Prozess gegen Rote Khmer Kambodschas grausiges Vermächtnis

Kambodscha stellt sich seiner Vergangenheit. Der Prozess gegen die Haupttäter des Rote-Khmer-Regimes lockt die Massen an - beinahe jede Familie hat bei den Gräueln der Pol-Pot-Zeit Angehörige verloren. Doch die Regierung blockiert die Aufarbeitung hartnäckig.

Getty Images

Von Karl-Ludwig Günsche, Bangkok


Soeung Sam schlägt jeden Abend an der "Riverside" von Phnom Penh seinen kleinen Buchstand auf. Als junger Mann hat er mit den Roten Khmer in den Bergen gekämpft. Eine Landmine hat ihm damals beide Hände abgerissen. Doch er ließ sich nicht unterkriegen. "Ich möchte mein Leben in Würde führen", sagt er. "Deshalb weigere ich mich zu betteln." Immer wieder hat er kleine Jobs übernommen, die er auch mit seinen Armstümpfen bewältigen konnte - bis er sich schließlich selbständig machte und nun auf der Flaniermeile der kambodschanischen Hauptstadt seine Bücher verkauft. Viel verdient er nicht - aber es reicht zum Überleben für ihn und seine Kinder.

Soeung Sam geht es trotz seiner Armut immer noch besser als seinen Leidensgenossen, die tagtäglich vor dem berüchtigten ehemaligen Foltergefängnis Toul Sleng, kurz "S 21", stehen und hoffen, dass ihnen die Besucher ein paar Dollars zuwerfen. Es sind die Ärmsten der Armen, wahre Schreckensgestalten, die an dieser Stätte des Grauens um Almosen betteln. Einem ist von einer Landmine der halbe Kopf weggerissen, der andere blickt einen aus leeren Augenhöhlen an, ein Dritter hat weder Hände noch Füße. Sobald sich Besucher dem ehemaligen Gefängnis nähern, kommen aus allen Ecken und Winkeln immer neue, grausam verstümmelte Menschen angehumpelt und angekrochen und halten bittend ihre Baseballkappen hin.

Ungezählte Opfer in Massengräbern

Seit dem vergangenen Jahr ist der Besucherstrom an der ehemaligen Folterstätte schlagartig gestiegen. Nicht Touristen sind es, die jetzt in Scharen kommen. Es sind Kambodschaner, junge und alte, Männer und Frauen. Mit Bussen werden sie in ihren Dörfern im ganzen Land eingesammelt und in die Hauptstadt gebracht. Sie sind Teilnehmer des "Study Tour Programm" des Internationalen Strafgerichtshofs, der die Hauptverantwortlichen für die Verbrechen der Roten Khmer aburteilen soll.

Die Erinnerungsstätte "S 21", in der rund 20.000 Menschen umgebracht worden sind, steht ebenso auf dem Programm dieser Tagestouren wie die Killing Fields in Choeung Ek vor den Toren Phnom Penhs, wo ungezählte Opfer in Massengräbern liegen. Immer neue Skelette werden vom Regen aus dem kargen Boden gewaschen und zur Erinnerung an den Völkermord aufgesammelt und aufgeschichtet.

Ein Besuch im internationalen Strafgerichtshof am Stadtrand von Phnom Penh gehört selbstverständlich zu diesem kostenlosen Studienprogramm, an dem bisher fast 26.000 Kambodschaner teilgenommen haben. "Auch die Dorfbewohner sollen die Chance haben, 'S 21' und Choeung Ek zu sehen und die Geschichte des Khmer-Regimes kennenzulernen," sagt Neth Pheaktra, Pressesprecher des Rote Khmer Tribunals. "Und sie sollen auch sehen, dass der Gerichtshof nun Gerechtigkeit für die Opfer schaffen will."

Das Interesse der Bevölkerung Kambodschas an den Strafprozessen gegen die früheren Führer der Roten Khmer, die in den knapp vier Jahren ihrer Herrschaft fast zwei Millionen Menschen gemordet haben, ist groß. Auf der Anklagebank sitzen

Nuon Chea, der 85-jährige ehemalige Chefideologe der Roten Khmer, der sogenannte "Bruder Nummer Zwei",

• der 80-jährige frühere Staatschef Khieu Samphan

• und der 86-jährige frühere Außenminister Ieng Sary.

Vor allem junge Kambodschaner wollen wissen, wie es diesen Männern möglich war, ein ganzes Volk in Geiselhaft zu nehmen. Es gibt kaum eine Familie, die in den Schreckensjahren von 1975 bis 1979 verschont geblieben ist. "Die Wunden sitzen tief," sagt Mek, der für ein Reisebüro an der "Riverside" hin und wieder kleine Fahrten übernimmt. Sein Vater, sein Bruder und sein Onkel sind Opfer des Regimes geworden. "Ich kann gut verstehen, dass so viele den Dreien auf der Anklagebank in die Augen sehen wollen, die das Elend verschuldet haben."

Die Regierung für das Verfahren am liebsten schnell beenden

Im vergangenen Jahr wurde mit fast 45.000 Besuchern ein Rekord verzeichnet. Insgesamt kamen vom ersten Prozesstag am 16. Februar 2009 bis Ende 2011 über 110.000 Menschen aus allen Teilen des Landes, um Zeuge des historischen Prozesses zu werden. "Das Interesse der Öffentlichkeit hält das Gericht am Leben", sagt Youk Chhang, Leiter des "Documentation Center of Cambodia".

