Proteste in Brasilien: Frohsinn und Fußball reichen nicht mehr

Aus Fortaleza berichtet

Brasiliens Fußballer jubeln über ihren Halbfinal-Einzug beim Confed Cup. Doch die Demonstranten vor dem Stadion in Fortaleza lassen sich davon nicht beeindrucken. Die Proteste überschatten längst das Sportfest - und stellen die Spieler vor ein Problem.

Demonstranten werfen Steine auf Polizisten, die Sicherheitskräfte antworten mit Gummigeschossen und Rauchbomben. Gewalttätige Szenen spielten sich am Mittwochabend auf den Straßen Fortalezas ab. "Wir lassen uns von der Polizei nicht unterkriegen. Wir sind bereit, für ein besseres Brasilien zu kämpfen", sagte Regis, 23-jähriger Kunststudent und Demonstrant.

Nur drei Kilometer weiter führte Brasiliens Goldjunge Neymar die Seleção wenig später zu einem überzeugenden 2:0-Sieg gegen Mexiko beim Confederations Cup. Die Fans im Stadion feierten, doch das bestimmende Thema im fußballverrückten Brasilien ist in diesen Tagen nicht die wiedererstarkte Nationalmannschaft - es sind die Massenproteste.

Ganz Brasilien ist in Aufruhr, es sind die größten Proteste seit 20 Jahren in dem südamerikanischen Land. Am Montagabend strömten in den Großstädten über 200.000 Menschen auf die Straßen. Die brasilianische Regierung und die Fifa haben Angst, dass die Proteste nun auch in die Stadien des Confed Cups überschwappen.

Also riegelte die brasilianische Polizei mit einem Riesenaufgebot an Beamten den Bereich um das Castelão-Stadion in Fortaleza großräumig ab. Demonstranten versuchten vergeblich, an den Sicherheitskräften vorbeizukommen. Mindestens fünf Polizisten wurden daraufhin durch Steinwürfe verletzt.

Demonstranten im Stadion? "Eine Tragödie"

Demonstranten kämpften ihrerseits mit den Folgen der Gummigeschosse, Rauchbomben und des Pfeffersprays der Polizei. "Die Polizei musste das Recht der 60.000 Fans, das Spiel zu sehen, schützen. Stellt euch vor, die Demonstranten kämen ins Stadion. Das wäre eine Tragödie", sagte Cid Gomes, Gouverneur des Bundesstaats Ceará, dessen Hauptstadt Fortaleza ist.

Fortaleza ist ein beliebter Urlaubsort. Riesige Hotelbauten reihen sich aneinander, und an den Stränden sieht man in der Hochsaison den weißen Sand vor lauter Sonnenschirmen und -liegen nicht mehr. Die Stadt ist nicht gerade für ihre subversive Szene bekannt. Dass gerade hier etwa 25.000 Menschen auf die Straße gehen, um gegen die Millioneninvestitionen rund um die Großveranstaltungen, gegen Korruption und hohe Lebenshaltungskosten und für ein besseres Bildungssystem zu protestieren - das ist bemerkenswert.

Kurz vor Spielbeginn werden im Stadion einzelne Plakate sichtbar. "Es geht nicht nur um 20 Centavos, sondern um Milliarden, gestohlen aus öffentlichen Geldern", heißt es auf einem Schild, das auf die Erhöhung der Buspreise in Rio de Janeiro und São Paulo anspielt. Die Erhöhungen wurden inzwischen zurückgenommen, doch der Protest geht weiter. Auch im Stadion.

Wütend auf die Regierung - nicht auf die Mannschaft

Als in Fortaleza die Nationalhymne erklingt, legt auch der Fan mit dem kritischen Plakat seine rechte Hand aufs Herz und singt inbrünstig mit. Die Fans machen deutlich, dass sich die Wut nicht gegen ihre Mannschaft, sondern gegen die Regierung richtet.

Die Spieler der Seleção solidarisieren sich mit den Demonstranten, ohne sich aber bei ihren Aussagen zu weit vorzuwagen. Bayern-Spieler Dante, der sich nach dem Nasenbeinbruch von David Luiz Hoffnungen auf einen Startplatz bei der Partie gegen Italien machen darf, sagte nach dem Schlusspfiff: "Wir verfolgen natürlich die Proteste. Diese Leute wollen unser Land verbessern, und ich hoffe, dass sie am Ende ihr Ziel erreichen."

Trainer Luiz Felipe Scolari erklärte: Seine Spieler dürften alles sagen, was sie denken. Sie hätten sich dabei jedoch ihrer besonderen Verantwortung bewusst zu sein. Im Klartext heißt das: Verscherzt es euch nicht - weder mit den Demonstranten noch mit der Regierung.

"Wir sind das Volk"

Die Spieler bewegen sich auf einem schmalen Grat. Die Mannschaft will auf keinen Fall als Repräsentant der gescholtenen Regierung dastehen. Auf der anderen Seite werden die Spieler die Protagonisten der Großveranstaltungen sein, gegen die momentan demonstriert wird. "Die Seleção gehört dem Volk. Wir sind das Volk. Wir wollen die Menschen motivieren, Brasilien repräsentieren", sagt Scolari.

