Protokoll eines Protesttages So demonstrierten Millionen gegen Mubarak

Es waren die größten Proteste, die Ägypten in der Amtszeit von Präsident Husni Mubarak erlebt hat. Am Dienstag gingen allein in Kairo mehrere Millionen Demonstranten gegen seine Herrschaft auf die Straße. Lesen Sie die wichtigsten Ereignisse des Tages im Minutenprotokoll nach.


+++ Obama wendet sich an Demonstranten +++

[01.07] Obama sprach nur wenige Minuten, aber seine Worte dürften die Demonstranten in Ägypten bestärken. Der US-Präsident richtete sich explizit an die ägyptische Bevölkerung, insbesondere an die jungen Ägypter: "Wir hören eure Stimmen." Die enormen Demonstrationen hätten ein neues Kapitel in der Geschichte Ägyptens eröffnet.

+++ US-Präsident: Veränderung bedeutsam, friedlich und sofort +++

[00.55] Die USA haben bisher immer betont, dass sie einen "geordneten Übergang" von der Ära Mubarak zur Nachfolgeregierung wollen. Diese Formulierung ließ viel Interpretationsspielraum. Obamas Rede bringt nur ein wenig mehr Klarheit. Obama sagte, die USA stünden für drei zentrale Prinzipien:

  • Keine Gewalt: Er lobte die ägyptische Armee, weil sie gegenüber den Demonstranten friedlich geblieben sei. Er mahnte das Militär dazu, seine Bemühungen fortzusetzen, diese Zeit der Veränderung friedlich zu halten.
  • Universell gültige Werte: Dazu gehörten die Versammlungsfreiheit, die Meinungsfreiheit und die Informationsfreiheit.
  • Die Notwendigkeit der Veränderung: Er habe nach Mubaraks TV-Ansprache mit dem ägyptischen Präsidenten gesprochen. Dieser sei sich bewusst, dass die jetzige Situation nicht haltbar sei. Obama sagte, er habe deutlich gemacht, dass ein geregelter Übergang bedeutsam und friedlich sein und sofort beginnen müsse. Ziel müssten freie und faire Wahlen sein.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur AP ging Obama nicht auf die Frage eines Journalisten ein, ob Mubarak sofort zurücktreten solle anstatt die Wahlen im September abzuwarten.

+++ Obamas Rede lässt sich auf sich warten +++

[00.28] Obamas Wort hat für Ägypten Gewicht - politisch und finanziell. Die USA geben Ägypten jährlich 1,5 Milliarden Dollar. Obamas Rede verzögert sich - die "New York Times" berichtet allerdings, dass es nur noch wenige Minuten dauern wird, bis der US-Präsident vor die Öffentlichkeit tritt.

+++ Obama äußert sich in Kürze +++

[00.17] Nach übereinstimmenden Berichten mehrerer Medien wird sich US-Präsident Barack Obama in wenigen Minuten zu Mubaraks Rede äußern. Laut "New York Times" hat Obama die TV-Ansprache mit seinen außenpolitischen Beratern im Weißen Haus verfolgt. Die Nachrichtenagentur Reuters berichtet, dass Obama und Mubarak sich telefonisch Dienstagabend eine halbe Stunde lang unterhalten haben. Worüber sie genau gesprochen haben, ist unbekannt. Vielleicht gibt Obamas Rede darüber Aufschluss.

+++ Mubaraks Anhänger machen sich in Kairo bemerkbar +++

[00.02] Auf dem Tahrir-Platz in Kairo bereiten sich viele Demonstranten darauf vor, dort die Nacht zuzubringen. Ein Reporter von al-Dschasira berichtet, dass Personen auf Motorrädern und Fußgänger die Szene betreten und schreien: "Wir lieben Husni!" Laut al-Dschasira sind die Soldaten auf und um den Platz in Alarmzustand - sie wollen offenbar verhindern, dass es auch in Kairo zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Gegnern und Anhängern Mubaraks gibt. Auch ein Korrespondent des Nachrichtensenders al-Arabija berichtet laut BBC, dass Mubarak-Anhänger auf dem Weg zum Tahrir-Platz sind. Zudem meldet der britische Sender, dass in der Stadt Port Said Männer in Zivil mit Waffen Demonstranten angriffen, nachdem sich die Armee von den Straßen zurückgezogen hatte.

