Prozess in Argentinien Der Verrat des "blonden Todesengels"

Argentinien stellt sich seiner düsteren Vergangenheit - und ist zum Vorbild in der Region geworden: 28 Jahre nach Ende der Diktatur werden Militärs angeklagt. Auch der "blonde Todesengel" Alfredo Astiz steht vor Gericht - die ihm vorgeworfenen Gräueltaten lassen die Nation noch heute erschaudern.

Aus Buenos Aires berichtet


Zwischen Folter und Mord löst Alfredo Astiz Kreuzworträtsel. Der Stift senkt sich auf das Papier, während im Gerichtssaal Gräueltaten geschildert werden. Er soll Dissidenten verschleppt, sie mit Elektroschocks gequält, geschlagen und beraubt haben. Astiz schreibt weiter. Sein Gesicht ist teigig geworden, die blonden Haare sind ergraut. Aber die Argentinier nennen ihn noch immer den "blonden Todesengel".

Für viele ist er ein besonders grausames Symbol des "schmutzigen Krieges" von 1976 bis 1983 in Argentinien. Zusammen mit 16 weiteren Angeklagten muss Astiz sich in einem der wichtigsten Prozesse überhaupt verantworten, der gegen die Schergen der Militär-Junta geführt wird. Die Beschuldigten wüteten in dem berüchtigten Geheimgefängnis "Esma", in dem Tausende Häftlinge litten. Jahrelang sammelten Ermittlungsrichter Beweise, 160 Zeugen sagten aus. In wenigen Wochen fällt das Urteil.

Auch Ana María Careaga sagte aus. Sie ist eine zierliche Frau mit langen schwarzen Haaren. Sie beobachtet den Prozess, sitzt nur wenige Meter von Astiz entfernt. Hier das Opfer, dort der Täter. Und zwischen ihnen eine Geschichte von Vertrauen, Verrat und Verzweiflung, die nach 34 Jahren jetzt ein Ende findet.

Sie beginnt im Juni 1977, als Ana María Careaga entführt wird. Sie ist damals 16 Jahre alt und schwanger. Sie wird mit Elektroschocks im Gesicht, an den Brustwarzen und an der Vagina gepeinigt, kopfüber an ihren Fußgelenken aufgehängt und weiter gefoltert. Während sie monatelang in den dunklen Räumen des Folterzentrums gefangen ist, sucht ihre Mutter Esther nach ihr, fordert Aufklärung.

In Kommissariaten und Ministerien trifft Esther Careaga immer mehr Mütter, deren Töchter und Söhne ebenfalls verschwunden sind. Antworten von den Militärs erhalten sie nicht. Ihr Protest wird lauter. Sie versammeln sich auf der Plaza de Mayo im Zentrum von Buenos Aires, jeden Donnerstag demonstrieren sie vor dem Präsidentenpalast.

In jenen Tagen mischt sich ein blonder, sportlicher Mann unter die Gruppe, 26 Jahre alt. Auch er suche seinen Bruder, erklärt er, so wie sie nach ihren Kindern forschten. Er stellt sich als Gustavo Niño vor. Gustavo hat ein weiches Gesicht mit hellen Augen. Die Mütter laden ihn zu sich nach Hause sein, sie beschützen ihn vor Angriffen der Polizei, sie fassen Vertrauen - und das wird ihnen zum Verhängnis.

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Gräuel in Argentinien: Prozess gegen die Folterknechte
Denn Gustavo Niño ist Alfredo Astiz, Mitglied einer Spezialeinheit, die von der "Esma" aus die "Subversion" bekämpfen soll: Andersdenkende, Gewerkschafter, Studenten, Journalisten. Als kalten, berechnenden Menschen beschreibt ihn ein Überlebender: "Er hätte uns alle töten können, ohne sich schuldig zu fühlen."

Zu den Treffen mit den Müttern bringt Astiz seine "Schwester" mit - eine Gefangene der "Esma", die nach Aussagen von anderen Häftlingen dazu gezwungen wird. Sie berichten auch, dass Astiz damit prahlt, die Gruppe um die Mütter infiltriert zu haben, zu der Esther Careaga gehört.

Sie ist in großer Gefahr. Als ihre Tochter Ana María nach viereinhalb Monaten freigelassen wird, hilft Esther ihr bei der Flucht ins Exil, sie selbst bleibt in Buenos Aires. Ein paar Erinnerungen sind Ana María aus jener Zeit geblieben: ein Lächeln, ein Winken am Flughafen. "Mama, ich wünschte, wir hätten uns noch einmal umarmt", schreibt Ana María später in einem Brief. Im Dezember 1977 ruft sie aus dem Exil in Schweden an, um ihrer Mutter von der Geburt ihrer Tochter zu berichten. Da erfährt sie, dass Esther Careaga nun auch entführt worden ist. Sie wird sie nie wiedersehen.

