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Proteste in Afghanistan: Bundeswehrsoldaten gaben Warnschüsse ab

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Es war eine der bislang heikelsten Situationen für die Bundeswehr in Afghanistan: Bei der Attacke auf das deutsche Camp starben am Mittwoch mehrere Demonstranten - doch nicht durch Schüsse der Deutschen, so die Truppe. Die Soldaten hätten nur Warnschüsse auf die Beine abgegeben.

Bundeswehrsoldaten im Talokan-Camp: "Nur Warnschüsse abgefeuert" Zur Großansicht
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Bundeswehrsoldaten im Talokan-Camp: "Nur Warnschüsse abgefeuert"

Berlin - Einen Tag nach den gewalttätigen Protesten vor einem Bundeswehrlager in Nordafghanistan hat die Truppe mitgeteilt, dass deutsche Soldaten nicht für den Tod von bis zu zwölf Demonstranten verantwortlich seien. Auf der Homepage der Bundeswehr veröffentlichte die Armee am Donnerstagabend eine Mitteilung, dass nach ersten Ermittlungen "keine Erkenntnisse" vorlägen, dass "Angreifer durch Schüsse deutscher Soldaten getötet worden sind".

Die Bundeswehr war am Mittwochmorgen im Zug der Demonstrationen in eine der heikelsten Situation des gesamten Einsatzes am Hindukusch gekommen. Nach einer Trauerfeier für vier bei einem nächtlichen Anti-Terror-Einsatz von US-Soldaten getöteten Afghanen, darunter zwei Frauen, war eine wütende Menge zu dem kleinen Camp der Deutschen in der Stadt Talokan in Nordafghanistan gezogen. Plötzlich flogen aus der Menge Brandbomben und auch Handgranaten in Richtung des Camps.

Sowohl die afghanischen Soldaten, die den äußeren Ring des sogenannten "Provincial Advisory Teams" (PAT) schützen, in dem rund 40 deutsche Soldaten stationiert sind, als auch die Deutschen feuerten nach den heftigen Attacken Warnschüsse ab. Durch die Brandbomben und Splitter der Handgranaten wurden drei deutsche Soldaten und mehrere Afghanen teilweise schwer verletzt.

Dennoch ist sich die Verantwortlichen sicher, dass durch deutsche Kugeln keine Menschen ums Leben gekommen sein sollen. Zwar wurden nach Erkenntnissen der Bundeswehr vier Menschen vor den Mauern des Camps getötet, allerdings nicht durch Schüsse der Deutschen. Vielmehr, so die Mitteilung, hätten die Soldaten Warnschüsse auf die Beine von mehreren Angreifern abgegeben. Dabei seien sieben bis zehn der Demonstranten verletzt worden.

Neue Ausschreitungen gegen die Isaf am Donnerstag

Insgesamt waren bei den gewalttätigen Protesten bis zu zwölf Menschen getötet und rund 80 verletzt worden. Die Ausschreitungen, bei denen antiamerikanische aber auch Parolen gegen die Regierung des afghanischen Präsidenten Hamid Karzai skandiert wurden, zeigen den Hass der Afghanen auf die nächtlichen Einsätze der Anti-Terror-Einheiten der US-Armee. Bei diesen kommen immer wieder auch unschuldige Zivilisten ums Leben.

Dieser Hass entlud sich auch einen Tag nach der Gewalteskalation. Am Donnerstag kam es in der nordafghanischen Provinzhauptstadt zu neuen Protesten gegen die internationale Schutztruppe Isaf. Rund 200 Demonstranten zogen vor eine Polizeistation, einige warfen Steine und legten Feuer, wie der örtliche Polizeichef am Donnerstag sagte. Mindestens drei Menschen wurden verletzt, als Polizisten in die Luft schossen, um die Demonstration aufzulösen.

