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Proteste in Burma: Bloggen für die Freiheit

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In Burma regiert die Zensur: Telefonverbindungen werden gekappt, das Internet unterliegt strengen Restriktionen. Trotzdem kämpfen einige junge Leute unermüdlich, um die Welt über den Konflikt im Land zu informieren - und setzen ihr eigenes Leben aufs Spiel.

Hamburg - "Ich arbeite in der Notaufnahme im Krankenhaus. Gegen zwei Uhr nachmittags sind fünf Patienten in eingeliefert worden. Sie sind von den Militärs angeschossen worden. Ein Patient starb auf der Stelle, man hatte ihm in die Blase geschossen. Bei den anderen Vieren stehen die Chancen schlecht. Ein Begleiter der Verletzten sagte: Sie waren nicht an den Protesten beteiligt. Sie saßen nur in einem Café in der Nähe der Shwedagon Pagoda, einige von ihnen sind nur Passanten."

Der Bericht ist wenige Stunden alt. Erschienen ist er im Blog von Nyein Chan Yar, auf burmesisch. Inzwischen haben ihn verschiedene Blogger auf ihren Seiten übernommen und übersetzt.

Screenshot des Blogs von Ko Htike: "Der Protest ist die Chance, unser Land zu verändern"

Screenshot des Blogs von Ko Htike: "Der Protest ist die Chance, unser Land zu verändern"

Während die Militärregierung Burmas sich bemüht, das Geschehen im Land möglichst von der ausländischen Öffentlichkeit abzuschirmen, nutzen Blogger die Nischen des Netzes, um ihre Botschaft in die Welt zu transportieren. Sie posten Informationen, laden Fotos und Videos hoch. Die verwackelten Aufnahmen zeigen die Proteste der Mönche, zeigen friedlich demonstrierende Menschen, deren Sprechchöre mit ihrem Herannahen immer lauter werden.

Wie alle totalitären Regime setzt auch die Führung in Burma auf Abschottung: So wenig Details wie möglich sollen an die Öffentlichkeit gelangen. Ausländischen Journalisten werden Visa verweigert, die Korrespondenten der großen internationalen Zeitungen sitzen in Bangkok fest - und müssen das Geschehen von außen verfolgen. Menschen, die Freunde im Land haben, rufen sie derzeit nicht an - zu groß ist die Sorge vor den Strafen der Militär-Junta. Auch der Kontakt über E-Mails ist nicht ungefährlich. "Wir befürchten, dass das Regime zurückschlägt, wenn das Interesse der Weltöffentlichkeit wieder abebbt", sagt ein Deutscher mit zahlreichen Kontakten in das Land zu SPIEGEL ONLINE.

Die Strafe für freie Internetnutzung: 15 Jahre Haft

Als die Machthaber 1988 rund 3000 Oppositionelle ermordeten, wurde das von der Weltöffentlichkeit praktisch nicht registriert. Jetzt werden die Massenproteste der Mönche genau verfolgt. Ermöglicht wird dies durch die Arbeit Hunderter Blogger, die ihre Eindrücke schildern - und so ihr eigenes Lebens aufs Spiel setzen. In kaum einem anderen Land wird das Internet so intensiv kontrolliert wie in Burma. Wer einen Computer betreibt und nicht den staatlichen Internet-Anbieter benutzt, dem droht eine Haftstrafe von bis zu 15 Jahren. Die Anbieter kostenloser E-Mail-Adressen werden blockiert.

Obwohl es zwischenzeitlich beinahe unmöglich ist, mit Menschen in Burma zu telefonieren und das Militär die Handys bekannter Oppositioneller und einiger Journalisten hat abschalten lassen, haben Oppositionelle Möglichkeiten gefunden zu kommunizieren.

In den Blogs häufen sich Aufrufe, Bilder und Videos hochzuladen. In Foren tauschen sich die Menschen aus, bitten Journalisten, die Fotos zu veröffentlichen und so einen "Wandel im Land" zu ermöglichen. Die Leser werden animiert, sich an die Uno zu wenden und deren Einschreiten zu fordern.

"Was geht in den Köpfen dieser Menschen vor?"

Das Echo ist enorm: Die Zugriffe auf den Blog von Ko Htike haben sich in den vergangenen Tagen verzehnfacht. Der in London lebende Burmese hat seinen Literatur-Blog in ein politisches Forum verwandelt. "Etwa zehn Menschen aus Burma schicken mir regelmäßig ihre Informationen. Sie gehen dazu in Internetcafés, einige senden mir die Bilder per Mail", sagte er "BBC News". "Die Menschen marschieren mit den Mönchen und sobald sie Bilder aufgenommen oder neue Informationen erhalten haben, gehen sie in ein Café und schicken sie." Wenn die Kommunikation in Chats nicht funktioniert, rufen die Informanten Ko Htike an: Sie nennen keinen Namen, keinen Kontext - nur einen Link oder einen Code.

Nach Einschätzung von "Reporter ohne Grenzen" hat man in Burma nach der Verdrängung des früheren Präsidenten Khin Nyunt im Oktober 2004 die Überwachung des Internet weniger stringent verfolgt als zuvor. "So können es junge Journalisten schaffen, die Zensur zu umgehen", sagte Vincent Brussels von "Reporter ohne Grenzen" "BBC News". Häufig handele es sich bei den Bloggern auch um Studenten.

Ko Htike hofft, durch den Kontakt über das Internet auch seine Informanten im Land schützen zu können. Der Augenzeugenbericht, den er in seinem Blog veröffentlicht hat, zeigt aber, wie die Situation in Burma eskaliert - und welche Angst die Menschen im Land haben.

"Militärfahrzeuge sind zu den Demonstranten vorgedrungen, die Soldaten haben wahllos auf die Menschen geschossen. Was geht in den Köpfen dieser Menschen vor?" Haben sie keine Familie? Können sie nicht denken? Mir haben die Opfer und ihre Angehörigen so Leid getan. "Ich bin bereit, den Protest der Mönche und der Menschen zu unterstützen. Ich werde sie versorgen, wenn sie verletzt werden. " Dieser Protest ist die Chance, unser Land zu verändern."

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