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Proteste im Libanon: "Es reicht!"

Aus Beirut berichtet

Proteste in Beirut: Politiker, ihr stinkt! Fotos
REUTERS

Zehntausende demonstrieren in Beirut gegen die Regierung. Seit Jahren werden immer wieder die Wahlen verschoben. Nun reicht es den Libanesen - mit den Müllbergen, der Korruption und der Missachtung der Demokratie.

Auf dem Märtyrerplatz im Zentrum Beiruts wehen überall libanesische Flaggen, Zedern auf rot-weißem Hintergrund. Bis zu 50.000 Teilnehmer haben die Organisatoren der Kundgebung erwartet, schon am frühen Abend sind Tausende da. Keine Parteiflaggen sind zu sehen wie sonst auf libanesischen Protesten. Die Organisatoren hatten dies im Vorfeld verboten. Sie wollen verhindern, dass Parteichefs die spontanen Proteste für sich instrumentalisieren.

"Talaat Richatkun", "Ihr stinkt", ist der Slogan des Aufstands. (Mehr über die Hintergründe lesen Sie hier.) Auslöser der Demonstration sind die Müllberge, die sich in den Straßen Beiruts auftürmen. Die Halde der Stadt läuft über. Doch die Regierung kann sich nicht auf eine neue einigen. Also stellte die Müllabfuhr im Juli ihre Arbeit ein.

Die stinkenden Berge in den Straßen brachten viele Libanesen endgültig auf. "Wir sind unseren Politikern völlig egal", schimpft die 19-jährige Rayan Kash aus Beirut. "Sollen wir im Müll leben? In dem Gestank? Es reicht. Wir brauchen endlich Wahlen. Wir brauchen eine neue Regierung."

Eigentlich hätte bereits 2013 Parlamentswahlen stattfinden sollen. Doch das Parlament verlängerte zweimal seine eigene Laufzeit - ein Verstoß gegen demokratische Prinzipien. Nun heißt es, 2017 soll wieder gewählt werden. So lange will auf dem Märtyrerplatz keiner warten. Jeder fordert Neuwahlen - so bald wie möglich.

Es sind vor allem junge Gesichter auf dem Märtyrerplatz zu sehen (hier geht es zur Fotostrecke). "Es reicht mit den ewig gleichen, alten Leuten", sagt die 19-jährige Farah Shreim. "Wir brauchen auch Jüngere in der Regierung, die uns verstehen, und Politiker, die nicht immer nur an ihren eigenen Geldbeutel denken."

Der 17-jährige Ali Bannout ist extra aus dem Südlibanon für die Demonstration angereist. "Wir Libanesen müssen heute zusammenhalten, damit unsere Regierung zurücktritt."

Christen, Sunniten, Schiiten - an diesem Abend sind alle Libanesen. Fast alle haben seit der Zedernrevolution 2005 nicht mehr demonstriert. Damals verwandelten die Libanesen empört nach der Ermordung von Premierminister Rafik Hariri denselben Platz in ein Meer aus libanesischen Flaggen. Die syrische Armee musste sich nach 20 Jahren aus dem Libanon zurückziehen. Ansonsten veränderte sich nicht viel; die Geschlossenheit der Libanesen war nur von kurzer Dauer. Ob der Elan dieses Mal länger reicht, bleibt abzuwarten.

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1.
1besserwisser1 29.08.2015
Hoffentlich verliert der Libanon nicht die Stabilitä wie seine Nachbarn. Ein noch kaputterer Libanon wäre der Untergang des Nahen Ostens.
2. Mogelpackung Demokratie
nofreemen 30.08.2015
Die gelebte Demokratie drückt immer aus was die Mehrheit will. Freiheit und rechtsstaatlichkeit gehört dazu. Was viele Menschen nicht wissen, ist das Demokratie immer aus zwei Seiten zusammen gesetzt ist. Die "Wunsch-Seite" und die "Umsetzungs-Seite". Wünsche platzieren tut das gesamte Volk. Umsetzen müssen es aber ein paar wenige Nasen (Regierungen, Verwaltungen, Parteien, bestehende gesetzliche Regelungen, örtliche Machthaber u.a.). Wenn dieses demokratisch-ökologisches Zusammenspiel gestört ist, dann kann ein Wunsch schon mal ein Wunsch bleiben (siehe Italien). Auch ein Regierungswechsel wird daran nichts mehr ändern. Wenn es so weit ist wie jetzt im Libanon, dann kann man davon susgehen, dass die Mafia das sagen hat und nicht mehr die Regierung. Und ich befürchte das wird auch so bleiben, egal wer an die Macht kommt. Die Menschen dürfen ruhig weiter wünschen, man ist ja schliesslich eine Demokratie, aber wie es läuft und wo es lang geht, das sagen andere; ein paar gewählte wenige. Auch das ist Demokratie und rechtsstaatlichkeit. Ein perfektes System für viele Wünscher und für ein paar wenige Macher.
3. Tja Strom kommt halt aus der Steckdose.
Tr1ple 30.08.2015
Das ist das denken der meisten Menschen auf der Welt und genau das gleiche gilt es für Müll. Was ich nicht sehe gibt es nicht. Es wäre viel Schlauer von der Regierung eine Müllverbrennung aus Deutschland einzukaufen die auch noch Strom und fliessend Wasser liefert. Besser Deutschland könnte das unter "Entwicklungshilfe" exportieren. Das käme Siemens zu Gute und den Menschen vor Ort.
4. Der einzige
harleyfahn 30.08.2015
besteht darin, dass die nach Religionen aufgeteilten, korrupten und völlig inkompetenten Politikerkasten zahlenmäßig in etwa gleich stark sind. Gäbe es hier deutliche Verschiebungen, würde das gleiche viehische Gemetzel wie in den Nachbarstaaten einsetzen. Ein gewisses Maß an echter Stabilität kann in dieser Weltregion nur Israel aufweisen.
5. Wer will schon mit oder im Müll leben
Inselbewohner, 30.08.2015
Mit Müll meine ich im übertragenen Sinne was auch unfähige Politiker einschließt. Der Libanon war in den letzten Jahren erstaunlich stabil trotz der Probleme im Land aber auch der Nachbarländer. Kann es sein, dass die Menschen dort einfach keinen Bock mehr auf Krieg haben? Wer erinnert sich nicht an die TVBerichte über Beirut und der Bomben die dort fielen. Ich hoffe die Libanesen bekommen ihre Probleme friedlich in den Griff. Schönen Sonntag HP
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Fläche: 10.452 km²

Bevölkerung: 5,988 Mio.

Hauptstadt: Beirut

Staatsoberhaupt:
Michel Suleiman (Amtszeit abgelaufen); Tammam Salam (amtierend)

Regierungschef: Tammam Salam

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