Prozess gegen Charles Taylor Ausrottung, Vergewaltigung, Versklavung

Am Montag beginnt in Den Haag der Prozess gegen den wohl brutalsten Kriegsverbrecher Afrikas: Liberias Ex-Präsident Charles Taylor. Der Ausgang des Tribunals ist ungewiss, Taylors Unterstützer in Liberia warten auf seine Rückkehr.

Aus Monrovia berichtet Gunnar Rechenburg


"Hotel Africa" am Rande Monrovias. Dort haben sie sich getroffen, die Großen Liberias und die, die groß in Liberia einsteigen wollten. Dort wurde nicht nur luxuriös gefeiert, dort wurden Diamantengeschäfte vereinbart, Holz verkauft und Waffenlieferungen geplant. Und: Dort wurde der Krieg in Sierra Leone angeheizt, der sich zu einem Flächenbrand bis in die liberische Hauptstadt Monrovia ausbreitete.

Heute ist das "Hotel Africa" nur noch eine Ruine. Das Foyer ausgebrannt, die Spiegelwände zerschossen, Kabel, Leuchter, Marmorplatten aus den Wänden gerissen. Im großen Tanz-Saal nur noch Fetzen eines persischen Teppichs. Die Disco ebenfalls zerstört und ausgebrannt, nur der Pool ist noch ganz, nahezu unversehrt.

Heute leben drei Männer in der Ruine. Sie bewachen eine Mobilfunkantenne auf dem Dach des ehemaligen Hotels und führen potentielle Investoren durch die geplünderte Immobilie. Einer sagt: "Es war ein wunderbares Haus."

Morgan S. Mulwar war nie im "Hotel Africa" und auch nicht in Den Haag. Der 29-Jährige lebt auf einer Gummiplantage im Nordwesten Liberias. Camp Manari. Die Menschen im Camp leben vom Gummizapfen.

Alles erschossen, was sich bewegte

Vor vier Jahren noch war Mulwar Kämpfer. Als "small soldier" hat er zum ersten Mal getötet. Mit dem Schnellfeuergewehr ist er durch den Busch gelaufen und hat alles erschossen, was sich bewegte. Er war einer der mehr als 20.000 Kindersoldaten in einer der grausamsten Armeen der Welt. Ihr Befehlshaber sitzt derzeit in Den Haag und wartet auf seinen Prozess: Charles G. Taylor, Ex-Präsident von Liberia. Am 4. Juni beginnen offiziell die Anhörungen. Zum ersten Mal wird dann vor einem internationalen Gericht die Rekrutierung von Kindersoldaten als Kriegsverbrechen verhandelt - ein Präzedenzfall.

Mulwar ist eines der Opfer. 1990, als Zwölfjähriger, wurde er zwangsrekrutiert. "Sie gaben mir eine AK 47. Ich war so klein, dass sie beim Gehen auf dem Boden schliff." Mit Drogen und Alkohol seien sie gefügig gemacht worden, sagt Mulwar. "Wenn ich Gewehrfeuer gehört habe, war ich glücklich und habe zu meinen Jungs gesagt, lasst uns Leute umlegen."

Am kommenden Montag wird Stephen Rapp, Chefankläger des Sondertribunals, die Anklageschrift gegen Taylor verlesen: Befehligung und Anstiftung zu Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, darunter Ausrottung, Vergewaltigung, Versklavung, Kollektivstrafen gegen die Zivilbevölkerung und Rekrutierung von unter 15-Jährigen in den bewaffneten Dienst.

Allerdings bezieht sich die Anklage lediglich auf die Zeit zwischen 1996 und 2003 und nur auf Taten, die in Sierra Leone begangen worden sein sollen - für mögliche Kriegsverbrechen in Liberia hat sich bislang noch kein Ankläger gefunden.

Ziel: Kontrolle der Diamantenminen

Die dunkle Geschichte begann Weihnachten 1989. Mit einer Handvoll Gefolgsleuten kam Taylor nachts über die Grenze der Elfenbeinküste nach Liberia. Sie überfielen das erstbeste Dorf und machten es zum Hauptquartier der Revolution. Unterstützung erhielt Taylor aus Sierra Leone von Foday Sankoh, ebenfalls Rebellenführer. Beide hatten ein gemeinsames Ziel: die Kontrolle über die Diamantenminen in Sierra Leone und Liberia.

Nur wenige Monate dauerte es, bis Taylor und seine Truppen vor den Toren Monrovias standen. Mit ihm Tausende von Kämpfer, darunter zahlreiche Kinder - wie Mulwar. Sankoh zog während dessen mit seiner RUF, der Revolutionary United Front, mordend und brandschatzend durchs Nachbarland. Er überfiel die Dörfer, diejenigen, die er nicht tötete, ließ er grausam verstümmelt zurück.

Während 1997 in Sierra Leone bereits mehrere zehntausend Menschen ums Leben gekommen waren, wurde in Monrovia Charles Taylor mit 75 Prozent aller Stimmen zum Präsidenten gewählt. In den Tagen vor der Abstimmung hatte er mit einem neuerlichen Bürgerkrieg gedroht, falls die Liberianer ihm die Gefolgschaft versagten.

Zu der Zeit war bereits der Holländer Guus Kouvenhouven Besitzer des "Hotel Africa". Der Geschäftsmann war nach Liberia gekommen um dort Handel im großen Stile zu treiben. Erst mit Holz, dann mit Waffen.

In seinem Hotel an Monrovias Stadtrand gaben sich die Geschäftsleute die Klinke in die Hand. Viele von ihnen wurden schon damals international gesucht. Diamanten, Gold, Holz für immer mehr Waffen und Drogen.

Belastungszeuge gegen Taylor in Haft gestorben

Nach zwei Jahren relativer Ruhe begann der Krieg erneut und erreichte 2001 wieder Liberia: Bewaffnet bis an die Zähne und finanziell gut ausgestattet fiel im Norden eine neu gegründete Rebellengruppe ein, mit dem Ziel, Taylor zu stürzen.

Knapp zwei Jahre leisteten Taylors Truppen Gegenwehr. Schließlich kontrollierten sie nur noch die Hauptstadt Monrovia, der Rest des Landes war fest in Rebellen-Hand.

Im August 2003 ergab sich Taylor und ging ins Exil nach Nigeria. Einen Monat zuvor wurde bereits Anklage gegen ihn erhoben wegen Kriegsverbrechen - "Mister Guus", der Holländer, war zu dieser Zeit bereits auf der Flucht, das Hotel von den Rebellen geplündert und zerstört. Taylors Gefolgsleute verschwunden.

Jetzt sind sie wieder da. Für sie muss es ein Erfolg sein, dass Charles Taylor nicht für seine Taten in Liberia angeklagt ist, sondern für mögliche Verbrechen in Sierra Leone, für die es kaum Zeugen gibt. Derjenige, der hätte erzählen können, ist in der Haft gestorben: Taylors Kriegskumpane Foday Sankoh.

Ein Sondergericht in Monrovia war aus logistischen, juristischen und politischen Gründen undenkbar. Nach 14 Jahren Bürgerkrieg war das Land nahezu vollständig zerstört. Noch heute, fast vier Jahre nach Kriegsende, fehlt es an einem funktionierenden Justizapparat, der in der Lage wäre, Zeugen zu benennen und zu hören, es gibt im gesamten Land kaum Richter, die Lesen und Schreiben können und: Es gibt mächtige Gefolgsleute des ehemaligen Präsidenten, die es geschickt verstanden haben, einen Prozess im eigenen Land zu verhindern. Die alten Seilschaften halten noch.



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