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Proteste in Afghanistan: Bundeswehr schoss gezielt auf Angreifer

Von und John Goetz

Die Bundeswehr korrigiert die Berichte über die gewaltsamen Proteste im Norden Afghanistans: Zuerst war nur von Warnschüssen die Rede. Jetzt erklärt die Truppe, dass auch gezielt auf angreifende Demonstranten gefeuert wurde. Offenbar gab es dabei Tote.

Afghanistan: Tödliche Schüsse in Talokan Fotos
REUTERS

Berlin - Die Bundeswehr veröffentlicht neue und brisante Details zu den gewaltsamen Protesten in Nordafghanistan: In einer Mitteilung auf der Bundeswehr-Website wird nun doch von mehreren gezielten Schüssen durch die Truppe auf Demonstranten berichtet. In mindestens einem Fall sei eine tödliche Verletzung durch Schüsse von deutschen Soldaten nicht auszuschließen. Das jedenfalls legt die Mitteilung nahe.

Bei den Ausschreitungen in der Stadt Talokan kamen am Mittwoch mindestens zwölf Menschen ums Leben. Die Demonstration fand teilweise direkt vor einem kleinen Außenposten der deutschen Streitkräfte statt. Bislang hatte die Bundeswehr mitgeteilt, deutsche Soldaten hätten zum Schutz ihres Camps vor Angriffen aus dem Demonstrationszug nur Warnschüsse abgegeben.

Die deutschen Soldaten waren am Mittwochmorgen in eine äußerst bedrohliche Lage geraten: Nach einer Trauerfeier für vier bei einem nächtlichen Anti-Terror-Einsatz von US-Soldaten getötete Afghanen, darunter zwei Frauen, war eine wütende Menge zu dem kleinen Camp der Deutschen in der Stadt Talokan in der Provinz Tachar gezogen. Plötzlich flogen aus der Menge Brandbomben und auch Handgranaten in Richtung des Lagers. Sowohl die afghanischen Soldaten, die den Außenring des sogenannten "Provincial Advisory Teams" (PAT) schützen, in dem rund 40 deutsche Soldaten stationiert sind, als auch die Deutschen feuerten nach den heftigen Attacken Schüsse ab, um die Menge auseinanderzutreiben.

Bisher hatte die Bundeswehr erklärt, dass deutsche Soldaten nicht für den Tod von mindestens vier Demonstranten vor den Toren des Camps verantwortlich seien. Noch am Mittwochabend hieß es auf der Website der Truppe, es lägen "keine Erkenntnisse" vor, dass "Angreifer durch Schüsse deutscher Soldaten getötet worden sind". Verteidigungsminister Thomas de Maizière hatte bislang lediglich gesagt, er wolle erst die Ermittlungen abwarten, bis er sich zu den Vorgängen konkret äußere. Das wiederholte der CDU-Politiker in mehreren Interviews.

Befragungen vor Ort haben nun entscheidende neue Details über den Ablauf ergeben: Die Soldaten seien nach den heftigen Attacken aus der Menschenmenge in einer "Selbstverteidigungslage" gewesen. Zunächst seien "Warnungen, auch durch Handzeichen" und "Warnschüsse steil in die Luft" abgegeben worden. Später fielen allerdings auch "gezielte Schüsse auf weiterhin gewalttätige Demonstranten im Schwerpunkt auf den Beinbereich", so die Formulierung der Bundeswehr. "In drei, gegebenenfalls vier Fällen" seien "Schüsse auf gewalttätige Angreifer" abgegeben worden, dabei sei auf den "Rumpfbereich, beziehungsweise Arme und Hände" gezielt worden, ein Angreifer wurde offenbar "im Hals-Kopf-Bereich" getroffen.

Obduktionen sind nicht mehr möglich

Die jetzt veröffentlichte Erklärung legt nahe, dass deutsche Soldaten Angreifer möglicherweise auch tödlich verletzten. Schussverletzungen am Kopf, Hals oder auch an der Brust aus den modernen Feuerwaffen der Truppe gelten unter Experten als fast immer tödlich. Laut den Ärzten in der Stadt kamen bei den Protesten, die den ganzen Tag lang auch im Zentrum der Stadt stattfanden, mindestens zwölf Menschen ums Leben, mehr als 80 wurden verletzt.

