Protokolle aus dem Terrorknast: Die Kindersoldaten von Guantanamo

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Vernehmungsprotokolle aus Guantanamo zeigen: Selbst minderjährige Insassen waren im umstrittenen US-Gefangenenlager vor Willkür nicht sicher. Die Anklagen stützten sich oft auf mündliche Berichte von Dritten - und sogar offensichtlich Unschuldige mussten lange auf ihre Freilassung warten.

Wachmann in Guantanamo: Auch Minderjährige jahrelang in Haft Zur Großansicht
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Wachmann in Guantanamo: Auch Minderjährige jahrelang in Haft

Die Akte liest sich wie die Beschreibung einer Kampfmaschine. Der Gefangene mit der Nummer US9CA-000766DP sei bestens geschult, während der Ausbildung in Afghanistan habe er gelernt, Minen detonieren und Bomben hochgehen zu lassen. Sogar so, "dass sie per Fernsteuerung gezündet werden können".

Und der Mann habe seine Fähigkeiten auch eingesetzt, so ist in seiner Gefahreneinschätzung durch US-Verhörspezialisten im Gefangenenlager Guantanamo nachzulesen, welche die Enthüllungsplattform WikiLeaks mit 778 weiteren Insassenakten publik gemacht hat - und die dem SPIEGEL vorliegt.

"Der Häftling gibt zu, mehrmals an Minen-Aktionen und Angriffen auf US-Truppen teilgenommen zu haben", heißt es. Mit einer Granate soll er sogar einen amerikanischen Soldaten getötet haben.

Einsicht zeige der Kämpfer nicht, ihm fehle "jede echte Reue für die Tötung des Soldaten". Im Gegenteil, in der Guantanamo-Haft werde er ständig feindseliger. "Extremistischen islamischen Werten bleibt er nach wie vor treu."

Alles klingt nach einem hartgesottenen Dschihadisten. Mit einer Ausnahme, dem Geburtsdatum: 19. September 1986. Der "Mann" ist 17 Jahre alt.

Der 16-Jährige "versteht die Schwere seiner Taten"

Es ist die Akte eines Kindersoldaten, die Akte von Omar Ahmed Chader. Dessen Vater, so ist darin auch zu lesen, steht Qaida-Chef Osama Bin Laden nahe - und habe seinen Sohn "ermutigt", schon als Teenager nach Afghanistan zu reisen, um sich am Kampf gegen die USA zu beteiligen.

Die Behandlung von Chader beeinflusst all das nicht. Seine amerikanischen Aufseher schreiben kühl: "Obwohl der Insasse zum Zeitpunkt seiner Reise nach Afghanistan erst 16 Jahre alt war, versteht er die Schwere seiner Taten." Ihre Empfehlung vom 22. Dezember 2003 lautet: in Haft behalten.

Bis heute, mehr als sieben Jahre später, hat sich daran nichts geändert. Im August 2010 wird Chader schließlich vor ein Militärgericht in Guantanamo gestellt; um nicht zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt zu werden, soll er einem Deal zustimmen. Er wird wie ein Erwachsener behandelt - obwohl er sein Geständnis widerrufen hat und US-Verhörbeamten Folter vorwirft. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass er auch noch seinen 25. Geburtstag im Lager verbringt.

Die amerikanische Sicht der Dinge ist dabei immer dieselbe und äußerst schlicht: Chader wurde vielleicht als Minderjähriger inhaftiert, ist aber für das US-Verteidigungsministerium ein "enemy combatant", ein feindlicher Kämpfer.

Dürftige Beweise, jahrelange Haft

Die Fallbeschreibung enthüllt einen der traurigsten Aspekte der vielen traurigen Geschichten rund um das US-Gefangenenlager. Wie die "Assessments" der Insassen nun zeigen, werden zahlreiche Personen, die zur Zeit der angeblichen Tat minderjährig waren, in Guantanamo festgehalten - oft nur aufgrund von "hearsay evidence", mündlichen Aussagen von Dritten, die wohl vor keinem Gericht Bestand hätten.

