Proteste in Gaza: Palästinas Jugend wacht auf

Von Juliane von Mittelstaedt, Tel Aviv

Ermutigt von den Aufständen in der arabischen Welt formiert sich auch in den Palästinensergebieten der Protest. Tausende demonstrierten im Gaza-Streifen und im Westjordanland für die Einheit ihres Volkes. Die Machthaber von Hamas und Fatah versuchen nun, die Bewegung für ihre Zwecke zu nutzen.

Demonstrationen: Protest in den Farben Palästinas Fotos
AFP

Auch die Revolution in Gaza hat jetzt einen Platz, es ist der Platz des unbekannten Soldaten. Eine winzige Grünanlage an der Hauptgeschäftsstraße von Gaza-Stadt , in der Mitte ein leerer Springbrunnen. Mohammed Ashour hat hier ein Zelt aufgestellt, er hat die Nacht darin verbracht, zusammen mit 60 anderen Aktivisten. Wenn es nach ihm geht, dann wird er bleiben, bis ihre Forderungen erfüllt sind.

Es ist das erste Mal, dass auch die Jugend von Gaza öffentliche Orte besetzt, ihr Vorbild sind die Jugendlichen in Kairo. "Das ist unser Tahrir-Platz", sagt Ashour, 25, Student des Bauingenieurwesens, der davon träumt, eines Tages die zerstörten Häuser im Gaza-Streifen wieder aufzubauen. Der Student ist einer der Anführer der Proteste in Gaza, zaghafte Proteste sind es noch, aber er hofft, dass sie bald größer werden. Für diesen 15. März haben Mohammed Ashour und seine Mitstreiter über Facebook zu einer großen Demonstration aufgerufen, sie hoffen, den 15. März zu ihrem Schlagwort zu machen, zum Tag 1 der Revolution. So wie es in Ägypten der 25. Januar war und in Libyen der 17. Februar.

Anders als auf dem Tahrir-Platz geht es der Jugend von Gaza allerdings nicht um einen Regimewechsel, zumindest nicht offiziell: Sie demonstrieren hier dafür, dass Hamas und Fatah wieder zusammenfinden, die Parteien, die die beiden nicht nur geografisch, sondern seit fast vier Jahren auch politisch getrennten Bruchstücke Palästinas regieren. Vielleicht sollte man besser sagen: beherrschen. Solange Palästinenser gegen Palästinenser kämpfen, könne es kein Ende der Besatzung durch Israel geben, sagt Ashour, keine erfolgreichen Friedensverhandlungen und damit keine Zukunft für die vielen Jugendlichen ohne Jobs und Perspektive.

"Wir wollen mit keiner politischen Partei zu tun haben"

Ein paar tausend Menschen, nach manchen Schätzungen bis zu zehntausend, sind zu der Demonstration am Dienstag gekommen, darunter auch viele Hamas-Mitglieder, die versuchen die Demonstration zu übernehmen. Sie kommen mit ihren grünen Flaggen, und als die Jugendlichen sie bitten, die Flaggen zu entfernen, lachen sie nur. Die Stimmung, gerade noch ausgelassen, wird angespannt. Aber die Hamas-Polizisten und Geheimdienstler halten sich im Hintergrund, auch die Islamisten haben gelernt, dass es besser ist, keine Ausschreitungen zu provozieren, sondern die Jugend erst marschieren zu lassen und dann zu spalten. Ismail Hanija, Chef der Hamas-Regierung, hat am Tag zuvor gesagt, das Innenministerium solle eine "passende Atmosphäre herstellen, um den Volksprotest erfolgreich zu machen", nicht ohne hinzuzufügen: Die Jugend müsse dafür aber auch "nationale Prinzipien" befolgen. Nationale Prinzipien sind die Prinzipien der Hamas.

Die jugendlichen Demonstranten haben nur palästinensische Flaggen in der Hand, sie sollen die Einheit demonstrieren. Ansonsten ist es üblich, dass jeder seine eigenen Flaggen trägt, die gelbe der Fatah, die rote des Islamischen Dschihad oder eben die grüne der Hamas. "Wir wollen mit keiner politischen Partei zu tun haben", sagt Ashour. "Früher war es üblich, einer Fraktion anzugehören, aber das wollen wir nicht mehr. Wir müssen etwas Neues machen." Er steht mit den Demonstranten auf dem Platz, eine Palästina-Flagge, grün-schwarz-weiß-rot, in der Hand, immer mehr Demonstranten kommen hinzu, Studenten, Frauen, Kinder. "Das Volk will das Ende der Teilung", skandieren sie. Und: "Eine Flagge, ein Land."

