Proteste in Frankreich Polizei setzt Tränengas gegen Schüler ein

Brennende Autos, Steinwürfe auf die Polizisten: In Frankreich ist es am Rande von Schülerprotesten gegen die Rentenreform zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Jugendlichen gekommen. Die Beamten setzen Tränengas ein. Streiks und Benzinknappheit beeinträchtigen den Flugverkehr schwer.


Paris - In Frankreich ist es am Rande der Proteste gegen die Rentenreform zu Krawallen gekommen: Im Pariser Vorort Nanterre warfen Schüler Steine auf die Einsatzkräfte und zündeten ein Auto an. Die Polizei setzte daraufhin Tränengas ein und sperrte das Gebiet ab. Die Schule der Jugendlichen war bereits am Montag wegen Ausschreitungen geschlossen worden.

In Paris wurde ein 15-jähriges Mädchen verletzt, als ein Motorroller durch einen Brand explodierte. Justizministerin Michèle Alliot-Marie sagte dem Sender Europe 1, gegen "Randalierer" werde mit "Härte" vorgegangen. Französische Medien sprechen bereits von einer "wahren Stadtguerilla".

Laut Erziehungsministerium waren am Dienstagmorgen 379 Schulen von Aktionen betroffen und damit deutlich mehr als bisher. In Paris blockierten etwa 200 bis 300 Schüler teilweise den Platz der Republik. Auch drei Universitäten in Bordeaux, Pau und Rennes waren völlig blockiert, andere teilweise.

Logistisch versinkt Frankreich durch die Streiks im Chaos: Die Flughäfen des Landes forderten die Airlines zu einer drastischen Kürzung ihrer Flüge auf. Die Proteste verursachten "ernsthafte Schwierigkeiten", erklärte die Luftfahrtbehörde auf ihrer Website.

Raffinerien sind lahmgelegt

Der Nahverkehr in zahlreichen Städten war ebenfalls lahmgelegt, in Paris lief der U-Bahn- und Bus-Verkehr aber weitgehend normal. Viele Flüge mussten gestrichen werden; am Pariser Flughafen Orly sollte die Hälfte aller Flüge ausfallen, am Hauptstadt-Flughafen Charles de Gaulle etwa 30 Prozent. Bei der Staatsbahn SNCF wurde damit gerechnet, dass nur einer von zwei TGV-Hochgeschwindigkeitszügen rollen würde.

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Frankreich: Brennende Barrikaden gegen die Rentenreform
Beschäftigte blockierten erneut Treibstoff-Depots und Raffinerien, um den Druck auf die konservative Regierung zu erhöhen. Weil das Benzin knapp wird, bildeten sich auch am Dienstag an den Tankstellen wieder Schlangen. Insgesamt waren inzwischen 2500 der 12.500 Tankstellen des Landes von der Benzin- und Dieselknappheit betroffen; die zwölf Raffinerien des Landes waren weiter lahmgelegt.

Die Regierung hatte beschlossen, auf die für 30 Tage angelegten strategischen Reserven in den Treibstoff-Depots der Industrie zurückzugreifen. Die für 60 Tage reichenden strategischen Reserven unter staatlicher Kontrolle wurden noch nicht angezapft. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) hatte am Montagabend hervorgehoben, dass die französischen Reserven "ausreichend" seien. "Natürlich gibt es ein logistisches Problem, um den Treibstoff an die Zapfhähne zu bringen", sagte IEA-Vertreter Aad van Bohemen mit Blick auf die Blockaden der Öl-Depots.

