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Prozess gegen Rote Khmer: Henkersknechte ohne Reue

Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok

Sie geben sich schwerhörig und klagen über Erinnerungslücken. Der Prozess gegen die letzten Roten Khmer in Kambodscha kommt nur schleppend voran. Die Menschen strömen dennoch jeden Tag in den Gerichtssaal: Sie wollen endlich alles erfahren über das Horror-Regime von Pol Pot.

Kambodscha: Prozess gegen Pol Pots Getreue Fotos
AFP / NHET SOKHENG / ECCC

Über zwei Stunden hat Seang Virak im Bus gesessen. Zusammen mit rund 300 Kommilitonen ist der 28-jährige Student nach Phnom Penh gereist, zum Prozess gegen die letzten lebenden Anführer der Roten Khmer. "Wir wollen wissen, wie das Pol-Pot-Regime wirklich war," sagt der junge Kambodschaner. Doch die Studenten werden enttäuscht. Sie können nur einen kurzen Blick auf die drei Angeklagten werfen. Dann wird die Sitzung abgebrochen.

Der Zeuge Long Norin hat sich krank gemeldet. Dabei hatte Gerichtspräsident Nil Nonn eigens eine Sondersitzung des Internationalen Strafgerichtshofs anberaumt, um den früheren Mitarbeiter des kambodschanischen Außenministeriums zu vernehmen. Vergeblich. Long Norin, der wegen seiner schwachen Gesundheit ohnehin nur per Video-Konferenz in seinem Haus in Nord-Kambodscha Rede und Antwort stehen sollte, erklärte, er sei zu krank - ein weiterer verlorener Tag für das Gericht und die vielen hundert Kambodschaner, die Augen- und Ohrenzeugen werden wollen, wenn Kambodschas unbewältigte Vergangenheit aufgearbeitet wird. "Aber wir werden wiederkommen," kündigt Seang Virak unverdrossen an.

Das Interesse der Kambodschaner an dem laut Gerichtssprecher Huy Vannak "derzeit wichtigsten Prozess der Welt" ist groß. Wie Seang Virak wollen sie wissen, wie vor über 30 Jahren das unbegreifliche in ihrem Land geschehen konnte, wie eine Clique um Pol Pot ein ganzes Volk in Geiselhaft nehmen und Millionen ermorden lassen konnte. Seit nach jahrelangem juristischen und politischen Gerangel hinter den Kulissen vor knapp vier Wochen endlich die Beweisaufnahme begonnen hat, strömen sie an den Verhandlungstagen regelmäßig zu Hunderten nach Phnom Penh. Auch Meas Sery ist aus der Provinz Prey Veng in die Hauptstadt gereist. "Ich wollte ihnen in ihre Gesichter sehen", sagt der 51-Jährige bitter. "Ich habe durch das Regime der Roten Khmer vier Geschwister verloren. Ich bin froh, dass sie endlich vor Gericht stehen - und ich hoffe, dass endlich die Gerechtigkeit siegt."

Auf der Anklagebank des Kambodscha-Tribunals sitzen drei Schlüsselfiguren des Pol-Pot-Regimes:

  • Nuon Chea, der 85-jährige ehemalige Chefideologe der Roten Khmer, der sogenannte "Bruder Nummer Zwei",
  • der 80-jährige frühere Staatschef Khieu Samphan,
  • und der 86-jährige frühere Außenminister Ieng Sary.

Dessen mitangeklagte Frau Ieng Thirit, Ex-Sozialministerin und "First Lady", wird wegen einer Alzheimer-Erkrankung auf Anordnung des Gerichts im Gefängnis vorerst einer medizinischen Behandlung unterzogen - mit der Hoffnung, sie später doch noch aburteilen zu können. "Bruder Nummer Eins", der Schreckensherrscher Pol Pot selbst, ist bereits 1998 unter noch heute ungeklärten Umständen gestorben, bevor er für seine Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden konnte.