Keine Jobs, keine Chancen, keine Zukunft

Leise sagen die Mädchen, Studentinnen, die bald einen Uniabschluss und keinen Job haben werden: "Wir haben keine Lust auf diese Machtspiele der Politiker." Und Juristinnen, Ingenieurinnen, diplomiert und arbeitslos, ergänzen: "Wir haben eine gute Ausbildung, aber keine Jobs. Was sollen wir tun?" Gaza ist ihre Falle, sie kommen nicht heraus, um sich Arbeit zu suchen. Für die Frauen ist der einzige Ausweg eine Hochzeit, dann Kinder, dann ein Hausfrauendasein. Ein Leben in Armut und Abhängigkeit. Ein junger Ingenieur ist dabei, er hat in Algerien studiert, jetzt ist er wieder zurück, auch er findet keine Arbeit, nicht mal die einfachste. "Es ist zum Verzweifeln", sagt er. Die Gesundheitsversorgung ist katastrophal, Strom und Wasser fließen unregelmäßig, es mangelt an Wohnraum.

Bald danach löst sich die Demonstration auf, nur bis 17 Uhr dürfen sie demonstrieren, dann, so heißt es, würden keine Proteste mehr erlaubt sein. Vorher haben die Hamas-Männer einige der Organisatoren angerufen. Woher habt ihr das Geld für die Proteste, haben sie gefragt. Wo trefft ihr euch? Zu welcher Gruppe gehört ihr? Man kann in Gaza schon für weniger eingesperrt werden als für eine Demonstration, für Autofahren mit einer unverheirateten Frau etwa. Aber wenn man Mohammed Ashour fragt, ob er Angst habe, dann wiederholt er nur: "Hamas hat uns versichert, dass wir nicht bestraft werden." Deswegen versuchen sie auch, Hamas nicht zu kritisieren. Die Revolution der Jugend von Gaza ist eine vorsichtige Revolution.

Aber sie lassen sich trotzdem nicht einkriegen, um 17 Uhr ruft Ashour noch einmal an, er sagt: "Wir ziehen jetzt zum Khatiba-Platz und werden dort übernachten." Und das Verbot der Hamas? "Wir müssen es versuchen", sagt er. Wenig später greifen Hamas-Polizisten die Demonstranten am Platz angegriffen, einige werden zusammengeschlagen.

Proteste auch in Ramallah und Bethlehem - überall nur die Fahne Palästinas

Auch in Ramallah, keine 100 Kilometer entfernt und doch unendlich weit weg, findet am Dienstag eine Demonstration statt. Rund 3000 Menschen protestieren am Manara-Platz im Stadtzentrum, ein paar hundert in Bethlehem, auch hier gibt es nur die palästinensischen Flaggen, auch hier rufen sie ähnliche Sprüche, auch hier greift die Polizei nicht ein. Nur dass hier nicht die Hamas, sondern die Fatah versucht, die Demonstration zu vereinnahmen. Hochrangige Fatah- und PLO-Mitglieder sind dabei, Nabil Shaath etwa, einer der einflussreichsten Männer im Westjordanland. Und auch der vielleicht reichste Geschäftsmann ist da, Munir al-Masri, der den Jugendlichen Mut zuspricht. "Ihr müsst mit dem Protest weitermachen und das in eure Hände nehmen", sagt er. "Ihr Jugendlichen seid unsere Zukunft."

Mitten auf dem Platz sitzen acht Demonstranten am Boden, sie sind seit Sonntag im Hungerstreik und schlafen seitdem auf dem Platz. "Wir machen den Hungerstreik, um zu beweisen, dass es uns auch in der echten Welt gibt und nicht nur online, und um zu zeigen, dass wir bereit sind zu sterben, um die Teilung zu beenden", zitiert die Nachrichtenagentur AFP den Aktivisten Fadi Quran, einen Blogger, der an der US-Universität Stanford studiert hat.

