Proteste in Burma "Die Demonstranten müssen das Schlimmste befürchten"

Tausende Mönche demonstrieren in Burma gegen das Regime, fordern Demokratie - die Massen folgen ihnen. Wie hoch ihre Erfolgschancen sind und welche Gefahren drohen, beschreibt Asien-Experte Marco Bünte im Interview mit SPIEGEL ONLINE.


SPIEGEL ONLINE: Herr Bünte, Zehntausende protestieren in Burma gegen die Militärregierung. Steht das Land kurz vor einem Regimewechsel?

Bünte: Es ist sehr unwahrscheinlich, dass die jetzigen Proteste dazu führen, dass das Militär von sich aus zurückweicht. Das burmesische Militärregime ist extrem stark. Seit der Niederschlagung der Demokratiebewegung vor 20 Jahren hat die Armee noch einmal erheblich in die Modernisierung investiert - sie ist heute die stärkste Institution im Lande. Zwar ist es möglich, dass sich Teile des Militärs in den nächsten Tagen auf die Seite der Opposition schlagen. Auch das Militär sieht, dass der Karren im Land im Dreck steckt, dass es wirtschaftlich so nicht weiter gehen kann. Bislang gibt es aber für ein Überlaufen keine Anzeichen - und wir können in die Blackbox Militärregime nicht hinein sehen.

Demonstranten in Burma: Die schiere ökonomische Notwendigkeit
DPA

Demonstranten in Burma: Die schiere ökonomische Notwendigkeit

SPIEGEL ONLINE: Wie ernst muss man die Drohung des Militärs nehmen, die Demonstrationen mit Gewalt zu beenden?

Bünte: Das ist sehr ernst zu nehmen. 1988 hat das Militär schon einmal Gewalt gegen Demonstranten eingesetzt und die Forderung nach Demokratie im Keim erstickt. Seitdem hat die Junta keinen Raum für öffentliche Kritik gelassen und ständig seinen Repressionsapparat genutzt, um jede Form von politischer Opposition oder Organisation zu unterdrücken.

SPIEGEL ONLINE: 1988 demonstrierten Tausende Studenten gegen die Regierung- jetzt sind es vor allem Mönche. Gibt es in dem tiefreligiösen Burma so etwas wie ein Tabu auf Mönche zu schießen?

Bünte: Bis jetzt zeigt sich, dass die Militärs relativ zurückhaltend sind. Sollten die Demonstrationen allerdings ihren friedlichen Charakter verlieren, dann könnte das Militär sich quasi gezwungen sehen, Recht und Ordnung wieder herzustellen - mit Gewalt. Die Frage ist auch, inwieweit das Militär die Protestler provoziert und das dazu führt, dass die Demonstranten den friedlichen Pfad verlassen und die Situation außer Kontrolle gerät.

SPIEGEL ONLINE: Wieso hat es überhaupt so lange gedauert, bis sich die Mönche auf die Straße trauten - und warum gehen sie gerade jetzt?

Bünte: Es ist die schiere ökonomische Notwendigkeit, dass die Menschen auf die Straße gegangen sind. Die Preise für Lebensmittel sind zuletzt zum Teil um das 200-fache gestiegen. Und die Mönche - es sind Bettelmönche - bekommen ihre Spenden von den Menschen. Sie sind also ökonomisch von ihnen abhängig. Nachdem das Militär in der vergangenen Woche mit Gewalt gegen einige Mönche vorgegangen ist und Tränengas einsetzt hat, kam es zum Aufschrei. Allerdings sind die Proteste bislang unorganisiert, es gibt einzelne Gruppen, aber keine Struktur, die dahinter steht. Es handelt sich um eine spontane Massendemonstration.

SPIEGEL ONLINE: Ist das Potential ausgeschöpft oder ist damit zu rechnen, dass sich immer mehr Mönche den Demonstrationen anschließen?

Bünte: Es lässt sich von hier aus sehr schwer einschätzen, inwieweit die Drohgebärden des Militärs Wirkung zeigen. Der Religionsminister hat die Bevölkerung dazu aufgerufen, nicht auf die Straße zu gehen. Vielleicht führt die härtere Gangart des Militärregimes zum Abebben der Demonstrationen.

SPIEGEL ONLINE: Was genau haben die Menschen zu befürchten? Schläge, Folter, Mord?

Bünte: Die jetzigen Proteste begannen schon Mitte August, als Studenten demonstrierten. Es wurden sofort 135 Studenten verhaftet und zu langjährigen Haftstrafen verurteilt - der Überwachungsapparat des Militärs funktioniert also sehr gut. Es gibt rund 2000 politische Gefangene in Burma, Amnesty International beklagt ständig die Menschenrechtssituation und die Lage in den Gefängnissen. Die Demonstranten müssen also das Schlimmste befürchten.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.