Chefanklägerin Chea Leang will in dem Monster-Prozess beweisen, dass das Regime, an dessen Spitze die Angeklagten in den Jahren 1975 bis 1979 gestanden haben, "eins der brutalsten und grauenhaftesten in der modernen Geschichte war". Seit sie und ihr Co-Ankläger, der von den Vereinten Nationen abgeordnete britische Top-Jurist Andrew Cayley, ihre Eröffnungsplädoyers gehalten haben, wird an jedem Verhandlungstag erneut das Grauen der Pol-Pot-Herrschaft heraufbeschworen. Es gibt kaum eine Schreckenstat, die die Roten Khmer nicht begangen haben.

Chim Phorn war 1977 Bürgermeister einer kleinen Gemeinde in der Provinz Bantheay Meanchey im Nordwesten Kambodschas. Der heute 72-Jährige schilderte dem Gericht, wie er damals ein junges Liebespaar mit einem Axtstiel erschlagen hat. "Mir war befohlen worden, das Paar zu töten, weil die beiden ein Verhältnis hatten, ohne verheiratet zu sein. Hätte ich mich geweigert, hätte mein Vorgesetzter mich getötet. Ich hatte keine Wahl." Zögernd fügt der alte Mann hinzu: "Ich hasse die Roten Khmer für das, was sie aus mir gemacht haben."

Die Ankläger berichten, wie junge Kambodschaner vom Pol-Pot-Regime massenweise zu Zwangsheiraten gepresst wurden. "Männer und Frauen mussten sich bei den Hochzeitsritualen in langen Reihen aufstellen. Dann wurde das Licht ausgemacht. Sie mussten sich mit ausgestreckten Armen aufeinander zu bewegen. Den, den sie zuerst berührten, mussten sie heiraten. Wer sich weigerte, wurde erschossen." Besonders hübsche junge Frauen wurden verdienten Funktionären oder Militärs als "Trophäen" zugesprochen. Hunderttausende wurden als Zwangsarbeiter in die Sklaverei gezwungen. Die meisten von ihnen starben an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen und wurden in Massengräbern verscharrt.