Sie wollen hier weiter übernachten, den Manara-Platz zu ihrem Hauptquartier machen, sagt Faisal, ein junger Student und einer der Aktivisten. "Diese Proteste sind erst der Anfang. Wir machen auf jeden Fall weiter." Jetzt haben sie allerdings erstmal zwei Räte gegründet, in bester PLO-Sprache heißen sie "Nationales Volkskomitee der Jugend für die Beendigung der internen Teilung" und "Nationales Volkskomitee der Jugend für das Ende der Besatzung."

Bis zum Tahrir-Platz ist es noch ein weiter Weg.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Gute Neuigkeiten
mardas 15.03.2011
Vielleicht wird man bald nicht mehr alle Probleme nur noch auf Israel schieben können, Feindbilder müssen schwinden. Ich wünsche den Jugendlichen viel Glück :).
2. Glück alleine reicht nicht
Lagenorhynchus 15.03.2011
Zitat von mardasVielleicht wird man bald nicht mehr alle Probleme nur noch auf Israel schieben können, Feindbilder müssen schwinden. Ich wünsche den Jugendlichen viel Glück :).
Es ist ein Irrsinn, wie viel Protestpotential jetzt aufflammt. So sehr ich den Menschen eine Demokratisierung wünsche, so sehr befürchte ich, dass die Verhältnisse nach einem Protest, der nur von einer Ablehnung gegen die jetzigen Zustände zusammengehalten wird, hinterher nur eine noch desolatere Situation hinterlässt.
3. Was?
mardas 15.03.2011
Zitat von LagenorhynchusEs ist ein Irrsinn, wie viel Protestpotential jetzt aufflammt. So sehr ich den Menschen eine Demokratisierung wünsche, so sehr befürchte ich, dass die Verhältnisse nach einem Protest, der nur von einer Ablehnung gegen die jetzigen Zustände zusammengehalten wird, hinterher nur eine noch desolatere Situation hinterlässt.
Desolater als die Hamas? Unmöglich. Solange es keine noch terroristischere und noch islamistischere und noch antisemitischere Gruppe dort Fuß zu fassen schafft, sehe ich eher positiv. Israel wird jede Änderung in eine solche Richtung begrüßen, wenn auch hoffentlich weder eingreifen noch überhaupt Stellung beziehen.
4. @madras
osaft, 15.03.2011
Zitat von mardasDesolater als die Hamas? Unmöglich. Solange es keine noch terroristischere und noch islamistischere und noch antisemitischere Gruppe dort Fuß zu fassen schafft, sehe ich eher positiv. Israel wird jede Änderung in eine solche Richtung begrüßen, wenn auch hoffentlich weder eingreifen noch überhaupt Stellung beziehen.
na das halte ich für eine reichlich naive annahme - in ägytpen haben die israelis es ja auch nicht begrüßt. israel hat nicht wirklich interesse an demokratischen nachbarn, denn dann könnte israel ja schließlich nicht mehr erzählen, es sei die einzige demokratie im nahen osten - was sollte israel also dadurch gewinnen - wenn palästina demokratisch wird. die besatzung der westbank und die isolation von gaza wären dann ja schließlich noch viel unhaltbarer als sie es jetzt schon sind. für israel sieht das alles gar nicht gut aus...
5. Demokratisierung auf jeden Fall POSITIV !
gemamundi 15.03.2011
Zitat von mardasDesolater als die Hamas? Unmöglich. Solange es keine noch terroristischere und noch islamistischere und noch antisemitischere Gruppe dort Fuß zu fassen schafft, sehe ich eher positiv. Israel wird jede Änderung in eine solche Richtung begrüßen, wenn auch hoffentlich weder eingreifen noch überhaupt Stellung beziehen.
Sehe das ähnlich bis gleich...;-)) Hoffe sehr,das die jungen Palästinenser endlich schaffen,was den Alten/Anderen - mit den Israelis - nicht gelang ! Bin sicher,das sich mit der Demokratisierung auch eine Versachlichung - letztlich dann die 'Zwei-Staaten-Lösung' in Palästina und auch in Israel durchsetzen wird ! Bin es als 1955 geborener deutscher Jude/jüdischer Deutscher - (NEIN,NICHT Israeli...!) - leid,an der notwendigen Einsicht einiger (führender) Politiker und Minderheiten in den beiden Staaten zu zweifeln.... Gut,das sich etwas bewegt. Palästinas Jugend viel Glück und Durchsetzungskraft auf diesem Weg !
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Knackpunkte der Nahost-Gespräche
Sicherheit
Israel betont, es werde keinen Palästinenserstaat geben, solange die Sicherheit des jüdischen Staates nicht garantiert sei. Obwohl es in den vergangenen Jahren kaum noch Selbstmordanschläge palästinensischer Terroristen gibt, fühlen sich die Israelis bedroht.

