Proteste gegen Sozialreformen Spaniens Jugend probt die Revolution

Es ist der "Tag der Besinnung", der Tag vor der Wahl - und Demonstrationen sind nicht erlaubt. Doch Zigtausende spanische Jugendliche widersetzen sich dem Verbot.

AFP

Hamburg - Auch am Samstag, am siebten Tag in Folge, versammeln sich in Madrid auf dem zentralen Platz Puerta del Sol Augenzeugen zufolge mindestens 20.000 Menschen. Viele hatten dort übernachtet. Die meisten von ihnen sind Teenager oder Anfang 20, die gegen den harten Sparkurs der Regierung und die hohe Arbeitslosigkeit protestieren.

Die Demonstranten rufen dazu auf, bei den Kommunal- und Regionalwahlen am Sonntag nicht für die regierende Sozialistische Partei und auch nicht für die oppositionelle konservative Partido Popular zu stimmen. Die Sozialisten müssen sich Meinungsforschern zufolge auf deutliche Verluste einstellen.

Die Demonstranten trotzen einem Verbot, das um Mitternacht in Kraft trat: Die Wahlkommission hatte Donnerstagnacht verfügt, dass am Tag vor den Wahlen und am Wahltag selbst in ganz Spanien keine Kundgebungen stattfinden dürften. Sie bezog sich dabei auf ein Gesetz, wonach Wahlveranstaltungen in Spanien am Tag vor der Wahl - dem sogenannten Tag der Besinnung - verboten sind. Die Anwendung der Regel in diesem Fall war jedoch umstritten, das 13-köpfige Gremium entschied schließlich mit einer Stimme Mehrheit, die Demonstrationen zu verbieten.

Noch respektiert Zapatero die Proteste

Es wird allerdings nicht erwartet, dass die Polizei die Versammlungen auflöst. Ministerpräsident José Luís Rodríguez Zapatero hatte zwar anfangs ein hartes Durchgreifen angekündigt, erklärte dann aber: "Die Polizei wird nicht ein Problem lösen, indem sie ein anderes schafft." Er wolle den Ereignissen nicht vorgreifen, sagte er dem Rundfunksender Cadena Ser. Man werde sehen, was passiere. Die Regierung und das Innenministerium würden sich jedoch korrekt verhalten, mit Umsicht agieren und friedliche Proteste respektieren.

Das hochverschuldete Spanien muss bislang zwar keine Hilfen von Europäischer Union ( EU) und IWF in Anspruch nehmen. Der Preis dafür ist aber ein harter Sparkurs. Die wirtschaftliche Erholung verläuft schleppend, die Arbeitslosigkeit ist mit einer Quote von 21,3 Prozent so hoch wie in keinem anderen EU-Land. Unter den 18- bis 25-Jährigen liegt sie sogar bei 45 Prozent. Viele davon müssen noch bei ihren Eltern leben, weil sie keinen Job finden.

Der Frust ist hoch: Viele junge Leute warten täglich in Schlangen vor den Arbeitsämtern. Wer Arbeit findet, muss sich oft mit "Müllverträgen" zufriedengeben - hier ein Job für zwei Monate, dann wieder für drei Wochen. Ein Studienabschluss ändert daran nichts. Der Internationale Währungsfonds ( IWF) nennt sie die "verlorene Generation".

Die konservative Wiener Zeitung "Die Presse" schreibt am Samstag: "Es geht um eine Jugend, die, ohne selbst Aussicht auf gute Beschäftigungsverträge, ausreichend große Wohnungen oder eine abgesicherte Pension zu haben, für die Kredite ihrer Vorgängergeneration geradestehen muss. Wer unter ihnen nicht erbt oder in die dünne Schicht des Managements aufsteigt, wird von allen künftigen Krisen und Verwerfungen hauptbetroffen sein. Ihr Ärger ist schlicht verständlich und wird sich mit großer Wahrscheinlichkeit in ganz Europa ausbreiten."

jjc/Reuters/dpa

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insgesamt 170 Beiträge
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Seite 1
ratxi 21.05.2011
1. Titeleingeständnis
Zitat von sysopEs ist der "Tag der Besinnung", der Tag vor der Wahl - und Demonstrationen sind nicht erlaubt. Doch Zigtausende spanische Jugendliche widersetzen sich dem Verbot. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,764016,00.html
Sie widersetzen sich und es ist gut so. Die jungen Spanier werden gern unterschätzt; selbst von den alten Spaniern. Was bleibt ihnen auch? Alles andere wäre ein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit...
ratxi 21.05.2011
2.
Zitat von sysopEs ist der "Tag der Besinnung", der Tag vor der Wahl - und Demonstrationen sind nicht erlaubt. Doch Zigtausende spanische Jugendliche widersetzen sich dem Verbot. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,764016,00.html
Sie widersetzen sich und es ist gut so. Die jungen Spanier werden gern unterschätzt; selbst von den alten Spaniern. Was bleibt ihnen auch? Alles andere wäre ein Eingeständnis der eigenen Unfähigkeit...
toledo, 21.05.2011
3. .....
Es ist wohltuend zu sehen, dass sich auch die Spanier nicht in ihren demokratischen Rechten beschneiden lassen und friedlich demonstrieren wann sie wollen und wo sie wollen! Nur so kann es sein! Das 'Gesetz', welches unter scheinheiligen Vorwänden, diese Demomnstrationne verbieten will ist Müll und gehört in den Orkus geblasen!
commonman 21.05.2011
4. livestream aus madrid
http://www.ustream.tv/channel/motionlook es wird zeit, dass der funke überspringt. EMPÖRT EUCH! OBEN BLEIBEN!
leberknecht 21.05.2011
5. Demokratie bei uns und in arabischen Ländern!
Zitat von sysopEs ist der "Tag der Besinnung", der Tag vor der Wahl - und Demonstrationen sind nicht erlaubt. Doch Zigtausende spanische Jugendliche widersetzen sich dem Verbot. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,764016,00.html
Ich denke in Europa gibt es Demokratie? Ansonsten das alte und neue Motto: "Zivilisten schützen-NATO übernehmen!"
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