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Proteste in Kiew: Der Tote vom Maidan

Von und Claudia Thaler

Nigojan am 12. Dezember auf dem Maidan: Das erste Todesopfer der Proteste Zur Großansicht
AP

Nigojan am 12. Dezember auf dem Maidan: Das erste Todesopfer der Proteste

Er wurde 20 Jahre alt, stammte aus dem Osten der Ukraine: Sergej Nigojan gilt als erstes Todesopfer der Proteste in Kiew. Die Opposition sagt, er sei durch vier Schüsse getötet worden. Im Internet wird der junge Mann jetzt als Held verehrt.

Kiew/Hamburg - Der Platz neben dem Eingang des Dynamo-Stadions in der ukrainischen Hauptstadt hat sich inzwischen in ein Meer aus Kerzen und Blumen verwandelt. Hier wurde die Leiche von Sergej Nigojan gefunden. Der 20-Jährige gilt als das erste Todesopfer der Proteste in Kiew, er ist zu einem Symbol der eskalierenden Gewalt zwischen den Gegnern von Präsident Wiktor Janukowitsch und den Sicherheitskräften geworden.

Vier Schüsse in den Kopf und in den Hals hätten Sergej getötet, sagt Oleg Mussi, Koordinator des medizinischen Dienstes der Regierungsgegner. Um welche Art von Munition es sich handelte, ist noch unklar. Die Sicherheitskräfte geben an, ausschließlich Gummigeschosse zu verwenden. Der Generalstaatsanwalt hat nun eine Obduktion angeordnet, er überprüft den Fall.

Sergej ist nach Angaben der Opposition einer von inzwischen fünf Toten. Demonstranten und Milizionäre hatte sich in der Nacht zu Mittwoch heftige Straßenschlachten geliefert. Bilder zeigen, wie Molotow-Cocktails und Steine fliegen, die Polizei zurückschießt und Regierungsgegner niederknüppelt.

Barrikaden bewacht, Holz gehackt

Sergej hatte seit Wochen in den Protestzelten bei den Demonstranten im Zentrum der Hauptstadt ausgeharrt. Der junge Mann stammt aus dem kleinen Dorf Bereznowatiwka, in der Nähe der Millionenmetropole Dnjepropetrowsk in der Ostukraine. Es ist der Teil des Landes, der besonders enge wirtschaftliche Beziehungen zu Russland pflegt. Dort ist Mehrheit gegen eine verstärkte Anbindung an die EU. Sergej war anderer Meinung.

Anfang Dezember hatte er sich ein Bahnticket nach Kiew gekauft, weil er "unbedingt an den Protesten teilnehmen wollte", wie sein Vater Garik ukrainischen Medien erzählt. Er stammt wie Sergejs Mutter aus der umkämpften Region Berg-Karabach in Armenien, beide kamen 1992 in die Ukraine.

Auf dem Unabhängigkeitsplatz half Sergej die Barrikaden zu bewachen und Holz für die Küche zu hacken, von dort aus werden die Regierungsgegner mit Essen versorgt. Im Netz kursieren Bilder von ihm. Ein Foto zeigt Sergej, wie er in türkis-blauer Jacke und mit gelben Helm auf einer Barrikade steht, gezimmert aus Holzteilen und Stacheldraht. Die Aufnahme vom Maidan stammt vom 12. Dezember. (Weitere Bilder sehen Sie hier.)

"Ein Bruder für einen Bruder"

Sergej hatte vor seiner Abreise nach Kiew an einer Fachhochschule Sport in Dnjepropetrowsk studiert. Einen Abschluss machte er nicht, er brach sein Studium ab, arbeitete stattdessen als Wachmann im Supermarkt. Auf dem Maidan stieg er jedoch zu einer kleinen Berühmtheit auf.

Der junge Mann nahm an einem Videoprojekt teil, in dem er das bekannte Gedicht "Der Kaukasus" von Taras Schewtschenko, dem ukrainischen Nationaldichter, zitierte. In einem anderen Film heftete sich Nigojan die ukrainische Fahne auf die Brust, nahm die armenische in die Hand, hob die Faust Richtung Himmel und skandierte: "Für die Ukraine!" In einem anderen Beitrag erklärte er, auf dem Maidan "geht es auch um meine Zukunft".

