Prozess zu Anschlägen 2005 Londoner Freispruch frustriert Opfer-Angehörige

90.000 überprüfte Telefonate, 37.000 Beweisstücke, mehr als 18.000 Zeugen - und keine Verurteilung: Die Terroranschläge in London im Jahr 2005 bleiben ungesühnt, die einzigen Angeklagten wurden freigesprochen. Ermittler und Angehörige von Opfern sind bitter enttäuscht.


London - "Vier Jahre, 52 Tote, 100 Millionen Pfund, keine Verurteilung", so lakonisch resümierte der "Guardian" eine der größten Polizeiermittlungen der britischen Geschichte. Der Prozess gegen drei Männer, die für die Vorbereitung der Londoner Terroranschläge im Juli 2005 vor Gericht standen, war am Dienstag mit einem Freispruch zu Ende gegangen. Damit wird wohl niemand für die tödliche Bombenserie in drei U-Bahnen und einem Bus belangt werden.

Zerbombter Bus in London im Juli 2005: 52 Menschen wurden bei den koordinierten Anschlägen getötet
DPA

Zerbombter Bus in London im Juli 2005: 52 Menschen wurden bei den koordinierten Anschlägen getötet

Die Enttäuschung der Angehörigen der Opfer war groß. "Es ist sehr schwierig, wenn man versucht, über etwas hinwegzukommen, und es ist niemand da, den man vor Gericht stellen kann", schrieb Robert Webb, der seine 29-jährige Schwester Laura bei dem Attentat verloren hat, im "Independent". "Ich fühlte, dass es eine Menge Beweise gegen die Angeklagten gab, aber man muss das Urteil der Jury respektieren."

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Die vier Selbstmordattentäter waren 2005 bei den Explosionen gestorben, doch die Polizei geht bis heute davon aus, dass bis zu 20 weitere Personen in die Planung eingebunden waren. Die nun freigesprochenen Männer Waheed A., Mohammed S. und Sadeer S. waren die Einzigen, die je dafür angeklagt wurden.

Die drei waren enge Freunde der Attentäter aus dem Stadtteil Beeston im nordenglischen Leeds. Gemeinsam hatten sie Terror-Ausbildungslager in Pakistan und Kaschmir besucht. Auch hatten sie im Dezember 2004, acht Monate vor den Anschlägen, mit zwei der Attentäter zwei Tage in London verbracht - um Ziele auszuspähen, wie die Ermittler glauben. Doch fand die Jury die Beweise zu dünn: Einstimmig fiel das Urteil unschuldig.

Für die Angehörigen ist es nur ein schwacher Trost, dass Waheed A. und Mohammed S. in einem zweiten Urteil für den geplanten Besuch eines Terrorcamps im März 2007 verurteilt wurden. "Das Unvermögen, vier Jahre später jemanden der Unterstützung für die Terroristen zu verurteilen, führt zu dem Gefühl, dass Gerechtigkeit verhindert wurde", kommentierte die "Times".

Die Dimensionen der vier Jahre langen Untersuchung der Londoner Anschläge sind gewaltig: Die Ermittler prüften 90.000 Telefonanrufe von 4700 verschiedenen Telefonen, 37.000 Beweisstücke und vernahmen 18.450 Zeugen. Die Kosten belaufen sich auf 100 Millionen Pfund.

Nun musste die Polizei eingestehen, dass all das nicht ausreichend war. Der Chef von Scotland Yards Anti-Terror-Einheit, John McDowall, bekräftigte zwar seine Überzeugung, dass die Attentäter nicht allein gehandelt haben könnten. Er appellierte an die Muslime in Beeston, als Zeugen zur Polizei zu kommen, wenn sie etwas wüssten. Ungeklärt ist unter anderem, zu welchen Personen die zehn verschiedenen Fingerabdrücke gehören, die in den Räumen in Leeds gefunden wurden, in denen die Bomben hergestellt wurden.

Doch glaubt die Polizei offensichtlich nicht mehr an eine Auflösung des Falls. Ein hoher Beamter räumte gegenüber dem "Guardian" nach dem Freispruch ein, dass man nun nicht mehr weiter wisse. Der frühere Anti-Terror-Chef von Scotland Yard, Andy Hayman, schrieb in der "Times", er sei "bitter enttäuscht". Dieses Urteil bedeute wahrscheinlich das Ende der Ermittlungen.

Die drei Angeklagten waren im März 2007 verhaftet worden. Er habe zwei Jahre seines Lebens verloren, sagte Sadeer S. nach dem Freispruch. Er sei "total unschuldig". Während des Prozesses hatten die Angeklagten keinen Hehl daraus gemacht, dass sie die Ansichten der internationalen Dschihadisten teilen. Der 25-jährige Waheed A. etwa hatte gesagt, dass er britische Soldaten in Afghanistan für "legitime Ziele" halte.

Jegliches Wissen über die Londoner Anschläge jedoch stritten sie ab. Ihren Dezember-Besuch in der Hauptstadt, bei dem sie laut Handy-Anrufliste auch in der Nähe der Anschlagsziele gewesen waren, erklärten sie damit, dass sie sich nur einige Sehenswürdigkeiten hatten anschauen wollen.

Die britischen Kommentatoren betonten, dass man trotz der Enttäuschung über den ungelösten Fall die Mühlen des Rechtsstaats akzeptieren müsse. "Es ist der richtige Weg, Terrorverdächtigen ein rechtsstaatliches Verfahren zu gewähren und Entscheidungen zu akzeptieren, die gelegentlich pervers erscheinen", schrieb die "Times".

Der Frust der Ermittler dürfte noch wachsen. Denn in den nächsten Wochen erscheinen Dokumente, die die Frage aufwerfen, warum der Inlandsgeheimdienst MI5 und die Polizei in West Yorkshire die Attentäter nicht gestoppt haben. Ein Bericht des parlamentarischen Komitees für Geheimdienste und Sicherheitsfragen (ISC) wird laut "Guardian" enthüllen, dass zwei der Selbstmordattentäter, darunter der Anführer Mohammed Siddique Khan, bereits 2004 vom MI5 beobachtet und abgehört worden waren. Der Bericht war bisher unter Verschluss gehalten worden, um den Prozess gegen Waheed A., Mohammed S. und Sadeer S. nicht zu beeinflussen.

Angehörige der Opfer fordern bereits eine unabhängige Untersuchung der Polizeiarbeit vor den Anschlägen. Es gehe nicht um eine Hexenjagd, sagte Graham Foulkes, dessen 22-jähriger Sohn David in einer der U-Bahnen starb. "Aber wir wissen, dass uns nicht die ganze Wahrheit gesagt wurde."



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