So ist es auch im Fall von Jusef Abkir Salih al-Qarani, Häftlingsnummer US9CD-000269DP. Geboren ist er in Saudi-Arabien, seine Eltern kommen aus dem Tschad, dessen Staatsbürgerschaft er besitzt. Qarani wird in den Geheimprotokollen als "Qaida-Selbstmordattentäter" bezeichnet, mit engen Kontakten zu zwei Saudi-Arabern, die einen Selbstmordanschlag im eigenen Land durchführen wollten.

Das ist nicht alles: Der Häftling, so heißt es weiter, sei auch mit einer Gruppe von Taliban-Kämpfern in Pakistan gefangengenommen worden, die aus Tora Bora entkommen seien - dem Höhlenkomplex in Afghanistan, aus dem Osama Bin Laden Ende 2001 die Flucht vor US-Truppen gelang. Ein "hohes Risiko" stelle der Häftling dar, heißt es kategorisch.

Allein, die Beweise sind spärlich.

  • In Qaranis Gepäck fanden sich Briefe an Qaida-Obere, auf einen ist ein blutendes Herz gezeichnet, mit der Aufschrift "Kampf".
  • Weitere Belege: Qaranis Verhalten in Guantanamo, wo er seine Genitalien entblößt habe, "seine Körpersäfte zweckentfremde" und Wärter attackiere.
  • Und dann sind da noch Aussagen wie die vom Informanten mit der Gefangenennummer US9YM-000252DP. Der habe schließlich gesagt: "Wenn man in Tora Bora war, war man nicht unschuldig. Man war dort, um zu kämpfen." Ein anderer Mithäftling hat Qarani offenbar als aktives Mitglied einer Londoner Qaida-Zelle identifiziert.

Stichfest ist das alles nicht, die Amerikaner geben es selbst zu. Der Wert von Qaranis Vernehmungen sei schwer einzuschätzen, schreiben sie - weil sich so vieles nur auf einzelne nicht überprüfbare Quellen stütze.

Besonders absurd werden die Vorwürfe durch das wohl tatsächliche Alter des angeblichen Kindersoldaten: Qaranis Anwälte machen geltend, ihr Mandant sei 1987 geboren worden, und nicht 1981, wie in seiner Guantanamo-Akte fälschlich festgehalten. Zum Beweis legten sie seine Geburtsurkunde vor.

Zum Zeitpunkt der ihm unterstellten Terroraktivitäten in London wäre er demnach elf Jahre alt gewesen - tatsächlich lebte er in diesem Alter noch bei seinen Eltern in Saudi-Arabien. Qarani ist mittlerweile freigelassen worden, das ordnete ein US-Richter im Januar 2009 an, gegen die Empfehlungen der US-Militärs. Fünf Monate später wurde Qarani aufgrund seiner Staatsbürgerschaft in den Tschad überstellt, ein Land, in dem er nie zuvor gelebt hat und dessen Sprache er nicht spricht. Über sieben Jahre seines Lebens musste er in Guantanamo verbringen.

US-Militär sieht Menschen unter 16 als minderjährig - danach nicht mehr

Das Thema der jugendlichen Häftlinge im Gefangenenlager umgehen die Amerikaner gern, es ist ihnen peinlich. Als im Januar 2004 drei minderjährige Guantanamo-Insassen freigelassen wurden, beeilten sich die US-Behörden zu versichern, sie seien die einzigen in dieser Altersklasse gewesen.

Doch für das US-Militär sind "Minderjährige" nur Menschen unter 16 Jahren - nicht 18, wovon die meisten Menschenrechtsorganisationen ausgehen. Nach deren Definition wären mehr als sechzig Gefangene in Guantanamo zum Zeitpunkt ihrer Inhaftierung minderjährig gewesen.

Genaue Angaben sind schwierig, schon weil sich das Alter der Insassen oft schwer feststellen lässt. Bisweilen kommt es deshalb zu Altersbestimmungen durch Knochenuntersuchungen, wirklich zuverlässig sind auch sie nicht. Genauso wenig wie die Verfahren gegen Gefangene. Bei einigen Minderjährigen war auch der Joint Task Force Guantanamo schnell klar, dass sie harmlos sind. Die vermeintlichen feindlichen Kämpfer saßen dennoch oft Jahre im Terrorknast.

