Proteste gegen Waffengewalt in den USA Gesucht: Die Anti-Waffenlobby

Die neue Anti-Waffen-Bewegung in den USA hat mit der NRA eine der mächtigsten Lobbyorganisationen überhaupt zum Gegner. Um diese zu schlagen, braucht es mehr als Märsche und Wahlen.

Ein Kommentar von , Washington


Emma Gonzales, Cameron Kasky, Alex Wind, Jaclyn Corin. Was diese vier und die vielen anderen Schülerinnen und Schüler in den vergangenen fünfeinhalb Wochen in den USA geschafft haben, ist beeindruckend.

Fünfeinhalb Wochen haben ihnen gereicht, um den größten Protest gegen Waffengewalt in den USA zu organisieren, um Einkaufsketten wie Walmart dazu zu bewegen, keine Waffen mehr an unter-21-Jährige zu verkaufen, um im konservativen Florida die Waffengesetze zu verschärfen.

Fünfeinhalb Wochen, so lange ist es her, dass ein 19-Jähriger Ex-Mitschüler an ihrer High School in Parkland 17 Menschen erschoss. Viele derjenigen, die nun kämpfen, durften noch nie wählen und haben keine politischen Ämter. Und trotzdem haben sie so viel erreicht. Kaum auszudenken, was alles hätte erreicht werden können, wenn Menschen mit institutioneller Macht sich in den fast fünfeinhalb Jahren seit dem Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule ähnlich engagiert hätten.

Doch auch der größte Protest seit Jahrzehnten allein wird nicht reichen, um das Waffenrecht grundlegend zu reformieren. Wäre dafür die Stimmung in der Bevölkerung ausschlaggebend, hätte die Mehrheit der Politiker sich wohl längst für verpflichtende Backgroundchecks beim Waffenkauf oder strengere Regeln eingesetzt - immerhin befürwortet das längst die große Mehrheit der US-Amerikaner.

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Die Gesichter des Waffenprotests: "Ich gebe nicht auf, bis sich etwas tut"

Die Jugendlichen haben sich einen der mächtigsten Gegner gesucht, den es im politischen USA gibt: Die Waffenlobby NRA. An deren Image haben die Schülerinnen und Schüler zwar in den vergangenen Wochen gekratzt. Doch die Geschichte zeigt, dass die NRA einen langen Atem hat. Schweigen, abwarten und dann diskreditieren - so reagiert die NRA auf Amokläufe, und diese Taktik ist noch immer aufgegangen. Während die Angehörigen der Opfer trauern und die Nation ihnen Gedanken und Gebete zusichert, hält sich die NRA zurück. Danach macht sie weiter, wie zuvor.

Ähnlich ausdauernd agiert sie, wenn es um ihre politischen Vorhaben geht: Schafft es ein NRA-Vorschlag nicht in dieser Legislaturperiode zum Gesetz, holen sie ihn halt in der kommenden wieder aus der Schublade hervor - so lange, bis es genug Politiker gibt, die sie mit ihrem Geld und ihrer Macht auf ihre Seite gezogen haben.

Denn obwohl die NRA mit fünf Millionen Mitgliedern eine verhältnismäßig kleine Interessensvertretung ist, ist ihr Einfluss auf die Mächtigen massiv. Sie hat das Geld, Abgeordnete mit Millionen im Wahlkampf zu unterstützen, sie setzt Kritiker mit Hetzkampagnen unter Druck, sie verteufelt öffentlichkeitswirksam jeden noch so kleinen Versuch einer Verschärfung des Waffenrechts als Angriff auf die Freiheit des Einzelnen.

Um diese Macht der NRA dauerhaft einzudämmen, bedarf es dreierlei: Aufklärung, Politisierung und Organisation. Es ist gut, wenn sich durch die Bewegung mehr junge Menschen über das Thema Gedanken machen und sich als Wähler registrieren. Vor vier Jahren gaben nach Angaben des Magazins "Time" in der Gruppe der 18- bis 20-Jährigen nur 14 Prozent der Berechtigten ihre Stimme ab, bei der Präsidentschaftswahl 2016 waren es 39 Prozent. Noch mehr kann die Bewegung aber nur schaffen, wenn sie sich stärker organisiert und eine eigene Lobby schafft.

"Diese Kinder" - wie die Aktivisten von Parkland gern abschätzig genannt werden - brauchen keine "Erwachsenen", die ihnen sagen, was sie machen müssen. Das haben sie am Samstag einmal mehr eindrucksvoll bewiesen - immer wieder blickten sie in die Zukunft, sprachen von "educate, organize, vote". Aber mit der Unterstützung von politischen Strategen, von Marketingfachleuten und reichen Geldgebern könnten sie eine mächtige Antiwaffenlobby aufbauen - und die NRA schlagen. Der Protest kann der Ausgangspunkt dafür sein.

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