Protestwelle in Ägypten: US-Bürger bei Straßenkämpfen in Alexandria erstochen

Demonstrationen in Ägypten: Mursi-Anhänger gegen Mursi-Kritiker Fotos
AP/dpa

Eine Großdemonstration soll erst Sonntag stattfinden, doch schon am Freitag protestierten in Ägypten Zehntausende gegen Staatspräsident Mursi. Bei Zusammenstößen zwischen Liberalen und Islamisten in Alexandria ist ein US-Amerikaner erstochen worden, ein Ägypter kam ebenfalls ums Leben.

Kairo - Zehntausende Ägypter sind am Freitag auf die Straße gegangen, um den Rücktritt des islamistischen Präsidenten Mohammed Mursi zu fordern. Ihre Proteste waren ein Vorgeschmack auf die für Sonntag geplanten Großkundgebungen der Opposition. In der Hafenstadt Alexandria gab es gewaltsame Zusammenstöße zwischen Anhängern und Gegnern der regierenden Islamisten. Dabei kamen zwei Menschen ums Leben, Dutzende wurden verletzt. Ein Büro der Partei der Muslimbrüder, denen Mursi entstammt, ging in Flammen auf.

Nach Angaben der Sicherheitskräfte ist einer der Getöteten ein US-Amerikaner, der gerade Demonstranten fotografierte, als ihn ein zunächst nicht identifizierter Mann mit einem großen Messer in die Brust stach. General Amin Esseddin sagte, der US-Bürger sei schwer verletzt in ein Militärkrankenhaus gebracht worden und dort gestorben. Bei dem Mann handle es sich um einen 21-jährigen Fotoreporter, berichtet die Nachrichtenagentur AFP. Er habe für das US-Kulturzentrum in der Stadt gearbeitet, schrieb die Agentur unter Berufung auf den General.

Bei der Massenschlägerei im Stadtteil Sidi Gaber war zuvor bereits ein Ägypter getötet worden. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge starb der Mann an Schussverletzungen.

Grund für die Auseinandersetzungen ist das einjährige Regierungsjubiläum von Präsident Mursi, der 2012 bei der ersten freien Präsidentschaftswahl mit knapper Mehrheit gewählt worden war. Eine Protestbewegung will am Sonntag, dem Jahrestag seiner Vereidigung, mehr als 20 Millionen Unterschriften von Bürgern übergeben, die seine Absetzung und Neuwahlen fordern.

Bei den Zusammenstößen in Alexandria setzte die Polizei Tränengas ein, um die Massenschlägerei zu beenden, während die Kontrahenten mit Steinen und Stöcken aufeinander losgingen. Die Muslimbruderschaft zählte unter ihren Anhängern 36 Verletzte. Ärzte in der Hafenstadt berichteten am Freitag, sie hätten 22 Demonstranten behandelt.

In Kairo versammelten sich Tausende Kritiker Mursis auf dem Tahrir-Platz und vor der sunnitischen al-Ashar-Universität in Kairo sowie an anderen Orten in der Hauptstadt. "Rücktritt", skandierten die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz, der sich in den Abendstunden weiter füllte.

Mursis Unterstützer kamen vor der Moschee Rabaa al-Adawija im Viertel Nasr in der Hauptstadt zusammen. Dort sammelten sich etwa 20.000 Menschen. Mehrere Redner warfen der Protestbewegung vor, sie werde "aus dem Ausland unterstützt, von Staaten, die nichts Gutes für Ägypten wollen". Sie betonten, Mursi werde nicht vor Ende seiner vierjährigen Amtszeit zurücktreten.

Die neue Protestbewegung gegen den Staatschef nennt sich Tamarud, was Rebellion bedeutet. Die meisten Oppositionsparteien haben sich ihr angeschlossen. Ihren Protestaufruf sollen in den vergangenen Wochen angeblich 20 Millionen Ägypter unterzeichnet haben - das wäre fast jeder vierte Bürger. Mursi hatte kurz vor dem ersten Jahrestag seiner Amtsübernahme zwar Fehler eingeräumt, sich aber entschlossen gezeigt, an seinem Kurs festzuhalten. Erst in der vergangenen Woche hatte er mit der Ernennung neuer Provinzgouverneure die liberale Opposition verärgert.

Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International und die Vereinigung Reporter ohne Grenzen stellen Mursi ein schlechtes Zeugnis aus. Alexia Knappmann von Amnesty erklärte: "In einigen Bereichen hat sich die Menschenrechtslage im ersten Amtsjahr von Mohammed Mursi sogar verschlechtert." Folter und Misshandlung von Festgenommenen seien weiter an der Tagesordnung. Die Schuldigen gingen straffrei aus.

fab/AFP/dpa/Reuters

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Auf dem zweiten Bild der Fotostrecke...
genova68 28.06.2013
... sind garantiert mehr als die von Ihnen gemeldeten 20.000 Demonstranten zu sehen. 200.000 kommt der Wahrheit wohl näher. Welche Quelle haben Sie denn?
2. Zeigt euch ...
Pinsel 28.06.2013
Ja, komm Islam, zeig dein Gesicht!
3. optional
egyptwoman 28.06.2013
gott bewahre Ägypten vor noch weiteren 4 Jahren Mursi und MB, solange wird es Ägypten nämlich nicht aushalten, in spätestens 1 Jahr liegt es unter der Regierung dann endgültig am Boden.
4. Geniale US - Taktik
Vanagas 28.06.2013
Zitat von sysopEine Großdemonstration soll erst Sonntag stattfinden, doch schon am Freitag demonstrieren in Ägypten Zehntausende gegen Staatspräsident Mursi. In Alexandria starb ein Mann bei Zusammenstößen zwischen Liberalen und Islamisten, Dutzende wurden verletzt. Protestwelle gegen Mursi rollt in Ägypten an - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/ausland/protestwelle-gegen-mursi-rollt-in-aegypten-an-a-908489.html)
Geniale US - Taktik . Die Muslime machen sich gegenseitig fertig . Chapeau , Amerika !
5. auch ne Ausländerin
biggigensler 28.06.2013
Leider sind wir in Deutschland auch nicht sooooo frei. ABER dieses Volk bewegt sich erst auf der Freiheitstufe wie bei uns vor Jahrzehnten. Sehr bedauerlich.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Ausland
RSS
alles zum Thema Ägypten
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 54 Kommentare