Die Anteilnahme der Kambodschaner an der Aufarbeitung der Schrecken der Vergangenheit ist groß - und steht im krassen Gegensatz zur Regierung. Die würde den international besetzten Gerichtshof, für den die Vereinten Nationen bisher schon über 150 Millionen US-Dollar lockergemacht haben, am liebsten schnell und geräuschlos beerdigen. Premierminister Hun Sen, selbst ein früherer Roter Khmer, hat bereits wissen lassen, dass er Prozesse gegen weitere Top-Leute des Schreckensregimes nicht zulassen wird. Er hat nach Medienberichten im Hintergrund auch die Fäden gezogen, um die Ernennung des neuen Untersuchungsrichters Laurent Kasper-Ansermet zu blockieren.

Der Schweizer sollte Nachfolger des deutschen Untersuchungsrichters Siegfried Blunk werden, der im Oktober 2011 mit einem Eklat zurückgetreten war. Blunks Begründung damals: Anhaltender "Druck seitens Regierungsvertretern" und "versuchte Einflussnahme". Hun Sen selbst sowie zwei seiner Minister sollen immer wieder versucht haben, den Richter unter Druck zu setzen. Blunks Vorgänger, Franzose Marcel Lemonde, war es nicht besser ergangen. Er warf nach kurzer Amtszeit ebenfalls das Handtuch, weil auch er massiv behindert wurde, gegen weitere Anführer der Roten Khmer zu ermitteln.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat die kambodschanische Regierung zwar eindringlich ermahnt, Kasper-Ansermet zu ernennen. Nach der gemeinsam zwischen der Regierung in Kambodscha und den Vereinten Nationen vereinbarten Geschäftsordnung für den Internationalen Strafgerichtshof muss Kambodscha der Berufung des Schweizers auch zustimmen. Aber Hun Sen und seine Helfershelfer scheren sich weder um die Appelle des Generalsekretärs, noch um schriftliche Vereinbarungen. "Die Uno hat das Abkommen über das Tribunal nicht richtig verstanden", ist die zynische Begründung der kambodschanischen Regierung für den Bruch der Geschäftsordnung. Für den ohnehin durch politische Intrigen immer wieder behinderten Gerichtshof, der seit 2005 erst ein Urteil gesprochen hat, ist das ein erneuter Rückschlag.

Doch im Umgang mit Richtern und Gerichten ist die kambodschanische Regierung sowieso nicht zimperlich. "Die Justiz in Kambodscha ist nicht im Entferntesten unabhängig und unparteiisch", klagt Phil Robertson, Vizechef der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch in Asien. Sie werde von Hun Sen und seiner "Cambodian People's Party" ungeniert benutzt, um die Rede- und Meinungsfreiheit einzuschränken, Regierungskritiker hinter Gitter zu bringen, Oppositionelle zum Schweigen zu bringen und friedliche Proteste mit Gewalt zu unterbinden.

Und zur Vorbereitung des Asean-Gipfels, den Kambodscha im November unter Teilnahme von US-Präsident Obama mit großen Pomp in Phnom Penh feiern will, werden schon jetzt Bettler systematisch aus der Stadt vertrieben und in Umerziehungslager gebracht. Kambodschas Hauptstadt soll bettlerfrei sein, wenn die Großen der Welt zu Besuch kommen.

Die ohnehin so leidgeprüften Menschen vor den Toren von Toul Sleng könnten dann erneut zu Opfern werden.

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insgesamt 2 Beiträge
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Zapallar 03.02.2012
1. .
Und wie immer mit derlei Despoten verfallen Sie, sobald Sie vor Gericht stehen, in einen nie geglaubten körperlichen Verfall der von den Anwälten zur Prozessunfähigkeit herunterargumentiert wird ... "Ja er war böse, aber jetzt ist er doch krank und ein alter Mann und man müsse doch verstehen .... " Widerlich.
spontifex 03.02.2012
2. "Wie in einem Ministerium"
Zitat von sysopKambodscha stellt sich seiner Vergangenheit. Die Prozesse gegen die Haupttäter des Rote-Khmer-Regimes lockt die Massen an - beinahe jede Familie hat bei*den Gräueln der Pol-Pot-Zeit Angehörige verloren.*Doch die Regierung blockiert die Aufarbeitung hartnäckig. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,809846,00.html
Schade wäre, wenn Beitrag und Video den Eindruck vermittelten, dass rotbraune Pest und "exekutive" Allmacht - Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus, Globalismus: All diesen politischen Ismen ist der Exekutivismus gemein - erst dann zersetzend und menschenrechtsverletzend wirken, wenn sie sich der Folter, des Mordes und des Totschlags schuldig machen. PolitikerInnen bringen ja oft erst in diesem Falle Menschenrechte ins Gespräch, was natürlich sehr zynisch ist, weil es für Menschenrechte dann schon lange zu spät ist. Um den Anfängen zu währen, müßten solche PolitikerInnen aus der öffentlichen Verantwortung entlassen werden. Umso mehr, wenn sie schon einmal BürgerrechtlerInnen im Auftrag von Geheimdiensten observiert haben.
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