Einige glauben, dass Sergej ein Anhänger der Armenischen Befreiungsfront gewesen ist. Diese soll seit 40 Jahren für Anschläge in der Türkei und Aserbaidschan verantwortlich sein. Ihr angebliches Ziel: die Gründung eines sogenannten Großarmenien, einschließlich der Berg-Karabach-Region. Sergejs Mitgliedschaft bei der Organisation ist nicht bestätigt. Seine Eltern sagen, ihr Sohn sei nie in Armenien gewesen.

Für die Mehrheit im Internet ist der junge Tote ein "Held", sie feiern ihn als "ersten Märtyrer des Euromaidan". So nennen die Janukowitsch-Gegner den Unabhängigkeitsplatz in Kiew inzwischen. Der Zorn gegen den Präsidenten ist groß. User im russischen Facebook-Ableger VKontakte regen sich besonders über die Brutalität der Sicherheitskräfte auf. Einer schreibt (siehe Screenshot unten): "Ruhm der Ukraine! Ewiges Gedenken an alle, die im Kampf gegen Janukowitschs Hunde gestorben sind! Ruhm den Helden!"

Screenshot von Mario Mario auf der Internetseite VKontakte.ru Zur Großansicht

Screenshot von Mario Mario auf der Internetseite VKontakte.ru

Viele User trauern um die Todesopfer. Eine Userin aus Dniepropetrowsk schreibt zum Tod des Aktivisten (siehe Screenshot unten): "Nigojan Serjoscha. Wir erinnern uns. Wir lieben dich. Wir trauern."

Margo Konstantinova auf Twitter Zur Großansicht

Margo Konstantinova auf Twitter

Auf dem offiziellen Twitter-Account der Regierungsgegner Euromaidan heißt es (siehe Screenshot unten): "Sergej Nigojan: Es ist beeindruckend, wie sich hier alle vereinen. Alle für einen. Und einer für alle. Ein Bruder für einen Bruder."

Twitter-Account der Euromaidan-Anhänger Zur Großansicht

Twitter-Account der Euromaidan-Anhänger

Seit den Nachrichten über die Toten in Kiew haben viele User ihr Profilbild bei VKontakte, Facebook und Twitter gegen ein schwarzes Bild mit blau-gelber Banderole getauscht, die ukrainischen Nationalfarben. Andere zeigen Kerzen in Blau-Gelb.

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1.
Thom-d 24.01.2014
Zitat von sysopAPEr wurde 20 Jahre alt, stammte aus dem Osten der Ukraine: Sergej Nigojan gilt als erstes Todesopfer der Proteste in Kiew. Die Opposition sagt, er sei durch vier Schüsse getötet worden. Im Internet wird der junge Mann jetzt als Held verehrt. http://www.spiegel.de/politik/ausland/proteste-in-kiew-der-erste-tote-vom-maidan-a-945184.html
Fing das nicht auch so in Syrien an, als vom Ausland bezahlte Agenten in die Menge schoßen und die Sicherheitskräfte dafür verantwortlich machten?
2. Von 4 Schüssen getroffen ?
feuerwehrmann720 24.01.2014
Seit wann arbeiten Scharfschützen mit Schnellfeuerwaffen ?
3.
Malshandir 24.01.2014
Gummigeschosse auf Kopf oder Hals sind auch tödlich. man kann dieses ja einmal an den Polizisten, die gemordet haben demonstrieren, wenn sie meinen gummigeschosse sind harmlos.
4. Es ist eine Schande
barzussek 24.01.2014
das sich unsere Kanzlerin nur mit einer "Warnung"an die ukrainische Regierung wendet und auch von Sanktionen die Rede ist.Warum pfeift man den Klitschko und seine konsorten nicht auch zurück. Die Ukrainische Regierung wurde ordentlich gewählt man kann dazu stehen wie man will aber wenn eine gewählte Regierung vom Strassenpöbel einfach gestürzt werden darf dann sind wir von afrikanischen Zuständen nicht mehr weit weg.Dort lassen sich Gangster auch so was einfallen.
5. Hä?
engländer82 24.01.2014
Wie kommen sie von 4 Treffern auf Schnellfeuerwaffen?
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Fläche: 603.700 km²
(inklusive der Krim, die seit 2014 von Russland annektiert ist)

Bevölkerung: 45,363 Mio.

Hauptstadt: Kiew

Staatsoberhaupt:
Petro Poroschenko

Regierungschef: Volodymyr Hroisman

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