Brasilien steht für Leichtigkeit, Frohsinn, Strände und die Seleção. Was die Politiker "da oben" gemacht haben, spielte im Leben der Menschen lange kaum eine Rolle. Der Wirtschaftsaufschwung der vergangenen Jahre hat jedoch die Mittelschicht gestärkt. Die Studenten aus dieser Schicht geben sich nicht mehr mit Freude und Fußball zufrieden. Sie wollen politisch mitbestimmen und die omnipräsente Korruption bekämpfen. "Wir haben in den arabischen Staaten gesehen, was möglich ist. Warum nicht auch hier", sagt Gabriela, 22, Architekturstudentin und Demonstrantin in Fortaleza.

Die Taxifahrer, Strandverkäufer und Anwohner, die rund um das spektakuläre Castelão-Stadion in auseinanderbröckelnden Steinhütten leben, können mit den Protesten allerdings oft nur wenig anfangen. Sie würden am liebsten ihre Seleção im Stadion sehen. Die hohen Eintrittspreise sorgen jedoch für ein für brasilianische Verhältnisse eher zaghaftes und zurückhaltendes "Event-Publikum". Also strömen die Anhänger zum Training und feiern ihre Spieler dort mit Gesängen und lautstarken Sprechchören.

Deutlich ruhiger wird es für das brasilianische Team in Salvador. Dort checkt die Mannschaft am Donnerstag in ein Luxushotel ein - 500 Mitarbeiter haben momentan die Arbeit niedergelegt.

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1.
drmedwurst 20.06.2013
Erinnert sehr an die Türkei. Erst wird wegen der WM protestiert, jetzt wird schon ein ?besseres Brasilien? gefordert. Mal sehen wo sich das hinentwickelt.
2. Keine schlechte Entwicklung!
nadennmallos 20.06.2013
Endlich wachen die Ersten auf und erkennen, dass sie selbst diejenige Zielgruppe ist, zu deren Lasten dieser Sport geht. Wie überall, wenn es um Großveranstaltungen geht! Einige wenige profilieren sich auf Kosten der Veranstalter und Sponsoren. Die Leistungen der Sportler finden meine hohe Anerkennung, aber: Sport ist die schönste Nebensache, mehr auch nicht. Zumal sehr viel Randsportarten wie in der Leichtathletik zu finden oder Gewichtheben, mindestens denselben Einsatz erfordern und überhaupt nicht honoriert werden, aber quasi als "Begleiter" der großen Veranstaltungen willkommen sind.
3. Höchste Zeit
Stelzi 20.06.2013
Es war höchste Zeit, dass das brasilianische Volk mal gegen die eitel-Sonnenschein-Philosophie der politischen Gerne-Gross-Kaste wehrt, die sich schon auf der Zielgeraden zur Weltmacht wähnten, während Millionen in Slums ohne Perspektive leben müssen. Und dann kommt WM und Olympia und einige dieser ärmsten verlieren sogar noch ihr jämmerliches Heim, damit irgendein Favela dem Sport Touristen nicht so unangenehm ins Auge sticht oder weil Platz für einen Parkplatz benötigt wird... Brasilien ist eben doch noch ein Entwicklungsland, aber nur mit gutem Willen ein Schwellenland was die sozialen Verhältnisse angeht.
4. 10 Jahre wirtschaftliche Verbesserung - der Sozialisten durch Korruption
LeBreton 20.06.2013
Wer kennt das schöne Brasilien? Frohe Menschen, schöne Landschaften und Strände. Unter Cardoso und früher gab es soziale Probleme. Am schlimmsten wurde es jedoch mit den großen sozialistischen Hoffnungsträgern. Luiz Inacio Lula da Silva der Hoffnungsträger der Armen wurde zum Heilsbringer für die Sozialisten - frei nach dem Motto: Wer in der Partei ist, fülle sich die Taschen. Um dieses System beizubehalten hat Lula selbst seine Nachfolgerin ausgesucht, Dilma Rousseff, eine gebürtige Bulgarin, von Kindheit gewohnt in solchen Systemen zu leben. Die Korruption wurde weiter verfeinert. Staatliche Aufträge wurden storniert, um nochmals Kasse zu machen. Ein Land, welches aufgrund seines Reichtums unter den Top 5 der Welt stehen könnte - siehe Argentinien. Es zeigt wieder einmal auf traurige Weise, wie vermeintliche Heilsbringer erstmal gierig sich selber ihre sozialistischen Taschen füllen möchten, frei nach dem Motto "In den x-Jahren meiner Herrschaft muss ich von 0 Kapital auf 100 kommen.
5. Was habe ich da ...
nadennmallos 20.06.2013
[QUOTE=nadennmallos;13021708] ....Einige wenige profilieren sich auf Kosten der Veranstalter und Sponsoren. ... ... für einen Mist geschrieben?!?!, es muss heißen: Einige wenige, dazu gehören Veranstalter und Sposoren, profilieren sich auf Kosten vieler Sportbegeisterter. Sorry.
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Fotostrecke
Brasilien: Sozialprotest statt Samba

Fläche: 8.514.877 km²

Bevölkerung: 196,526 Mio.

Hauptstadt: Brasília

Staats- und Regierungschefin: Dilma Rousseff

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