Merkel: "Der Wahrheit ins Auge sehen"

Die Streiks und Blockaden richten sich gegen das Vorhaben der Regierung von Präsident Nicolas Sarkozy, das Rentenalter von 60 auf 62 Jahre anzuheben. Die entscheidende Abstimmung über die Reform soll am Mittwoch im Senat stattfinden. Die Gewerkschaften wollen die Regierung dazu bringen, das Gesetz doch noch fallenzulassen. Sarkozy bezeichnete die Reform als den einzigen Weg, um Frankreichs Rentensystem zu retten.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat Sarkozy angesichts derweil den Rücken gestärkt. "Ich glaube, die Bevölkerung in Deutschland, genauso wie in Frankreich, wird nicht darum herumkommen, der Wahrheit ins Auge zu sehen. Und die Wahrheit heißt: Die Menschen leben länger", sagte die Kanzlerin am Dienstag dem französischen Sender France 2. "Und wenn wir eine vernünftige Rente garantieren wollen, dann muss die Tatsache, dass wir länger leben, auch dazu führen, dass die Lebensarbeitszeit länger wird."

Merkel verwies dabei auf Proteste gegen die Erhöhung des gesetzlichen Rentenalters in der Deutschland von 65 auf 67 Jahre. Auch dabei habe es sehr viel Widerstände gegeben, und viele Menschen verstünden es bis heute nicht, sagte die Kanzlerin. "Trotzdem muss jeder die Weichen für die Zukunft stellen." "Wir in Deutschland führen das auch stufenweise ein, genauso wie in Frankreich", sagte Merkel. "Aber es wäre ganz schlecht für die junge Generation, wenn wir jetzt einfach die Augen verschließen würden vor der Realität und eines Tages unsere Kinder und Enkel mit den ganzen Problemen dasitzen."

anr/AFP/dapd/dpa



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Seite 1
Knut Olsen 19.10.2010
1. Auf Thema antworten
Zitat von sysopBrennende Autos, Steinwürfe auf die Polizisten: In Frankreich ist es am Rande von Schülerprotesten gegen die Rentenreform zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Jugendlichen gekommen. Die Beamten setzen Tränengas ein. Streiks und Benzinknappheit beeinträchtigen den Flugverkehr schwer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,723922,00.html
Tja, die Diktatur des Kapitals zeigt ihre totalitäre Fratze. Hat irgendjemand was anderes erwartet? Jetzt geht's erst richtig los, ich beneide die Franzosen um ihre Protestkultur. Uneingeschränkte Solidarität mit den Streikenden.
susi_sonicht, 19.10.2010
2. Ich könnte es nachvollziehen
wenn die Proteste friedlich wären und die protestieren würden die betroffen sind. 45jährige die eine Rentenkürzung hinnehmen müssen - denn etwas anders ist es nicht. Die Schüler hingegen kann ich nicht verstehen. Tut mir leid, denen geht es um Randale, mehr nicht.
lensenpensen 19.10.2010
3. ...
Ahja, es sollen auch nur die demonstrieren (dürfen) die es auch betrifft? Seltsames Demokratieverständnis. Da könnten wir ja auf jede Anti-Kriegsdemo verzichten, es betrifft uns ja nicht; wir haben Frieden.
Marshmallowmann 19.10.2010
4.
Zitat von susi_sonichtwenn die Proteste friedlich wären und die protestieren würden die betroffen sind. 45jährige die eine Rentenkürzung hinnehmen müssen - denn etwas anders ist es nicht. Die Schüler hingegen kann ich nicht verstehen. Tut mir leid, denen geht es um Randale, mehr nicht.
Wenn sie meinen, dass Schüler nicht verstehen welche Gesetze unter anderem für sie bestimmt werden obwohl sie noch nicht einmal demokratisch Wählen dürfen, dann irren sie sich aber.
heiko1977 19.10.2010
5. Titel
Zitat von sysopBrennende Autos, Steinwürfe auf die Polizisten: In Frankreich ist es am Rande von Schülerprotesten gegen die Rentenreform zu schweren Zusammenstößen zwischen Polizei und Jugendlichen gekommen. Die Beamten setzen Tränengas ein. Streiks und Benzinknappheit beeinträchtigen den Flugverkehr schwer. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,723922,00.html
Die frz. Streikenden und Schüler opfern nicht ihre Errungenschaften, die blutig erkämpft wurden von vorherigen Generationen, für leere Versprechungen der Wirtschaft. Daher Solidarität mit den frz. Streikenden und Schülern.
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