So wie Mohammed Ismail (Nummer US9AF-00930DP), der Ende 2002 auf der Suche nach Arbeit als 14-jähriger in Afghanistan in die Fänge von Leuten gerät, die ihn als Taliban-Kämpfer an einen Militär übergeben. Dieser setzt ihn fest. In der Haft erzählt man Ismail, er komme frei, wenn er sich als Mitglied der Taliban ausgebe, also tut der Junge dies - und landet schließlich am 7. Februar 2002 in Guantanamo.

Selbst die Amerikaner halten ihn rasch für harmlos, er sei weder ein Mitglied von al-Qaida noch der Taliban. Ismail soll entlassen werden, so steht es in einer offiziellen Empfehlung von Mitte 2003. Doch die Entlassung wird blockiert, weil "sein Fall noch nicht vollständig untersucht worden ist". Erst Anfang 2004 kommt Mohammed Ismail endlich frei.

Dschihad ist, "wenn man in ein fremdes Land reist"

Ähnlich ergeht es Mohammed Omar, Nummer US9PK-000540DP, der im Juni 2002 nach Guantanamo gebracht wird. Die Amerikaner untersuchen ihn, sie schätzen sein Alter auf mindestens 16 Jahre und neun Monate, wegen seiner "geschlossenen Wachstumsfugen" sei Omar "anatomisch ein Erwachsener".

Der Pakistaner hat einen Irrweg hinter sich. Ein Freund, berichtet er, habe ihn überredet, nach Afghanistan abzuhauen, um dort Kampfsport zu lernen. Omar findet die Idee gut, er hat Filme mit entsprechenden Szenen gesehen.

Doch das vermeintliche Sportcamp stellt sich als Taliban-Trainingslager heraus, das zudem bombardiert wird. Omar will zurück nach Pakistan, wird aber von Afghanen aufgegriffen, die ihn an die Amerikaner weiterreichen. Diese überstellen ihn nach Guantanamo, "wegen seiner Kenntnisse über ein Ausbildungslager".

Die Verhöre sind ermüdend. "Der Häftling glaubt, Dschihad sei, wenn man in ein fremdes Land reise und von seiner Familie getrennt werde", heißt es in Omars Akte. Seine Informationen seien wertlos, schreiben die Amerikaner enttäuscht am 31. Mai 2003.

Bis Ende 2004 sitzt Omar dennoch in Guantanamo ein.