+++ ElBaradei nennt Mubaraks Rede Trick zur Machterhaltung +++

[23.45] Der führende Oppositionelle und Friedensnobelpreisträger Mohamed ElBaradei glaubt nicht, dass Präsident Mubarak den Forderungen der Demonstranten weit genug entgegengekommen ist. Mubaraks Schritte seien "ein Trick", um an der Macht zu bleiben, sagte ElBaradei CNN. Die Äußerungen des ägyptischen Präsidenten seien "offensichtlich ein Akt der Täuschung" durch eine "Person, die nicht loslassen will, einen Diktator, der nicht die klare Stimme des Volkes hören will". Laut dem TV-Sender deuten ElBaradeis Aussagen darauf hin, dass er überlegt, im September bei den Präsidentschaftswahlen anzutreten. Allerdings sei dies nicht sein Fokus. Laut CNN würde ElBaradei einen sofortigen Rücktritt Mubaraks und die Übergabe der Macht an eine provisorische Regierung bis zur Wahl bevorzugen.

+++ Warnschüsse bei Ausschreitungen in Alexandria +++

[23.24] In Alexandria gibt es auf dem Mahatit Masr-Platz gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen Mubarak-Gegnern und Anhängern des Präsidenten. Die Gruppen gehen mit Fäusten aufeinander los und Werfen mit Steinen. Auf TV-Bildern von al-Dschasira ist ein gepanzertes Armee-Fahrzeug ist zu sehen, das versucht, die Kämpfenden zu trennen. Eine al-Dschasira-Reporterin vor Ort berichtet, dass mehrmals Schüsse gefallen seien - offenbar Warnschüsse in die Luft, um die Kämpfe aufzulösen. Auf dem Platz herrsche "Panik".

+++ Proteste in Alexandria +++

[23.12] In Alexandria sind die Reaktionen auf Mubaraks Rede offenbar genauso wie in Kairo. Eine Mitarbeiterin von al-Dschasira berichtet, Mubaraks Worte seien mit Schmähungen bedacht worden.

+++ US-Offizielle schreiben Mubarak ab +++

[22.50] Hat sich Husni Mubarak mit seiner Rede Luft verschafft? Wohl eher nicht. Nach Angaben der BBC sind hochrangige US-Offizielle skeptisch. Mubaraks Aussagen und Zugeständnisse seien "zu wenig, zu spät". Dieses Urteil scheint nicht zu hart, wenn man die Reaktionen der Demonstranten sieht. "Er hat uns 30 Jahre lang gedemütigt, jetzt wollen wir ihn demütigen", sagt ein Demonstrant auf dem Tahrir-Platz dem "Telegraph".

+++ Oppositionelle lehnen Mubaraks Vorschläge ab +++

[22.38] Der ägyptische Oppositionelle George Ishak sagt der BBC: "Wir sind sehr enttäuscht und wütend." Man habe klare Forderungen und und Mubarak habe sie alle abgelehnt. Der Präsident müsse jetzt gehen. "Ich fürchte mich, was nun geschehen wird." Auch die oppositionelle ägyptische Jugendbewegung 6. April lehnt einen politischen Kompromiss mit Mubarak ab. Verhandlungen zwischen Regierung und Opposition scheinen erst möglich, wenn Mubarak nicht mehr im Amt ist.

+++ Mubarak: Präsidenten-Amtszeit soll begrenzt werden +++

[22.22] Mubarak will offenbar die Verfassung so ändern, dass die Amtszeit des Präsidenten begrenzt wird und die strikten Regeln für die Zulassung von Kandidaten gelockert werden.

