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Provinz Aleppo: Türkei bombardiert Kurden, Russland bombardiert Rebellen

Zerstörungen nach Luftangriffen in Aleppo (Bild vom 4. Februar) Zur Großansicht
REUTERS

Zerstörungen nach Luftangriffen in Aleppo (Bild vom 4. Februar)

In der nordsyrischen Provinz Aleppo eskalieren die Kämpfe. Die USA verlangen einen Stopp der türkischen Angriffe auf Kurden-Stellungen. Rund um die Stadt Aleppo erzielen Truppen von Syriens Machthaber Assad weitere Gewinne - mithilfe der Russen.

In der nordsyrischen Provinz Aleppo werden die Fronten unübersichtlicher - das Gebiet wird immer mehr zum Brennpunkt des Krieges in Syrien: Die Türkei fliegt Luftangriffe gegen kurdische Stellungen im Norden des Gebiets, die Truppen von Machthaber Assad rücken rund um die Großstadt Aleppo vor, unterstützt von russischen Bomben.

Die USA haben sich eingeschaltet und fordern einen Stopp der türkischen Angriffe. Ankara müsse "den Beschuss beenden", sagte US-Außenamtssprecher John Kirby am Rande der Münchner Sicherheitskonferenz. Zugleich rief er die Kurden auf, kein Kapital aus den Kämpfen zwischen syrischen Truppen und Rebellen zu schlagen.

Trotz der Appelle setzte die türkische Armee ihre Angriffe fort und beschoss den zweiten Tag in Folge Stellungen einer Kurdenmiliz im Norden Syriens. Dabei seien zwei kurdische Kämpfer getötet worden, teilte die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte am Sonntag mit. Erst am Samstag hatte die Türkei nach eigenen Angaben Stellungen der Kurdenmiliz YPG nahe der Stadt Asas bombardiert.

Assad-Truppen erobern weiteres Dorf nahe Aleppo zurück

Der türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu forderte, die Gruppe solle sich aus dem Gebiet zurückziehen, das sie kürzlich erobert habe. Es liegt in einem von Rebellen kontrollierten Korridor, der von der umkämpften syrischen Großstadt Aleppo bis zur türkischen Grenze reicht.

Die YPG kontrollieren große Teile der kurdischen Siedlungsgebiete im Norden Syriens. Zwischen den USA und der Türkei schwelt seit Monaten ein Streit über die Rolle der Kurden im syrischen Bürgerkrieg. Aus Sicht der türkischen Führung ist die YPG eine "terroristische Organisation" und steht auf einer Stufe mit der von ihr bekämpften, in der Türkei aktiven Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Washington sieht in den Kurden wichtige Verbündete im Kampf gegen den IS und unterstützt sie militärisch.

Rund um die größte Stadt Syriens, Aleppo, konnten Truppen von Syriens Machthaber Baschar al-Assad am Samstag erneut Gewinne melden. Nach Angaben sowohl des staatlichen syrischen Fernsehens als auch von Oppositionsgruppen haben die Assad-Truppen ein weiteres Dorf nahe Aleppo erobert. Es soll sich den Angaben zufolge um den Ort Tamoura handeln. Ein Rebellenaktivist wird mit den Worten zitiert: Der Samstag sei einer der schlimmsten Tage seit Beginn des Aufstands gegen Machthaber Assad gewesen.

Russland fliegt weiter Luftangriffe

Sollte es den Truppen gelingen, alle von den Rebellen gehaltenen Stadtteile Aleppos zurückzuerobern, wäre das die größte Niederlage für die Anti-Assad-Kämpfer seit Beginn des Konflikts in Syrien im März 2011.

Am Freitag hatten die USA und Russland verkündet, innerhalb einer Woche eine Feuerpause in Syrien erreichen zu wollen. Allerdings wurde die Abmachung von keiner der Bürgerkriegsparteien unterschrieben - und auch in Bezug auf die Rolle Russlands ist eine Einhaltung der Feuerpause äußerst zweifelhaft. Am Samstag forderte US-Außenminister John Kerry Russland auf, Luftangriffe auf Gruppen der gemäßigten Opposition einzustellen. Russlands Außenminister Sergej Lawrow behauptete, man fliege - genau wie die USA - Angriffe auf den "Islamischen Staat".

Gleichzeitig hat Russland am Samstag weiter Regimegegner bombardiert. Russische Jets hätten in der Nacht auf Samstag im Norden des Landes mindestens zwölf Angriffe geflogen, erklärte die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte. Getroffen worden seien Gebiete nahe der Stadt Asas sowie weitere Orte unweit der Grenze zur Türkei.

Die bombardierte Region steht den Berichten zufolge unter Kontrolle der Nusra-Front, syrischer Ableger des Terrornetzwerks al-Qaida, islamistischer Gruppen sowie gemäßigter Rebellen der Freien Syrischen Armee (FSA). In Asas halten sich nach verschiedenen Angaben Tausende Menschen auf, die vor der eskalierenden Gewalt und Luftangriffen in der Region geflohen sind. Die Angaben der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte sind nicht zu überprüfen, haben sich aber in der Vergangenheit im Nachhinein als zuverlässig herausgestellt.

Aus Aleppo waren in den vergangenen Tagen und Wochen Zehntausende Menschen vor den Bomben geflohen. Sie harren an der türkischen Grenze aus. In Aleppo selbst harren noch rund 300.000 Menschen aus, die Versorgung mit Wasser und anderen Lebensmitteln wird immer schwieriger. Kanzlerin Angela Merkel nahm bei einem Wahlkampf-Auftakt der CDU in Sachsen-Anhalt erneut Stellung zu den Geschehnissen in Syrien. Die Zahl von rund einer Million Flüchtlinge nach Deutschland im vergangenen Jahr solle nicht einfach fortgeschrieben werden. "Wir arbeiten ganz hart daran." Wenn aber in Aleppo jeden Tag russische Flugzeuge Menschen niederbombten, sei die Situation extrem kompliziert, sagte Merkel und verlangte einen Stopp der Angriffe.

Videoanalyse zum Kampf um Aleppo: "Angst vor dem langsamen Tod durch Belagerung"

anr/AFP/Reuters/AP/dpa

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Fläche: 185.180 km²

Bevölkerung: 22,265 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki; Imad Khamis (designiert)

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