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Forum - Guantanamo - Schwarzes Loch der Rechtsstaatlichkeit?
insgesamt 527 Beiträge
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1.
thisiscancerylane 25.04.2011
Also eigentlich sollte es ja schon längst geschlossen sein...und das muss auch weiterhin das Ziel bleiben, denn hier geschehen Dinge, die nichts mit einem Rechtsstaat zu tun haben
2.
Stubenkastl 25.04.2011
Also im Mittelalter gab es die Vogelfreien. Guantanomo ist doch ein echter Fortschritt. Immer diese destruktive Berichterstattung. Fast koennte man denken USA sind nicht besser als China. Donalt Rumsfeld sagte mal ganz stolz, dass man mit einer US-Rakete zwei grosse Menschen umgebracht hat. Zwar weiss man bisher nicht genau wer es war, aber aufgrund der Groesse haette einer Osama Bin Laden sein koennen. Man sollte halt wirklich immer auf Nummer sicher gehen - oder?!!!!!!!!
3. Terror
louis_quatorze 25.04.2011
Wenn die Uhr standardmäßig zur Fernzündung von Bomben genutzt wird, ja was spricht denn dann gegen die Bekanntmachung dieses Fakts? Es ist ja nicht das einzige Indiz für eine Terrorbeteiligung. Politische Korrektheiten kann man sich in der Terrorbekämpfung nicht leisten.
4. Guantanamo - Eine Notwendigkeit - Einige Thesen
enlightenment 25.04.2011
Zitat von sysopDie WikiLeaks-Dokumente über die Vorgänge und Praktiken im Gefangenenlager Guantanamo belegen unter anderem, dass viele Verdächtige dort zu Unrecht einsitzen. Was soll mit dem Gefängnis und den noch dort Festgehaltenen passieren?
Ups, in dem anderen Artikel zu Wikileaks schrieben sie noch, da wären jetzt Enthüllungen über Folter drin, wie willkürlich sie gewesen sei usw. - und jetzt kommt nix drin vor? Sie widersprechen sich in Ihren eigenen Artikeln. Sie trimmen Ihre Artikel sichtlich auf Panikmache gegen die USA, aber wenn schon, dann sollten Sie das bitte intelligent tun. Ein paar Thesen zu diesem Thema: 1. Meine Meinung, aber nicht nur meine Meinung: Folter ist unter bestimmten Umständen sittlich geboten. Ich berufe mich z.B. auf Cicero: Summum ius summa iniuria = Das auf die Spitze getriebene Recht ist dann doch wieder ziemliches Unrecht. Ich wende mich gegen: Fiat iustitia et pereat mundi = Gerechtigkeit muss auch dann geschehen, wenn darüber die Welt zugrunde geht. In meinen Augen ein verantwortungsloser Grundsatz. Artikel 1 GG sagt übrigens nicht: Das geschriebene Recht ist um jeden Preis zu verteidigen - sondern: Die Würde ist um jeden Preis zu verteidigen. Zuerst natürlich die Würde unschuldiger Opfer. Da müssen Täter schon einmal zurückstehen in ihrer Würde, wenn es zum Showdown kommt. 2. Was deutsche Journalisten im Zusammenhang mit Guantanamo schon alles als "Folter" ansahen, lässt einen nur müde lächeln. 3. Genau 4 Personen wurden Waterboarding unterzogen, mehr nicht. 4. Ohne Waterboarding wäre die Bekämpfung von Al Qaida nicht vorangekommen. 5. Dass Unschuldige in Guantanamo einsitzen ist schon lange bekannt: Die sitzen dort nämlich ziemlich freiwillig, weil eine Abschiebung in ihre Heimatländer dort zu (echter!) Folter und zur Todesstrafe für sie führen würde. 6. Dass einer unschuldig im Sinne der Anklage ist, bedeutet noch lange nicht, dass einer ein Unschuldslamm ist. Mein Gott, wie naiv! 7. Viele der bereits freigelassenen betätigten sich hinterher dennoch gegen die USA, weswegen die USA mit Recht zögern. 8. Natürlich wäre es besser gewesen, Haft und Folter auf der Grundlage eines klaren Gesetzes durchzuführen, aber daran scheitert ja nun auch Obama. 9. Dass Guantanamo überhaupt nötig wurde zeigt vor allem eines: Das Versagen des hochgezüchteten Täterschutz-Rechtsstaates in westlichen Ländern, der nicht in der Lage ist, mit solchen "härteren" Fällen zurecht zu kommen. Was benötigt wird, ist eine Justizreform.
5.
libertarian, 25.04.2011
Zitat von sysopDie WikiLeaks-Dokumente über die Vorgänge und Praktiken im Gefangenenlager Guantanamo belegen unter anderem, dass viele Verdächtige dort zu Unrecht einsitzen. Was soll mit dem Gefängnis und den noch dort Festgehaltenen passieren?
Wo ist eigentlich der Skandal? Skandaloes finde ich hoechstens, dass 1. Irgendein Verbrecher Wikileaks diese Infomationen zugespielt hat 2. Ein paar Zeitungen es feur neotig halten, Details zu veroeffentlichen 3. Dass SPIEGEL & co nicht verstehen, dass, man diese Dinge nicht mit einer Verkehrskontrolle in Wipperfuerth vergleichen kann. Es geht hier um geheimdienstliche Aufklaerung, militaerische Gefahren und um Leute, die sich jeglichen zivilisatorischen Abkommen in Bezug auf militaerische Konventionen bewusst entziehen. Fuer die gelten weder die amerikanische Verfasssung noch irgendwelche zivil-kriminalistischen Standards. Wenn man jemand mit Satellitentelefon, 100-Dollarscheinen und meinetwegen so einer Uhr da aufgreift, interessiert es nicht, wenn der behauptet dass er damit nur seine Oma anruft.
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