Das Camp der Bundeswehr war nach Angaben des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr von den neuen Unruhen nicht betroffen. Eine weitere Eskalation könne jedoch nicht ausgeschlossen werden, hieß es bei der Bundeswehr. Die afghanische Regierung entsandte unterdessen ein mehrköpfiges Team von Ermittlern nach Nordafghanistan, diese sollen den Vorfall untersuchen. Präsident Karzai hatte die nächtliche Operation der US-Armee am Mittwoch scharf verurteilt. Die Gewalt bei den Protesten geißelte er allerdings ebenso.

Während die Afghanen annehmen, dass die Einheiten der US-Armee bei ihrer Suche nach einem Kommandeur der "Islamischen Bewegung Usbekistans" vier Zivilisten getötet haben, geht die Armee davon aus, dass es sich um Kämpfer der Aufständischen handelte. Demnach hätten die vier Getöteten die Einheiten - vermutlich handelte es sich um Spezialkräfte der US-Armee und afghanische Soldaten - mit Waffen bedroht und seien deshalb erschossen worden.

Wie die Gewalt am Mittwoch eskalierte, ist bis heute nicht abschließend geklärt. Der Trauerzug für vier von US-Einheiten getöteten Afghanen sei offenbar von Taliban unterwandert worden, berichtete der Gouverneur des Provinz. Sie hätten sich der zunächst friedlichen Demonstration angeschlossen und dann die tödliche Eskalation provoziert, sagte Abdul Jabar Taqwa SPIEGEL ONLINE. "Wir haben außerdem Berichte, dass sich Taliban auf Motorrädern dem Protestzug genähert haben und in die Menge gefeuert haben sollen", sagte Taqwa, "so wollten sie die Menge zu einem Angriff auf das Camp anstacheln".

Auch hätten die Aufständischen einige ihrer Kämpfer mit Waffen und Handgranaten unter die Trauernden eingeschleust, die später das Camp attackierten. Anschließend sei es zu der Schießerei vor dem Lager gekommen. Die Aufständischen selber versuchten am Donnerstag, den Vorfall für ihre Propaganda zu nutzen. Der gleiche Sprecher, der sonst gern über Tote bei Anschlägen der Taliban triumphiert, sprach plötzlich von einem "Verbrechen gegen die Menschlichkeit", das die Deutschen begangen hätten. Über die eigene Rolle bei der Gewalt-Orgie sagte der Sprecher freilich nichts.

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1. Komisch
makutsov 19.05.2011
Man hört ja gar nichts über aufgebrachte Afghanen, die vor Häusern von Talibankadern gegen den Tod unschuldiger Zivilisten bei Selbstmordanschlägen demonstrieren. Sehr eigenartig...
2. Kein Beinschuss
Liberalitärer, 19.05.2011
Zitat von sysopEs war eine der bislang heikelsten Situationen für die Bundeswehr in Afghanistan: Bei der Attacke auf das deutsche Camp starben am Mittwoch mehrere Demonstranten -*doch nicht durch Schüsse der Deutschen, so die*Truppe. Die Soldaten hätten nur Warnschüsse auf die Beine abgegeben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,763716,00.html
Wahrscheinlich korrekt. Warnschüsse auf die Beine gibt es nicht. Aber auch keinen Befehl in eine Demo zu ballern. Vor die Füße oder über die Köpfe wäre möglich. Das einheimische Personal wurde der Lage nicht Herr - Mitleid mit allen Opfern gleich weder Nation.
3. Selbstverteidigung und Notwehr
law1964 19.05.2011
Es müssen erst Beweise gefunden werden, ob die Afghanen (Terroristen oder/und Zivilisten) durch die Bundeswehrsoldaten getötet wurden, man muss also die Leichen obduzieren und die gefunden Munition mit denen der Bundeswehrwaffen vergleichen, bzw feststellen aus welchem Gewehr welcher Schuss abgefeuert wurde. Aus der Menschenmenge heraus wurden die Soldaten mit Sprengstoff angegriffen (Handgranaten) es bestand also eine Gefahr gegen Leib und Leben, daher war Notwehr gerechtfertigt.
4. ...
slowman01 19.05.2011
Zitat von sysopEs war eine der bislang heikelsten Situationen für die Bundeswehr in Afghanistan: Bei der Attacke auf das deutsche Camp starben am Mittwoch mehrere Demonstranten -*doch nicht durch Schüsse der Deutschen, so die*Truppe. Die Soldaten hätten nur Warnschüsse auf die Beine abgegeben. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,763716,00.html
Ich wußte gar nicht, daß es für Warnschüsse ein so fein abgestuftes Konzept gibt. Warnschuss in die Luft, Warnschuss in die Beine... folgt danach erst der Warnschuss in die Leber oder wirds gleich ernst?
5. Schutztruppe!
h.yurén 19.05.2011
wen schützen die mitglieder der sogenannten schutztruppe eigentlich? offensichtlich nicht die bevölkerung vor den bösen taliban. eher doch wohl die interessen des westens in dem land. das rechtfertigt dann auch die wiederbelebung des namens der kaiserlichen schutztruppe (von vor 100 jahren).
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Fotostrecke
Afghanistan: Tödlicher Zwischenfall in Talokan