Astiz und die anderen Männer der Spezialeinheit haben am Abend des 8. Dezember 1977 zugeschlagen. Kurz nach einem Treffen in der Kirche Santa Cruz in Buenos Aires haben schwerbewaffnete Männer die Gruppe überfallen. Sie haben Esther Careaga und andere Frauen gegen eine Wand gestoßen, geschlagen und in ein Auto gezerrt. Eine Zeugin berichtet später, Astiz habe jene, die verschleppt werden sollten, mit einem Kuss auf die Wange "markiert", wie Judas.

Er ist es auch, der die Gruppe nach Aussagen von Zeugen mit drei anderen "Esma"-Folterknechten gequält haben soll. Ehemalige Gefangene sagen, sie hätten die schweren Verletzungen der Frauen gesehen: von Schlägen und Elektroschocks blaue Arme, zerschlagene Gesichter.

Neun Frauen wurden entführt - keine wird wieder lebend gesehen. Für die Familie Careaga beginnt eine jahrzehntelange Suche. Erst hat die Mutter nach ihrer Tochter gesucht, jetzt sucht die Tochter nach ihrer Mutter. Von der Folter ist Ana María selbst traumatisiert: Ein schwedischer Arzt notiert 1978, dass sie mit einer tonlosen Stimme spreche, schwere Depressionen habe und unter Schlaflosigkeit leide. Dennoch fordert sie weiter Aufklärung über den Verbleib ihrer Mutter, mobilisiert Menschenrechtsaktivisten auf der ganzen Welt.

"Wir waren bereit, für die Gerechtigkeit zu sterben"

Und sie muss miterleben, wie Täter in Argentinien straflos bleiben. Das Militär befördert Alfredo Astiz in den achtziger und neunziger Jahren erst zum Korvettenkapitän, dann zum Fregattenkapitän. Und das, obwohl ein französisches Gericht ihn wegen Mordes 1990 in Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt. Auch in Italien erhält er später eine lebenslange Gefängnisstrafe. Während des Prozesses in Frankreich lichten argentinische Fotografen Astiz im Yachtclub des Badeortes Mar del Plata ab.

Sein eigenes Land aber wird ihm zum Gefängnis, weil er seither mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde. Auch in Argentinien wird er immer der "blonde Todesengel" bleiben. Die Regenbogenpresse berichtet regelmäßig mit einem wohligen Schauer von den nächtlichen Discobesuchen des alternden Playboys mit dem "Engelsgesicht". Da ist sein Körper längst füllig geworden.

2003 jedoch kommt der Wendepunkt, für Astiz und für Argentinien. Die Regierung hebt die Amnestiegesetze auf. Es ist auch ein Verdienst der Mütter der Plaza de Mayo. Seit den dunklen Tagen in den siebziger Jahren haben sie der Gefahr getrotzt, obwohl ihre Freundinnen verschleppt wurden und ihnen das Gleiche zustoßen konnte. "Wir wollten kämpfen. Wir waren bereit, dafür zu sterben", sagt die heute 84-jährige María del Rosario de Cerruti. Die "Madres" machten sich gegenseitig Mut, sie trafen sich weiter jeden Donnerstag, selbst nach dem Ende der Diktatur, selbst als 1986 und 1987 den Junta-Mitgliedern Amnestie gewährt wurde. Sie gaben nicht auf - und hatten nach Jahrzehnten schließlich Erfolg.

Lebenslänglich für den Despoten

Seit 2003 haben Ermittlungsrichter Hunderte geheime Folterzentren überprüft, Tausende Akten angelegt, Zehntausende Seiten beschrieben. Die Täter von damals müssen Anklagen fürchten, selbst die höchsten Militärs wurden zur Rechenschaft gezogen. Ein Gericht verurteilte den früheren Junta-Chef Jorge Videla vergangenes Jahr zu lebenslanger Haft. Auch für Astiz hat die Anklage lebenslang gefordert. Seine Anwälte weisen das zurück: Der Offizier habe lediglich Befehle befolgt.

Mit den Prozessen und der Aufarbeitung ist Argentinien zu einem Vorbild in Lateinamerika geworden. Die Ermittlungsrichter informieren Staatsanwälte aus Uruguay, Chile, Kolumbien, Ecuador und Brasilien über ihre Arbeit. Damit die Erinnerung an die Schreckenszeit nicht verblasst, sammeln Archive Fotos, Dokumente, Karten, Tonaufnahmen. Die Organisation Memoria Abierta hat einen Gesamtkatalog aller Archive erarbeitet und interviewt frühere Folteropfer. Bereits 700 Videoaufnahmen lagern in Rollschränken. Außerdem unterstützt sie Bürgerrechtsgruppen in zehn anderen Ländern Lateinamerikas bei ihrer Arbeit - von Mexiko bis Paraguay. Es gibt Vorträge, Seminare, Kunstausstellungen.