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1. Justiz oder Moral?
AxelSchudak 18.12.2011
Zitat von sysopSie geben sich schwerhörig und klagen über Erinnerungslücken. Der Prozess gegen die letzten*Roten Khmer*in Kambodscha kommt nur schleppend voran. Die*Menschen strömen dennoch jeden Tag in den Gerichtssaal: Sie wollen endlich*alles*erfahren über das Horror-Regime von Pol Pot. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804219,00.html
Das moralische Urteil, dass die Geschichte über diese "Menschen" fällt, wird durch ihr jetziges Verhalten nur umso deutlicher ausfallen. Sie sind auch noch feige...
2. Henkersknechte zeigen nie Reue
huberwin 18.12.2011
Zitat von sysopSie geben sich schwerhörig und klagen über Erinnerungslücken. Der Prozess gegen die letzten*Roten Khmer*in Kambodscha kommt nur schleppend voran. Die*Menschen strömen dennoch jeden Tag in den Gerichtssaal: Sie wollen endlich*alles*erfahren über das Horror-Regime von Pol Pot. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804219,00.html
-Sie werden sich immer darauf berufen das es ja richtig war oder andere Schuld haben, bzw. sie gezwungen haben dies zu tun. Und das Volk schaut zu um zu wissen weshalb sie denn selbst mitgemacht haben. Beim lesen des Artikels schoß mir durch den Kopf, was denn die Finanzjongleure und die Politiker, die dann evtl. in einigen Jahrzehnten auf der Anklagebank sitzen wohl sagen wenn ihnen vorgeworfen wird sie hätten die Welt finanziell kaputt gemacht und Krisen über ganze Staaten gebracht. Aber war halt nur ein Gedanke , aber ich denke mal auch die werden keine Reue zeigen. Vielleicht sollte mal das sogenannte Gesetz des Stärkeren abgeschafft werden.
3. Unbewusste Berührungsängste
Ylex 18.12.2011
Ein erschütternder Artikel – von „gut“ mag man angesichts des schrecklichen Themas nicht sprechen. Außerdem ein überfälliger Artikel, denn die Aufmerksamkeit der deutschen Presse für den späten „Nürnberger Prozess“ der Kambodschaner ist bemerkenswert gering, wahrscheinlich liegen wegen des Holocaust unbewusste Berührungsängste vor. Was war schrecklicher, der Holocaust oder die Massenschlächterei in Kambodscha? Eine sinnlose Frage, doch man stellt sie sich unwillkürlich – sechs Millionen Opfer sind viel, viel mehr als zwei Millionen Opfer. Nur lässt sich Grausamkeit nicht in Zahlen ausdrücken, in Kambodscha war sie jedenfalls grenzenlos und kaum vorstellbar. Das zähe Zustandekommen des Prozesses beraubt ihn zu einem gewissen Maße seiner großen Bedeutung, nicht nur für Kambodscha, sondern auch für die Welt – einen eindrücklicheren Rückfall in die Barbarei gegen Ende des 20. Jahrhunderts kann man der Menschheit nicht vor Augen halten, man sollte es jedoch tun, um Wiederholungen auszuschließen. Pol Pot, der Hauptschuldige, ist seit 13 Jahren tot, und Ta Mok, sein ultra-brutaler Scherge, seit fünf Jahren – auf der Anklagebank sitzen vier hochrangige, doch im Effekt nachrangige Greise, nicht minder menschenverachtend, ebenfalls alle montröse Sadisten, trotzdem „nur“ Helfershelfer. Adolf Hitler entzog sich der Strafverfolgung durch Suizid - auf Pol Pot und Ta Mok könnte das auch zutreffen, es gibt entsprechende Spekulationen. Das Gerichtsverfahren steht unter dem Zeitdruck der biologischen Uhr und unter dem Druck einer aufklärungsunwilligen Regierung – ob die Angeklagten überhaupt verurteilt werden, steht dahin.
4. Begnadigung
chaika 18.12.2011
Zitat von sysopSie geben sich schwerhörig und klagen über Erinnerungslücken. Der Prozess gegen die letzten*Roten Khmer*in Kambodscha kommt nur schleppend voran. Die*Menschen strömen dennoch jeden Tag in den Gerichtssaal: Sie wollen endlich*alles*erfahren über das Horror-Regime von Pol Pot. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,804219,00.html
Also selbst, wenn die Angeklagten verurteilt werden sollten, werden spaetestens dann von dem Regime Hun Sen begnadigt. Im Grunde genommen ist Kambodscha nichts anderes als eine voellig korrupte Diktatur. Bspw. wird der Posten des Polizeichefs von Pnom Phen versteigert, wer das hoechste Gebot macht bekommt den Job, zahlt an die Regierung und darf dann mittels Korruption sein Einkommen als Polizeichefs mittels Korruption maximieren. Bei Wahlen gewinnt immer die Regierungspartei, zur Not mit Vietnamesen, die kurz zuvor die kambodschanische Staatsbuergerschaft bekommen. Und diese Korrption hindert das Land an einer Entwicklung.
5. noch immer
milli47 18.12.2011
Zitat von huberwin-Sie werden sich immer darauf berufen das es ja richtig war oder andere Schuld haben, bzw. sie gezwungen haben dies zu tun. Und das Volk schaut zu um zu wissen weshalb sie denn selbst mitgemacht haben. Beim lesen des Artikels schoß mir durch den Kopf, was denn die Finanzjongleure und die Politiker, die dann evtl. in einigen Jahrzehnten auf der Anklagebank sitzen wohl sagen wenn ihnen vorgeworfen wird sie hätten die Welt finanziell kaputt gemacht und Krisen über ganze Staaten gebracht. Aber war halt nur ein Gedanke , aber ich denke mal auch die werden keine Reue zeigen. Vielleicht sollte mal das sogenannte Gesetz des Stärkeren abgeschafft werden.
sind die Kambodschaner traumatisiert. Ich war vor zwei Jahren mit dem Fahrrad in Kambodscha unterwegs, der Unterschied zum benachbarten Vietnam ist fast nicht zu fassen. Jeder Kambodschaner hat mindestens einen oder mehrere Verwandte, die unter den Roten Khmer umgekommen sind. Die Geschichten sind eigentlich unfassbar.
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Kambodscha: Stätten der Roten Khmer