Fläche: 652.864 km²

Bevölkerung: 26,023 Mio.

Hauptstadt: Kabul

Staatsoberhaupt:
Ashraf Ghani Ahmadsai

Regierungschef: Abdullah Abdullah

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Karzai und Afghanistan
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Hamid Karzai
AFP
Hamid Karzai ist der derzeit amtierende Präsident Afghanistans. Nach der ersten Phase des Afghanistan-Kriegs hatten ihn die USA und die Uno auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 als Regierungschef einer afghanischen Interimsregierung durchgesetzt. Die Loya Jirga wählte Karzai 2002 zum Präsidenten einer Übergangsregierung, und nach Verabschiedung einer neuen Verfassung bestimmten ihn die Afghanen 2005 in direkter Wahl zu ihrem Präsidenten. Durch den Einfluss der Warlords blieb Karzais Macht jedoch beschränkt. Zuletzt verlor er auch die Unterstützung der USA.

Hamid Karzai wurde 1957 in Kandahar geboren. Er gehört dem mächtigen Paschtunen-Stamm der Popalzai an, der mehrere afghanische Könige hervorbrachte. Karzai studierte in Indien und hielt sich immer wieder in den USA auf. Zusammen mit den Mudschahidin kämpfte er in den achtziger Jahren gegen die sowjetische Besetzung Afghanistans . Aus dem Exil in Pakistan unterstützte Karzai die Taliban zunächst, wandte sich dann aber gegen das Regime, dem auch die Ermordung seines Vaters zugeschrieben wird. Nach Beginn der amerikanischen Militäraktion in Afghanistan kehrte Karazi 2001 in seine Heimat zurück und stellte sich an die Spitze der Anti-Taliban-Bewegung in der Region Kandahar.

Präsidentschaftswahlen
dpa
Am 30. August 2009 wählten die Afghanen ihren neuen Präsidenten. Doch es kam zu massiven Fälschungen, insbesondere zugunsten Karzais. Die Auszählungsergebnisse in 210 Wahllokalen wurden anschließend für ungültig erklärt. Karzai, der sich zuvor als Sieger gesehen hatte, verfehlte nach dem um manipulierte Stimmen bereinigten Endergebnis die absolute Mehrheit: Er erreichte nur 49,67 Prozent der Stimmen.

Eine Stichwahl zwischen Karzai und Ex-Außenminister Abdullah Abdullah sollte die Entscheidung bringen. Doch der Herausforderer zog seine Kandidatur zurück mit der Begründung, es könne wie im ersten Durchgang erneut zu Unregelmäßigkeiten kommen. Die afghanische Wahlkommission rief Karzai daraufhin erneut zum Präsidenten aus.