Das frühere Folterzentrum "Esma" ist heute eine Gedenkstätte, durch die Räume führen Überlebende. In allen Teilen des Landes werden Massengräber exhumiert, Gebeine identifiziert.

Vor sechs Jahren erfährt die Familie Careaga endlich: Die Knochen, die mit der Nummer GL-B-3-23 auf einem Friedhof südlich von Buenos Aires versehen sind, sind die sterblichen Überreste von Esther Careaga. Das ergibt ein DNA-Test. Sicher ist jetzt, dass sie und vier andere betäubt und aus einem Flugzeug über dem Río de la Plata geworfen wurden.

"Wenn jemand verschwindet, hörst du nie auf, ihn zu suchen. Ein Teil deines Lebens wird dir genommen", sagt Ana María, die heute 50 Jahre alt und Direktorin der einflussreichen Menschenrechtsorganisation Instituto Espacio para la Memoria ist. Das Institut klärt über die Verbrechen der Diktatur auf. Auf Ana Marías Schreibtisch steht ein Foto: das Grab ihrer Mutter, davor kniet ihr Sohn.

Erst gab es die vage Hoffnung, dass ihre Mutter zurückkehren könnte, sagt Ana María rückblickend - und dann nur noch die Hoffnung, eines Tages wenigstens ihre sterblichen Überreste zu finden. Nun erfüllt sich, was sie lange nicht zu hoffen wagte: Gerechtigkeit.

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Seite 1
Manimal, 27.09.2011
1. kein Titel
[...] Die Ermittlungsrichter informieren Staatsanwälte aus Uruguay, Chile, Kolumbien, Ecuador und Brasilien über ihre Arbeit. [...] Schöne Aufzählung. In jedem dieser Fälle könnte man auch in Amerika anfragen, bei der CIA, die haben sicher noch Akten zu diesen von Ihnen installierten Militärdiktaturen.
sukowsky, 27.09.2011
2. Und immer wieder werden diese Bestien
Und immer wieder werden diese Bestien von Generation zu Generation das Licht der Welt erblicken. Die Geschichte ist lang von den Römern, Nazis usw.
decebalus911 27.09.2011
3. Titel
Zitat von Manimal[...] Die Ermittlungsrichter informieren Staatsanwälte aus Uruguay, Chile, Kolumbien, Ecuador und Brasilien über ihre Arbeit. [...] Schöne Aufzählung. In jedem dieser Fälle könnte man auch in Amerika anfragen, bei der CIA, die haben sicher noch Akten zu diesen von Ihnen installierten Militärdiktaturen.
Die pösen Amis haben jedoch kaum ne Akte, wann und wo Esther in den Rio de la Plata geworfen wurde. Der 'blonde Todesengel' ist übrigens so blond, wie unser Ex-Reichkanzler aus Braunau...
EinäugigerKönigderBlinden 27.09.2011
4. ...
Zitat von Manimal[...] Die Ermittlungsrichter informieren Staatsanwälte aus Uruguay, Chile, Kolumbien, Ecuador und Brasilien über ihre Arbeit. [...] Schöne Aufzählung. In jedem dieser Fälle könnte man auch in Amerika anfragen, bei der CIA, die haben sicher noch Akten zu diesen von Ihnen installierten Militärdiktaturen.
Oh, klar, natürlich sind die USA schuld, wie konnte ich das nur vergessen, wo die doch überhaupt an allem schuld sind, vom Sündenfall Adams und Evas bis zur Eurokrise; kann man alles bei der CIA nachlesen, z.B. wie Eva den Apfel an Adam gereicht hat, etc.; Belege? Ach, wofür denn, die USA sind pauschal schuld, dann braucht sich der Rest der Welt keinen Kopf machen.
decebalus911 27.09.2011
5.
Zitat von Manimal[...] Die Ermittlungsrichter informieren Staatsanwälte aus Uruguay, Chile, Kolumbien, Ecuador und Brasilien über ihre Arbeit. [...] Schöne Aufzählung. In jedem dieser Fälle könnte man auch in Amerika anfragen, bei der CIA, die haben sicher noch Akten zu diesen von Ihnen installierten Militärdiktaturen.
Die pösen Amis wissen jedoch sicher nicht, wann und wo Esther in den Rio de la Plata geworfen wurde. Der 'blonde Todesengel' ist übrigens genauso blond wie der Ex-Reichskanzler aus Braunau...
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