Die israelischen Grenzstädte werden immer wieder von Raketen der radikalislamischen Hamas beschossen. Schlagen diese Geschosse auf israelischer Seite ein, kommt es regelmäßig zu Vergeltungsschlägen auf palästinensischem Gebiet. Die Palästinenser machen ihrerseits Angriffe durch das israelische Militär geltend.

Flüchtlinge
Als Folge der Kriege 1948/49 und 1967 gibt es in den palästinensischen Gebieten und Israels Nachbarländern 4,8 Millionen registrierte palästinensische Flüchtlinge und ihre Nachkommen.

Die Flüchtlinge beharren auf das Recht, in ihre Heimat im heutigen Israel zurückkehren zu dürfen, Israel verneint dieses Recht und will den Verzicht auf eine Rückkehr in einem Friedensvertrag festschreiben.

Grenzen
Nach dem Willen der Palästinenser soll ihr Staat die 1967 von Israel besetzten Gebiete Westjordanland, Gaza und Ost-Jerusalem umfassen. Israel beansprucht jedoch Teile dieses Territoriums – entgegen internationalem Recht – für sich. Israel hatte den Gaza-Streifen 2005 zwar geräumt, sein Embargo seit der Machtübernahme der Hamas 2007 aber verschärft.

Israel will zudem an Teilen des Westjordanlands festhalten. Dort gibt es rund 120 jüdische Siedlungen mit etwa 300.000 Israelis. In Ost-Jerusalem leben nach Angaben israelischer Menschenrechtler weitere 200.000. Nach internationalem Recht sind diese Siedlungen auf besetztem palästinensischen Gebiet illegal und müssen geräumt werden.

Jerusalem
Der künftige Status der Stadt mit heiligen Stätten von Juden, Muslimen und Christen ist besonders umstritten. Israel beharrt auf dem ungeteilten Jerusalem als Hauptstadt. Die Palästinenser beanspruchen den Ostteil als Hauptstadt ihres künftigen Staates. Im Jahr 2000 scheiterte der Nahost-Gipfel an der Jerusalemfrage.
Golan
Syrien dringt darauf, dass die 1967 besetzten Golanhöhen im Rahmen einer Friedenslösung zurückgegeben werden. Von der 1150 Quadratkilometer großen Hochebene hat Israels Armee einen guten Blick nach Syrien und in den Libanon. Umgekehrt könnten die Syrer vom Golan aus große Teile Israels überwachen. Heute leben in dem Gebiet neben rund 20.000 Syrern auch etwa 20.000 jüdische Einwohner.
Scheba-Farmen
Das 30 Quadratkilometer kleine Gebiet an der Grenze von Syrien, Libanon und Israel ist seit langem umstritten. Die Vereinten Nationen und die USA sind der Ansicht, dass das Territorium als Teil der Golanhöhen zu Syrien gehört. Der Libanon und Syrien haben ihre Ansprüche bislang nicht eindeutig formuliert und wollen den Grenzdisput nach einem israelischen Rückzug klären.
Wasser
Schon vor 20 Jahren wurde vor einem drohenden Nahost-Krieg um Wasserquellen gewarnt. Wegen des Bevölkerungswachstums und der oft rücksichtslosen Ausbeutung der Ressourcen werden die Süßwasservorräte immer knapper. Amnesty International wirft Israel vor, Palästinenser bei der Nutzung der gemeinsamen Ressourcen zu benachteiligen, was die Regierung zurückweist. Die Kontrolle des von Israel genutzten Wassers ist auch ein Streitpunkt im Ringen um die künftige israelisch-syrische Grenze auf den Golanhöhen.