Isaf-Einsatz
DDP
Nach Beginn des Afghanistan-Kriegs 2001 und dem Sturz der radikal-islamischen Taliban beschloss der Uno-Sicherheitsrat , eine internationale Schutztruppe im Land ( Isaf ) einzusetzen. Sie soll den Wiederaufbau Afghanistans zu einer Demokratie absichern, auch indem sie zivile Wiederaufbauteams (PRTs) schützt, von denen derzeit 26 tätig sind.

Der Einsatz war zunächst auf die Hauptstadt Kabul und deren Umgebung beschränkt und wurde bis 2006 auf das ganze Land ausgeweitet. Seit 2003 führt die Nato die Isaf. Derzeit gehören ihr mehr als 119.000 Soldaten aus 46 Nationen an, darunter auch aus Nicht-Nato-Staaten wie Australien und Neuseeland.
Deutschland übernahm 2006 das Isaf-Kommando für den Norden Afghanistans. 2007 bestellte die Bundeswehr sechs Aufklärungsflugzeuge vom Typ Tornado ab, die Luftbilder aus ganz Afghanistan für Isaf liefern. Die Bundesrepublik stellt derzeit mit mehr als 4000 Soldaten die drittgrößte Truppe nach den USA und Großbritannien.

Probleme in Afghanistan
AFP
Da die Taliban inzwischen wieder an Stärke gewonnen haben, nehmen die militärischen Auseinandersetzungen zu. Besonders hart umkämpft ist der Osten des Landes, wo die meisten US-Soldaten stationiert sind. Die schwer kontrollierbaren Stammesgebiete Pakistans gelten als Rückzugsgebiet und Nachschubbasis der Taliban.

Die Stabilisierung Afghanistans wird durch Korruption, die bis in höchste Regierungskreise verbreitet ist, sowie durch Drogenproduktion und -schmuggel erschwert.

Opium-Wirtschaft
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Obgleich die afghanische Übergangsregierung unter Karzai im Januar 2002 den Schlafmohnanbau verboten hat, ist der Drogenanbau rasch wieder zum dominierenden Wirtschaftszweig Afghanistans geworden. Das Land ist der weltweit größte Produzent von Rohopium .

Mit Einnahmen aus dem Drogenschmuggel finanzieren die Taliban ihren Kampf gegen Karzais Regierung und die ausländischen Truppen. Die Bekämpfung ist problematisch, weil viele Menschen von dem Handel leben. Isaf -Soldaten sind inzwischen befugt, gegen Drogenhändler vorzugehen und Laboratorien zu zerstören, in denen Schlafmohn zu Opium verarbeitet wird.

Afghanistan-Krieg
REUTERS
Der Afghanistan-Krieg der USA und ihrer Verbündeten war die erste große militärische Reaktion auf die Terroranschläge vom 11. September 2001 . Er richtete sich sowohl gegen das Terrornetzwerk al-Qaida , das für die Anschläge verantwortlich gemacht wird, als auch gegen das seit Mitte der neunziger Jahre in Afghanistan herrschende islamisch-fundamentalistische Taliban -Regime.

Die Taliban wurden bezichtigt, Osama Bin Laden und andere hochrangige Mitglieder von al-Qaida zu unterstützen und zu beherbergen.

Die erste Kriegsphase endete mit dem Fall der Hauptstadt Kabul und der Provinzhauptstädte Kandahar und Kunduz im November und Dezember 2001. Auf der Petersberger Afghanistan-Konferenz im Dezember 2001 wurde eine Interimsregierung unter Präsident Hamid Karzai eingesetzt und die Einberufung einer verfassunggebenden Loya Jirga beschlossen. Gleichzeitig erteilte der Uno-Sicherheitsrat den Nato-Staaten und mehreren Partnerländern das Isaf -Mandat zur Unterstützung des Wiederaufbaus.



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