Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Provence: Lavendelfelder in Gefahr

Blaues Gold: Lavendel in der Provence Fotos
DPA

Eine neue EU-Direktive verlangt für Lavendelprodukte künftig Warnhinweise wie bei chemischen Giften. Die französischen Lavendelbauern fürchten um ihre Existenz und wehren sich. Sind die lila Felder in der Provence bald Geschichte?

Mitten in der romantischen Landschaft der Provence prangen Protestschilder. Zwischen den zarten lilafarbenen Blüten des Lavendels knallt es einem plötzlich rot und mit Ausrufezeichen entgegen: "Lavendel ist kein chemisches Produkt!" oder "Nein zur REACH-Regelung!". Die Bauern und Lavendelproduzenten in der Provence proben den Aufstand. Sie fürchten um ihre Existenz. Und den Bösewicht haben sie in Brüssel ausgemacht: Die EU-Kommission.

Rund 1500 Anbaubetriebe stellen im Südosten Frankreichs Lavendelöl her. Blaues Gold, nennen sie es dort. Das Kilo bringt mehr als hundert Euro. Millionen von Touristen kommen jedes Jahr in diese ganz besondere Region. Für viele von ihnen sind Provence und Lavendel Synonyme.

Seit Jahrhunderten kultivieren Landwirte die Pflanze dort. Viele Menschen schwören auf ihre schlaffördernde Wirkung, ihr Öl soll Keime und Pilze abtöten und der Geruch Motten vertreiben.

Der echte Lavendel wächst erst in über 600 Metern Höhe. Sein Öl ist besonders teuer und wird vor allem in der Medizin und der Parfumherstellung eingesetzt. In den tieferen Ebenen wächst die Mischform Lavendin - sie bedeckt inzwischen rund drei Viertel der Anbaufläche. Ihre Essenzen gehen in die Waschmittelproduktion, in Seifen und Lufterfrischer, die getrockneten Blüten finden sich in Duftsäckchen.

"Lavendelöl hat Zehntausende Leben gerettet"

Doch damit - so fürchten die Hersteller - könnte es bald vorbei sein. Ab 2018 müssen sie sich einer neuen EU-Regel beugen. Die REACH-Direktive geht davon aus, dass im Lavendelöl Stoffe enthalten sind, die als gesundheitsgefährdende Chemikalie anzusehen sind und vor denen gewarnt werden muss. Öl-Destillerien müssen demnach künftig wie Chemiewerke kontrolliert werden. Die Hersteller fürchten steigende Kosten und dass Warnhinweise auf ihren Produkten die Verbraucher abschrecken könnten. Zudem könnten zumindest Parfumhersteller ganz auf andere Produkte ausweichen.

Der Verband der Hersteller, APAL, findet die neuen Regeln zu hart. "Lavendel wird seit Tausenden Jahren verwendet," sagt Ehrenpräsident Francis Vidal. "Wir haben noch nie von einem ernsthaften Problem gehört. Im Gegenteil: Lavendelöl hat Zehntausende Leben gerettet."

Die Bauern kämpften jetzt um ihr Überleben, resümiert Vidal und prophezeit eine düstere Zukunft: "Die Konsequenzen wären, dass die Plantagen in kürzester Zeit ruiniert sind und der Lavendel aus der Region Provence verschwindet." Seine Sorgen formulierte er auch in einem Brief an Präsident François Hollande und andere Politiker. Sein Verband hat eine Onlinepetition ins Leben gerufen, die am Sonntag bereits mehr als 16.000 Menschen unterschrieben hatten.

Auch die Europäische Kommission hat erkannt, dass es schwierig ist, ein Produkt als chemisch einzuordnen, dessen Inhaltsstoffe von der Menge der Sonnenstrahlen und dem Erdboden abhängen, in dem es wächst. Ähnliche Produkte, wie etwa Wein, würden zwar auch nicht unter die Chemikalien-Direktive fallen - dafür aber durch die Lebensmittelüberwachung streng kontrolliert. Nach einem Treffen mit Lavendelproduzenten soll es nun in diesem Herbst womöglich angepasste Vorschläge geben.

ler/AP

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 82 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
thomas_gr 07.09.2014
Diese EU ist sowas von krank. Naturprodukte werden durch Regelungen gefährdet, während die ganze Lebensmittelindustrie sich immer mehr erlauben kann. Raus aus der EU bevor es zu spät ist
2. Die EU einst ein Versprechen für grenzenlose Freiheit
HankTheVoice 07.09.2014
die Realität singt leider ein anderes Lied, das der grenzelosen Regulierungswut der EU-Kommision. Es sollte sich keiner wundern, wenn EU-Kritische Parteien immer mehr Zuspruch finden. Schade um eine einst gute Idee.
3.
OuterRange 07.09.2014
Beim Fenchel klang bei einer ähnlichen Diskussion mal an, dass sich bedenklichen Bestandteile durchaus heraus züchten ließen bzw marginalisieren. Wäre das auch hier eine mittelfristige Option oder bietet sich diesbezüglich keine Unterart an?
4. Die
McTitus 07.09.2014
... sitzen natürlich in Brüssel!!! Weil die sich diesen Quatsch ausgedacht haben. Es sei denn das Ganze ist wieder einmal auf dem Mist irgendeiner skrupellosen Lobby gewachsen und die haben die EU Kommision, wie so oft in der Vergangenheit, als Ihr Sprachrohr gefügig gemacht! Also: Bösewicht hin Bösewicht her - die verantwortlichen Reiter mit Ihren Rössern sitzen in Brüssel! Wo denn sonst?
5. Danke!
stoiker1.9 07.09.2014
Wie konnte die Menschheit nur Tausende von Jahren ohne EU-Direktiven über leben?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

Mehr auf der Themenseite | Frankreich | Frankreich-Reiseseite


Lavendel
Das Öl der Lavendelblüte wird seit Jahrhunderten in der Medizin und bei der Parfumherstellung eingesetzt. Die Pflanze selbst wird getrocknet als Duft- oder Deko-Element verwendet. Auch in der Küche spielt sie als Gewürz eine Rolle. Das Öl wirkt Untersuchungen zufolge antimikrobiell und kann verschiedene Hefepilze abtöten, die beim Menschen Pilzerkrankungen auslösen. Viele Menschen schwören auf Lavendel als Mittel zur Beruhigung und als Einschlafhilfe. Nebenwirkungen: Das ätherische Öl des Lavendels kann bei empfindlichen Personen beim Verdampfen asthmatische Anfälle auslösen. Beim Kontakt mit der Haut kann es allergische Reaktionen oder Hautreizungen verursachen.

Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: