Demonstranten, dass es dabei einen Toten und mehrere Verletzte gegeben habe, wurden zunächst nicht bestätigt.

Insgesamt flauten die Unruhen in der islamischen Welt am Wochenende jedoch allmählich ab. In Kairo, wo die Massendemonstrationen am Dienstagabend ihren Anfang genommen hatten, räumten Sicherheitskräfte den Tahrir-Platz. Viele arabische Medien verurteilten die Krawalle, die mehrere Menschen das Leben gekostet hatten.

Die USA rechnen offenbar dennoch mit weiteren Unruhen in der arabischen Welt. Bis auf eine Notbesetzung wird in Tunesien und dem Sudan alles Personal aus den dortigen Botschaften abgezogen. Auch die deutsche Botschaft in Khartum trifft Vorkehrungen, auch sie war in den vergangenen Tagen zum Ziel gewalttätiger Proteste geworden. Das Weiße Haus gehe davon aus, dass die gewaltsamen Proteste zu einer "anhaltenden Krise mit unvorhersehbaren diplomatischen und politischen Konsequenzen" führen könnten, heißt es in der "New York Times".

Sicherheitsvorkehrungen in Botschaften verstärkt

Deutschland verschärfte die Reisehinweise für den Sudan. Eine Außenamtssprecherin kündigte an, dass das Personal der deutschen Botschaft ausgedünnt und zusätzliche Sicherheitskräfte entsandt würden. Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) forderte die sudanesische Regierung auf, den Schutz diplomatischer Einrichtungen zu gewährleisten. Die Botschaft, die am Freitag gestürmt worden war, ist derzeit geschlossen.

Westerwelle wertete die Angriffe auf die Botschaften als Taten von Extremisten. "Das sind zum Teil auch Terroristen, wenn ich an die Ermordung des amerikanischen Botschafters in Libyen denke", ergänzte er. Sie seien jedoch nicht repräsentativ: "Die große Mehrheit der Menschen in der arabischen Welt hat sich auf den Weg gemacht in Richtung Demokratie, Rechtsstaat, auch Pluralität. Und wir sollten sie dabei unterstützen."

Der christlich-fundamentalistische Prediger Terry Jones darf unterdessen nicht nach Deutschland einreisen. Westerwelle selbst hatte sich für ein Einreiseverbot eingesetzt, das das Innenministerium heute verhängte. Jones gehört zu den erklärten Unterstützern des Schmähvideos. Die rechtsextreme Partei Pro Deutschland will den Film in Berlin vorführen lassen, Jones sollte offenbar dazu eingeladen werden.

Papst Benedikt XVI. ging bei seiner Libanon-Reise ebenfalls auf die jüngsten antiwestlichen Unruhen ein und mahnte zum friedlichen Miteinander. Auch der Vorsitzende des Obersten Rates der Religionsgelehrten und Großmufti von Saudi-Arabien, Abdulasis bin Abdullah al-Scheich, mahnte die Muslime, sich nicht aus Wut dazu verleiten zu lassen, unschuldige Menschen zu töten und öffentliche Einrichtungen anzugreifen. Wer seinem Zorn nachgebe, mache sich letztlich nur zum Erfüllungsgehilfen der Urheber des Mohammed-Films.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, Nasrallah habe gemahnt, keine Botschaftsgebäude anzugreifen. Diese Information der Nachrichtenagentur AP wurde ein paar Stunden später berichtigt. Vielmehr habe Nasrallah gesagt, Demonstranten sollten nicht nur ihren Ärger gegen US-Botschaften richten, sondern ihre Führer zum Handeln aufrufen.

cis/AP/dpa/dapd

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Seite 1
sabaro4711 16.09.2012
1.
Zitat von sysopAFPDie wütenden Proteste gegen ein antimuslimisches Schmähvideo setzen sich weltweit fort. Der Chef der libanesischen Hisbollah hat für Montag zu Demonstrationen aufgerufen. Auch in Pakistan und in Afghanistan kam es zu Ausschreitungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856137,00.html
Na, das nenn ich jetzt doch mal spontane Demonstrationen....oder brauchten die Brieftauben solange bis in dieEcken der Welt ?
Philosophie 16.09.2012
2. optional
Die muslimische Welt braucht Gelehrte wie Scheich Abdulasis damit diese Moslems mal begreifen dass sie ihrer so weisen Religion nur schaden wenn Sie mit Hass und dummer Gewalt reagieren.Wieso funktioniert ein Dialog der Vernunft nicht mit diesen Menschen,die in ihrem Benehmen irgendwie im Mittelalter feststecken?!
Atheist_Crusader 16.09.2012
3.
Zitat von sabaro4711Na, das nenn ich jetzt doch mal spontane Demonstrationen....oder brauchten die Brieftauben solange bis in dieEcken der Welt ?
Wenn man bedenkt wie alt das Video ist... wahrscheinlich ist Nasrallah bloß sauer, weil ihm keiner von den coolen Kids ihm von der Party erzählt hat. Deswegen macht er jetzt seine eigene...
woodstocktc 16.09.2012
4.
Zitat von sysopAFPDie wütenden Proteste gegen ein antimuslimisches Schmähvideo setzen sich weltweit fort. Der Chef der libanesischen Hisbollah hat für Montag zu Demonstrationen aufgerufen. Auch in Pakistan und in Afghanistan kam es zu Ausschreitungen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,856137,00.html
ist schon witzig das nicht einmal der ansatz einer selbstreflektion bei den üblichen protagonisten vorhanden ist.. sie verhalten sich genauso wie die witzfiguren in dem "film"
darthmax 16.09.2012
5. Der Grossmufti
hat dazu aufgerufen keine unschuldigen Menschen zu töten , Was ist mit den Schuldigen ? Egal, leider gibt es genug von seinen Berufskollegen, die genau zum Gegenteil aufgerufen haben.
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