Proteste gegen Papstbesuch "Hier ist Istanbul, nicht Konstantinopel"

Zwei Tage vor dem Papst-Besuch in der Türkei haben heute Tausende Menschen in Istanbul gegen Benedikt XVI. protestiert. Sie forderten vom Papst Respekt für den Propheten Mohammed und kritisierten die "Allianz der Kreuzfahrer".


Istanbul - Trotz Behinderungen durch Polizeiabsperrungen strömten nach einem Aufruf der islamistischen Partei SP etwa 15.000 Türken zu der Demonstration unter dem Motto "Der Papst ist nicht willkommen" im Zentrum Istanbuls. Die viertägige Papst-Reise wird nach Angaben Ankaras von schärferen Sicherheitsvorkehrungen begleitet als der Besuch von US-Präsident George W. Bush vor zwei Jahren. Als Zeichen seiner Dialogbereitschaft mit dem Islam wird Benedikt XVI. auf seiner ersten Reise in ein islamisches Land auch die Blaue Moschee besuchen.

Schätzungen zufolge war mit 300.000 Demonstrationsteilnehmern gerechnet worden. Die veranstaltende SP, die ihren ursprünglichen öffentlichen Aufruf gegen den "verschlagenen und unwissenden Papst" auf Geheiß der Behörden kurzfristig umdeklarieren musste, war sogar von einer Million Demonstranten ausgegangen. Die etwa 2000 bereitgestellten Busse, die die Teilnehmer an den Versammlungsort im europäischen Stadtteil Caglayan bringen sollte, kamen zum Teil wegen des hohen Polizeiaufgebots erst verspätet ans Ziel. Die Proteste richteten sich nicht nur gegen das Oberhaupt der katholischen Kirche und dessen Islam-Kritik in der Regensburger Rede vom September, sondern auch gegen die USA und Israel. Auf Plakaten forderten die Demonstranten vom Papst Respekt für den Propheten Mohammed. Auch "Papst, go home" stand zu lesen oder "Nein zur Allianz der Kreuzfahrer".

Kurz vor dem Besuch ergänzte der Vatikan das Programm: Offenbar als Zeichen seines Dialogwillens mit dem Islam wird Benedikt XVI. am Donnerstag auch die Blaue Moschee besuchen. Diese berühmteste Istanbuler Moschee liegt unweit der einstigen byzantinischen Kathedrale Hagia Sophia, die der Papst kurz davor aufsucht.

Reise gilt als Affront

Zahlreiche türkische Islamisten und Nationalisten hatten den Besuch des Papstes in dem einst bedeutendsten christlichen Gotteshaus der Ostkirche, das nach der osmanischen Eroberung 1453 in eine Moschee umgewandelt wurde und heute als Museum genutzt wird, als Affront verstanden. Auch das Treffen des Papstes mit dem griechisch-orthodoxen Patriarchen Bartholomäus I. und Vertretern der kleinen katholischen Minderheit in der Türkei wurde als Allianz gegen den Islam interpretiert. Die SP-nahe Zeitung "Milli Gazete" titelte am Sonntag: "Hier ist Istanbul, nicht Konstantinopel."

Um Annäherung bemüht, nutzte Benedikt XVI. am Sonntag die Gelegenheit des Angelus-Gebets in Rom, um eine freundschafliche Botschaft an die Türkei zu richten. Er versicherte den Türken seine "aufrichtige Freundschaft" und sende "herzliche Grüße" an das türkische Volk, sagte der Papst und pries den Reichtum der türkischen Geschichte und Kultur.

Sicherheitsvorkehrungen erhöht

Zum Schutz des Papstes werden die türkischen Sicherheitsbehörden nach Angaben von Außenminister Abdullah Gül noch schärfere Vorkehrungen treffen als zum Bush-Besuch anlässlich des NATO-Gipfels im Juni 2004. "Wir werden ausnahmslos sämtliche Sicherheitskräfte einsetzen, um seine Heiligkeit zu schützen", sagte Gül der italienischen Zeitung "Corriere della Sera" (Sonntagausgabe). Es werde keine Zwischenfälle geben, versprach er. Die Türkei habe nicht vergessen, dass der Attentäter von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1981 türkischer Staatsbürger war. Allein in Istanbul, wo Benedikt XVI. am Donnerstag erwartet wird, werden 12.000 Polizisten abgestellt, unter anderem sollen Scharfschützen auf den Dächern postiert werden.

Das Besuchsprogramm beginnt am Dienstag in Ankara, wo Benedikt XVI. von Staatspräsident Ahmet Necdet Sezer empfangen wird. Von dort reist der Papst weiter nach Ephesus, dem vermutlichen Sterbeort der Gottesmutter Maria. Auch sein Vorgänger Johannes Paul II. kam bei seinem Türkeibesuch 1979 dorthin. Ob Benedikt auch von Ministerpräsident Tayyip Recep Erdogan empfangen wird, blieb zunächst ungewiss.

hda/AFP



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