Prozess gegen die Roten Khmer
Der Prozess
Nach knapp drei Jahrzehnten sollen in Kambodscha die Massenmorde und Gräueltaten der Roten Khmer unter der Führung des "Bruders Nummer eins", Pol Pot , aufgearbeitet werden.

Das erste Verfahren vor dem Tribunal wurde gegen Kaing Guek Eav alias Duch eröffnet, der von März 1976 bis Anfang 1979 das berüchtigte Gefängnis Tuol Sleng , das auch "Sicherheitsbüro" (S-21) genannt wurde, leitete. Er wurde am 26. Juli 2010 zu 35 Jahren Haft verurteilt. Weil er lange Zeit inhaftiert war, wurden ihm 16 Jahre erlassen. In dem von ihm geleiteten Gefängnis kamen nur sieben der insgesamt 14.000 dort Inhaftierten mit dem Leben davon. Die anderen wurden gefoltert, misshandelt und nach erpressten Geständnissen auf den Killing Fields exekutiert.
Die Angeklagten
Auf der Anklagebank des Roten-Khmer-Tribunals sitzen neben dem bereits zu 35 Jahren Haft verurteilten Kaing Guek Eav alias Duch noch folgende vier: „Bruder Nummer zwei“, Nuon Chea , Ieng Sary, der Ex-Außenminister , und seine Frau Ieng Thirith, die damalige Sozialministerin sowie Khieu Samphan , der Staatschef des Landes während der Khmer-Rouge-Zeit.

Abschließende Urteile sind erst bis 2011 zu erwarten. Für die geringe Zahl der angedachten Prozesse wurde die kambodschanische Regierung viefach kritisert: Auf Veranlassung des derzeitigen Staatschefs Hun Sen wurden sogar mehrere führende Khmer-Rouge-Politiker amnestiert. Zudem sind führende Köpfe der Bewegung, unter ihnen auch Pol Pot und sein Nachfolger Ta Mok aufgrund ihres hohen Alters inzwischen gestorben.
Die Roten Khmer
Die Roten Khmer waren ultramaoistische Revolutionäre, die in Kambodscha einen reinen Agrarstaat schaffen wollten. Ihre Schreckensherrschaft dauerte von 1975 bis 1979. Mindestens 1,7 Millionen Menschen kamen um, fast ein Viertel der Bevölkerung.

Das Regime unter Pol Pot , der wie andere Kader in Paris studiert hatte, wollte eine kommunistische Agrargesellschaft schaffen. Es scheuchte die Städter aufs Land, schaffte das Geld ab, und brachte jeden, der ein Buch oder eine Brille hatte, als verdächtigen Intellektuellen ins Umerziehungslager.

Das Land schottete sich völlig ab, im Innern begann für Millionen Menschen ein Überlebenskampf. Zwangsarbeit, Hungersnöte, Seuchen rafften Hunderttausende hin. Das paranoide Regime baute einen beispiellosen Spitzelapparat auf. Weitere Hunderttausende Verdächtige wurden als Feinde des Regimes gefoltert und ermordet.

Auch kommunistisch-maoistische Sektierergruppen in Europa unterstützten eine Zeitlang die Roten Khmer - ein Kapitel, das noch der Aufklärung harrt.



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