Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Protokoll des Protesttages: Wüste Schlachten auf Kairos Straßen

In der Hauptstadt kam es zu blutigen Ausschreitungen. Das Auswärtige Amt gab erstmals eine Reisewarnung für die Metropolen Kairo, Alexandria und Suez heraus. Husni Mubarak lehnte seinen Rücktritt in einem US-TV-Interview ab. Lesen Sie die Ereignisse des Tages im Minutenprotokoll nach.

Aufstand in Ägypten: Chaos und Gewalt in Kairo Fotos
AP

+++ Angespannte Ruhe über Kairo +++

[00.02] Auf dem Tahrir-Platz bleibt es ruhig. Viele Demonstranten schlafen hinter den Barrikaden. Über Twitter verbreiten Augenzeugen die Nachricht, dass einige Panzer der ägyptischen Armee den Platz langsam verlassen. In den Abendstunden waren noch hin und wieder einzelne Schüsse zu hören. Inzwischen hat sich die Lage offenbar entspannt. Am Freitag ist jedoch mit neuen Protesten und Zusammenstößen von Regierungsgegnern und Anhängern des Mubarak-Regimes zu rechnen.

+++ Schafik will friedliche Proteste nicht behindern +++

[23.15] Am Freitag werden in Kairo wieder hunderttausende Demonstranten erwartet. Laut Ägyptens Regierungschef Ahmed Schafik ist das Innenministerium angewiesen, friedliche Proteste nicht zu behindern. Dies erklärte Schafik im ägyptischen Staatsfernsehen.

+++ Ban und Wulff appellieren an Ägyptens Führung +++

[22.49] Bundespräsident Christian Wulff und UN-Generalsekretär Ban Ki Moon haben einen politischen Neuanfang in Ägypten gefordert. Es müsse bald eine verfassungsgebende Versammlung geben, sagte Wulff am Donnerstagabend nach einem Treffen mit Ban in Berlin. Die Internationale Gemeinschaft erwarte von der Führung in Kairo, dass die Gewalt gegen friedliche Demonstranten und Journalisten aufhöre. Nach Bans Worten sind die Vereinten Nationen bereit, der ägyptischen Führung zu helfen, wenn sich schnell ein Wandel durch Wahlen abzeichne. Das Vorgehen gegen die Demonstranten sei "inakzeptabel und katastrophal".

+++ Handystrom von der Straßenlaterne +++

[22.29] Die TV-Sender liefern kam noch aktuelle Bilder vom Tahrir-Platz - dafür erlaubt der Twitter-Eintrag eines ägyptischen Journalisten Einblicke in die Situation in der Hauptstadt. "Hunderte Menschen schlafen dicht an dicht auf dem Rasenstück in der Mitte des Platzes", schreibt Sharif Kouddous. Die Notlage hat einige der Demonstranten offenbar erfinderisch werden lassen. "Die Leute haben die Straßenlaternen angezapft und laden so ihre Mobiltelefone", so Kouddous.

+++ Clinton nennt Attacken gegen Reporter "nicht hinnehmbar" +++

[22.20] Auch am Donnerstag sind in Kairo zahlreiche Journalisten festgenommen und verletzt worden. US-Außenministerin Hillary Clinton hat diese jüngsten Angriffe scharf verurteilt. Die Verstöße gegen die Pressefreiheit seien "nicht hinnehmbar", sagte die Politikerin am Donnerstag. Außerdem drängte sie auf rasche Gespräche zwischen Regierung und Opposition. Die Regierung müsse "sofort ernsthafte Verhandlungen für einen friedlichen Übergang" beginnen.

+++ Auswärtiges Amt warnt vor Reisen nach Kairo, Alexandria und Suez +++

[21.59] Das Auswärtige Amt in Berlin hat erstmals Reisewarnungen für Ägypten herausgegeben. Wie die Behörde am Donnerstagabend in Berlin mitteilte, wird vor Reisen nach Kairo, Alexandria und Suez gewarnt. "Von Reisen in die übrigen Landesteile einschließlich der Urlaubsgebiete am Roten Meer wird weiterhin dringend abgeraten", hieß es.

Deutschen Staatsangehörigen in Ägypten wird geraten, die Ausgangssperre strikt zu beachten und möglichst auch außerhalb der Sperrzeiten in sicheren Unterkünften zu bleiben. Dies gilt besonders am Freitag, wenn weitere schwere Ausschreitungen befürchtet werden.

Darüber hinaus empfiehlt das Auswärtige Amt, eine Ausreise aus Kairo, Alexandria und Suez ernsthaft in Erwägung zu ziehen, sofern dies sicher möglich sei. Dazu sollten die Angebote der Fluggesellschaften genutzt werden. Der Mitteilung zufolge berät die deutsche Botschaft in Kairo Ausreisewillige und organisiert nach Möglichkeit gesicherte Konvois zum Flughafen.