+++ Demonstranten reagieren enttäuscht +++

[22.20] Die Menschen auf Kairos Tahrir-Platz reagieren enttäuscht und wütend auf Mubaraks Rede. Tausende halten einen Schuh empor, ein Zeichen ihrer Verachtung für den Staatschef, berichtet SPIEGEL-ONLINE-Reporter Matthias Gebauer. Erneut skandieren sie Parolen: "Hau ab, Hau ab!". Oder: "Das ist nicht genug, das ist nicht genug!" Besonderen Ärger löste Mubaraks Satz aus, dass er in Ägypten sterben werde - und damit dem Wunsch seiner Gegner nach einem schnellen Gang ins Exil nicht entsprach. Das wurde als arrogantes Verhalten ausgelegt.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
larissaprima 01.02.2011
1. Chance und Gefahr zugleich
Zitat von sysopDieser Dienstag könnte der Tag der Entscheidung*werden: Mit einem Massenaufmarsch will Ägyptens Opposition Diktator Husni Mubarak aus dem Amt jagen. Tausende haben sich bereits in Kairo versammelt. Verfolgen Sie die Ereignisse im Liveticker. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742809,00.html
Der Aufstand birgt sowohl gute Chancen auf eine friedliche Lösung zum Wohle der ägyptischen Bevölkerung und zum Wohle der Welt, aber er birgt auch große Gefahren. Ich hoffe, dass die, die die Möglichkeiten dazu haben werden, sich der drohenden Gefahr bewusst sind und die sich bietenden Chacncen ergreifen werden.
diaula 01.02.2011
2. Eine Million Euro ist viel, eine Million Menschen auch
Zitat von sysopDieser Dienstag könnte der Tag der Entscheidung*werden: Mit einem Massenaufmarsch will Ägyptens Opposition Diktator Husni Mubarak aus dem Amt jagen. Tausende haben sich bereits in Kairo versammelt. Verfolgen Sie die Ereignisse im Liveticker. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,742809,00.html
"Tausende", da ist aber noch ein weiter Weg zur Million.
sorata 01.02.2011
3. Wessen Demokratie?
Diese Präpotenz, mit der die USA und England, immer wieder den Begriff Demokratie mit Beliebigkeit versalzen, frappiert mich immer wieder. Das Wahlrecht in den USA ist keinesfalls demokratisch,weil fast 35% der in den USA lebenden Bürger überhaupt kein Wahlrecht haben und eine in Delaware abgegebene Stimme zig-fache Stimmen in Kalifornien oder New York aufwiegt.Fast alle Abgeordneten im britischen Unterhaus kamen dort mit Minderheiten, gemessen an der Anzahl der Stimmen in ihren Wahlbezirken, hin. Diese Pseudo-Demokraten wollen nun also den Ägyptern Nachhilfe in Sachen Demokratie geben, obwohl nun jeder weiß, dass sich Mubarak ohne diese beiden Zuhälter nie hätte halten können. Wenn man die Suez-Krise bedenkt,sind die Engländer besonders frivol und schamlos. Der CNN brachte ein Interview mit Blair, was an Unerträglichkeit nicht zu überbieten war. Persönlich glaube ich nicht, dass Mubarak morgen noch präsidialer Diktator ist.Aber die anschließende, politische Gestaltung ihres Landes sollten wir doch lieber lieber den Ägyptern überlassen,denn dafür haben sie jetzt gekämpft und unter Mubarak lange genug gelitten.
senn-heist-er 01.02.2011
4. so so...
...und dann wird alles besser? Aha. Die Geschichte hat uns eins gelehrt. Jede "Revolution" war gesteuert, geplant und gelenkt. Die Bilder in der Presse zeigen nur nützliche Idioten. Wer da wieder die Finger drin hat....hmmmm....
Walther I. 01.02.2011
5. Hihi...
Zitat von diaula"Tausende", da ist aber noch ein weiter Weg zur Million.
das hofft Frau Merkel auch für Berlin
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