Eine genaue Untersuchung, wer von den Deutschen getötet wurde, wird vermutlich nicht mehr möglich sein: Nach den Regeln des Koran werden die Leichen von Muslimen innerhalb von 24 Stunden nach deren Tod beerdigt, eine Obduktion oder andere Untersuchungen sind also nicht mehr möglich.

Die neuen Details könnten für die in dem Außenposten eingesetzten Soldaten erhebliche Konsequenzen nach sich ziehen. Sie müssen wie immer in solchen Fällen mit einem Ermittlungsverfahren rechnen. Die Bundeswehr jedenfalls hat in der Angelegenheit bereits routinemäßig die dafür zuständigen Generalbundesanwaltschaft informiert, diese wird den Fall möglicherweise juristisch untersuchen.

Isaf ermittelt

Auch die internationale Schutztruppe Isaf, die sich sehr strenge Regeln im Waffengebrauch, vor allem zur Verhinderung von zivilen Opfern bei Militäroperationen, auferlegt hat, untersucht mittlerweile mit einem Team die Vorfälle in Talokan. Die Recherchen wurden vom deutschen Regionalkommandeur für Nordafghanistan angeregt.

Zusätzlich ist seit gestern eine hochrangige Gruppe von afghanischen Fahndern in Nordafghanistan eingetroffen, die ebenfalls die Details der Eskalation untersuchen wollen. Präsident Hamid Karzai hatte sich persönlich in den Fall eingeschaltet, zunächst aber nur die Operation von US-Truppen, welche die Proteste auslösten, kritisiert. Laut den Militärs wurden bei dem nächtlichen Zugriff gefährliche Aufständische getötet, die Afghanen hingegen sprechen von getöteten Zivilisten.

Allein die hochrangigen Besucher in Talokan zeigen, wie ernst der Fall genommen wird. Der für die Nordregion Afghanistans zuständige Polizeichef, der im ganzen Land bekannte General Daud, reiste eigens an, um bei Gesprächen mit wichtigen Persönlichkeiten aus der Region für eine Beruhigung der Lage zu sorgen. Der General des 209. Korps der afghanischen Armee, General Wesa, bemüht sich um ein neues Konzept, welches das Lager der Deutschen besser schützen soll.

Bisher bleibt offen, ob die diversen Ermittlerteams auch den Grund für die gewaltsamen Proteste untersuchen. Während die Afghanen annehmen, dass die Einheiten der US-Armee nahe Talokan bei ihrer Suche nach einem Kommandeur der "Islamischen Bewegung Usbekistans" vier Zivilisten getötet haben, geht die Armee davon aus, dass es sich bei den zwei Männern und zwei Frauen um Kämpfer der Aufständischen handelte. Demnach hätten die vier Getöteten die Einheiten - vermutlich handelte es sich um Spezialkräfte der US-Armee und von ihnen trainierte afghanische Soldaten - mit Waffen bedroht und seien deshalb erschossen worden.

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insgesamt 329 Beiträge
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1. Das x-te Argument,
Koana 20.05.2011
endlich diese unseelige Kampagne abzubrechen.
2. es ist schwierig von hier aus zu urteilen
RAmonbudi 20.05.2011
soweit eine konkrete Bedrohung vorliegt kann als Notwehrmaßnahme selbst in D gezielt geschossen werden. Romantische Vorstellungen helfen weder hier noch dort weiter. Leute, die weder in der Bundeswehr waren und/oder in Auslandseinsätzen sollten gerade dazu sehr vorsichtig argumentieren.
3. Einem Soldaten
Bernd_1961 20.05.2011
sollte man zugestehen, sich selbst verteidigen zu dürfen ohne sich hinterher rechtfertigen zu müssen.. Auch einem deutschen Soldaten. Und erst recht in einem Kriegsgebiet!
4. Da schiesst man jetzt auch auf Demonstranten ?
zompel 20.05.2011
Wieder ein Fall für die Nato .. äh, Ach ja ist ja nicht Libyen, hatte ich übersehen
5. Sie müssen wie immer in solchen Fällen mit einem Ermittlungsverfahren rechnen.
kornfehlt 20.05.2011
Wer in dieser deutschen Armee dient, ist selbst schuld.
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Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
REUTERS
Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.


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