+++ CIA warnte bereits 2010 vor Lage in Ägypten +++

[21.38] Der US-Geheimdienst hat die Regierung in Washington offenbar schon vor längerer Zeit auf die instabile Situation in Ägypten hingewiesen. "Es hat Warnungen gegeben. Aber wir wussten nicht, was letztlich der Auslöser sein würde", sagte Stephanie O'Sullivan, Mitarbeiterin des US-Geheimdiensts CIA vor dem Senat. Demnach hätte es bereits Ende 2010 besorgniserregende Berichte aus der Region gegeben.

+++ Vermisster schwedischer Reporter verletzt im Krankenhaus +++

[21.20] Der in Kairo als vermisst gemeldete Reporter des schwedischen Fernsehsenders SVT ist wieder aufgetaucht - allerdings misshandelt und durch Messerstiche schwer verletzt. Wie SVT am Donnerstagabend in Stockholm berichtete, wurde der Korrespondent Bert Sundström in ein Krankenhaus der ägyptischen Hauptstadt gebracht. Sein Zustand sei "stabil". Sundström hatte von Demonstrationen in der Innenstadt berichten wollen und war dann verschwunden.

Bei einem Anruf der Heimatredaktion meldete sich von seinem Handy ein arabisch sprechender Mann und sagte: "Euer Mann ist bei der Armee. Wenn ihr Hurensöhne ihn zurückhaben wollt, müsst ihr kommen und ihn euch holen." Deshalb war eine Entführung befürchtet worden. Der Sender nannte am Abend keine weiteren Einzelheiten.

Auch die Reporter der "Washington Post", die am Tag von Sicherheitskräften festgenommen worden waren, sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. Leila Fadel and Linda Davidson wurden am Abend freigelassen, über den Verbleib ihres Dolmetschers und ihres Fahrers konnten sie jedoch keine Angaben machen.

+++ Mubarak: "Ohne mich versinkt das Land im Chaos" +++

[20.50] Auf den Straßen Kairos schlagen Mubarak-Anhänger ausländische Journalisten zusammen. Doch der ABC-News-Journalistin Christiane Amanpour ist es dennoch gelungen, zu Präsident Husni Mubarak durchzudringen. In einem 30-minütigen Interview schildert Mubarak seine ganz eigene Sicht der Dinge. Laut ABC habe er genug von seinem Amt, könne aber nicht zurücktreten. Als Grund gab er an, sein Land würde nach einem solchen Schritt im Chaos versinken. Außerdem zeigte sich Mubarak bestürzt über die Gewalt in der Hauptstadt. Seine Regierung trage jedoch keine Verantwortung. Stattdessen gab er der Muslimbruderschaft die Schuld an den Ausschreitungen. "Ich war gestern sehr unglücklich. Ich will nicht, dass sich Ägypter gegenseitig bekämpfen", so Mubarak weiter.

+++ Neue Gewalt am Freitag befürchtet +++

[20.33] Im Moment beruhigt sich die Lage in Kairo etwas - doch schon am Freitag rechnen Beobachter mit weiteren schweren Unruhen. Die USA haben deshalb erneut an die ägyptische Regierung appelliert, die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen. "Ich denke nicht, dass es sich bei den Ausschreitungen um zufällige Ereignisse handelt", sagte P.J. Crowley, Sprecher des US-Außenministeriums. Besonders die zunehmende Gewalt gegen Journalisten werde mit Sorge beobachtet, so Crowley weiter. Unter den festgenommenen Reportern soll sich laut "Time"-Magazin auch Lara Logan, leitende Auslandskorrespondentin beim US-Sender CBS News, befinden.

+++ Reporter ohne Grenzen: Bestürzung über Jagd auf Journalisten +++

[20.24] Die blutigen Unruhen in Ägypten sind gefährlich - auch für Journalisten. Die Organisation Reporter ohne Grenzen zeigt sich in einer aktuellen Pressemitteilung bestürzt über die Ereignisse in Kairo. "Die Liste der Misshandlungen von Journalisten durch Anhänger von Präsident Hosni Mubarak wird von Stunde zu Stunde länger", so der Generalsekretär der Organisation, Jean-François Julliard. Es handle sich eindeutig um systematische und konzertierte Aktionen zur Verfolgung der Journalisten. Es ginge dem Regime jetzt darum, Kairo von ausländischen Pressevertretern frei zu machen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 388 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Teuflischer Schachzug....
proximus1977 03.02.2011
...des im Sterben liegenden Regimes, ihre Sicherheits- und Geheimdienstkräfte in Räuberzivil schlüpfen zu lassen und eine Eskalation der friedlichen Proteste zu bewirken. Ein Armutszeugnis das dieses doch sehr offensichtliche Vorgehen eines Diktators nicht von den Medien erkannt wird. Der ägyptische Diktator war im Hintergrund sehr aktiv die letzten Tage. Das Militär hat er teilweise wieder auf seine Seite (nach wahrscheinlich großzügigen Zuwendungen an entsprechende Schlüsselpositionen - eine naheliegende Vermutung) und seine Sicherheitskräfte hat er in Form von (angeblichen) Regierungssympatisanten in die Stadt zurückkehren lassen um dort für eine Eskalation der Lage zu sorgen mit größstmöglichsten Chaos um die Legitimation der Demonstration in Frage zu stellen somit für drastischere Maßnahmen und strikteres Vorgehen moralisch und international verantworten zu können. Wie gesagt...sehr, sehr clever der alte Diktator. ;( Mein Resümee...Umsturz ade in Ägypten. Die internationalen Verbündeten werden diese Entwicklung nicht gerade bedauern. Im Gegenteil...ein Unterstützung einiger westlicher Geheimdienste (ohne Staaten nennen zu wollen) halte ich sogar für gut möglich.
2. Chapeau
loetilein 03.02.2011
Meine ganze Bewunderung gilt dem Ägyptischen Volk. Ihr Mut und die Etschlossenheit ist zu bewundern. Gleichzeitig wird die ganze Verlogenheit und das gefasel von "freiheitlichen Demokratien" als blanke Hülse entlarft. Leider mußte es in Kairo zur Gewalt kommen, es ist die einzigste Sprache, welche von Politilern weltw3eit verstanden wird, und somit alternativlos. Von Ägypten lernen heißt siegen.
3. Live ticker sieht anders aus
sir.viver 03.02.2011
Zitat von sysopIn der Nacht ist die Gewalt in Kairo wieder eskaliert: Anhänger von Präsident Mubarak schossen auf Demonstranten, laut al-Dschasira wurden mindestens fünf Menschen getötet. Trotzdem strömen wieder Hunderte auf den Platz der Befreiung. Verfolgen Sie die Ereignisse im Liveticker. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,743250,00.html
Auf MSNBC MSN wurde die News schon vor Stunden gebracht http://www.msnbc.msn.com/id/41399519/ns/world_news-mideastn_africa/?gt1=43001
4. Gehn wie ein Eeegypteer
kundennummer 03.02.2011
Hoffentlich auch bald anderswo. Das tosende Schweigen von grün-links zum Befreiungskampf der Ägypter spricht für sich. Wo weilen denn die sonst unvermeidbaren Spitzengrünen Claudia/Cem oder "der Frank-Walter" oder der linke NOTAR Gysi? Gefällt wohl nicht wenn es ein sozusagen unparteiischer Umsturz ist. Das Links-Rechts-Spektakel hat in Dtl. eben genauso fertig wie in den USA.
5. ...
Dirk Ahlbrecht, 03.02.2011
Zitat von loetileinMeine ganze Bewunderung gilt dem Ägyptischen Volk. Ihr Mut und die Etschlossenheit ist zu bewundern. Gleichzeitig wird die ganze Verlogenheit und das gefasel von "freiheitlichen Demokratien" als blanke Hülse entlarft. Leider mußte es in Kairo zur Gewalt kommen, es ist die einzigste Sprache, welche von Politilern weltw3eit verstanden wird, und somit alternativlos. Von Ägypten lernen heißt siegen.
Na, loetilein, da werfen Sie doch einiges durcheinander - dies wohl mit Absicht. Freiheitliche Demokratien gibt es, dies hat aber mit Ägypten aktuell nichts zu tun. Ägypten, und dies wäre sehr schön, will sich auf den Weg dorthin machen. Das dieser Weg beschwerlich und bisweilen gefährlich ist, sehen wir gerade in Ägypten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Fotostrecke
Ägypten: Blutige Schlacht in Kairo

Fläche: 1.009.450 km²

Bevölkerung: 85,783 Mio.

Hauptstadt: Kairo

Staatsoberhaupt:
Abdel Fattah el-Sisi

Regierungschef: Sherif Ismail

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Ägypten-Reiseseite


Ägypten-Debatte auf Twitter


mehr über SPIEGEL ONLINE auf Twitter...

Hilfe für Ägypten-Urlauber
Deutsche Vertretungen
Krisenstab des Auswärtigen Amts: 030-50003000

Deutsche Botschaft in Kairo
Telefon: (0020 2) 27 28 20 00
Bereitschaftsdienst in dringenden Notfällen: 012 213-6538
Honorarkonsulat in Alexandria: (002-03) 486-7503
Honorarkonsulat in Hurghada: (002-065) 344-3605, (002-065) 344-5734
Hotlines der Reiseveranstalter
TUI: 0511-567 8000 (9 bis 20 Uhr)
Neckermann Reisen und Thomas Cook: 06171-65 65 190
Bucher Reisen: 06171-65 65 400
Air Marin: 01805-36 66 36
Öger Tours: 01805-24 25 58
Condor: 01805-767757
Rewe (ITS, Jahn Reisen, Tjaereborg, Condor): 02203-42 800
FTI: 0800-2525444 (9 bis 22 Uhr)
5vorFlug: 0800-2525113 (9 bis 20 Uhr)
L'tur: 0800-21 21 21 00 (8 bis 24 Uhr)

Fluggesellschaften
Lufthansa: Sonder-Telefonnummer, unter der Flüge ausschließlich ab Kairo gebucht werden können +49-30-50570341

Ab sofort können freie Plätze auf Flügen von Air Berlin und Condor von Scharm el-Scheich, Hurghada und Marsa Alam nach Deutschland gebucht werden.
Air Berlin: www.airberlin.com oder per Telefon unter +49-1805-737 800
Condor: www.condor.com oder per Telefon unter +49-180-5767757
Karte

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: