Prozessauftakt in Kairo  Mubarak und Söhne weisen Mordvorwurf zurück

Historische Gerichtsverhandlung in Kairo: 30 Jahre lang regierte Husni Mubarak Ägypten - jetzt hat der Prozess gegen den Ex-Diktator begonnen. Von seinem Krankenbett aus, das in einen Schutzkäfig im Gerichtssaal gerollt wurde, erklärte er sich für nicht schuldig.


Kairo - Auf diesen Moment haben Millionen Ägypter lange gewartet: In Kairo hat der Prozess gegen Husni Mubarak begonnen. Der gesundheitlich angeschlagene ehemalige Präsident wurde an diesem Mittwochvormittag in einem Krankenhausbett in den Gerichtssaal gerollt. Als Angeklagter wurde der 83-Jährige, wie in Ägypten üblich, in einen Metallkäfig gesperrt. Zuvor war er aus seinem Spital in Scharm al-Scheich geholt und von Ärzten begleitet im Hubschrauber nach Kairo gebracht worden.

Nach der Verlesung der Anklageschrift meldet sich Mubarak selbst zu Wort - und erklärte sich für nicht schuldig. "Ich bestreite alle Anklagepunkte", sagte er mit fester Stimme in ein Mikrofon, das ihm hingehalten wurde. "Ich habe derartige Verbrechen nicht begangen." Auch seine Söhne Alaa und Gamal sowie der einstige Innenminister Habib al-Adli wiesen jede Mitschuld am Tod mehrerer hundert Demonstranten und alle anderen Anklagepunkte von sich.

Der ehemalige Staatschef ist angeklagt, für jahrelangen Amtsmissbrauch, Korruption und die Tötung von Demonstranten während der Proteste im Frühjahr verantwortlich zu sein. Bei den Protesten kamen fast 850 Menschen ums Leben. Es ist das erste Mal in der Geschichte Ägyptens, dass sich ein ehemaliger Führer des Landes vor Gericht verantworten muss - ein historischer Moment.

Mubaraks Verteidiger verlangten, dass der Chef des regierenden Militärrates, Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi, und Ex-Geheimdienstchef Omar Suleiman als Zeugen vorgeladen werden. Tantawi war unter Mubarak schon Verteidigungsminister und ist es heute noch. Suleiman war von Mubarak während der Massenproteste zum Vize-Präsidenten ernannt worden.

In Weiß gekleidet, blass

Mubarak erschien in Weiß gekleidet vor Gericht, er wirkte blass. Bis zuletzt war unklar gewesen, ob er wegen seines schlechten Gesundheitszustands überhaupt vor Gericht würde erscheinen können. Nach Angaben des Gesundheitsministeriums ist er aber verhandlungsfähig.

Im Gerichtssaal wurde es zu Beginn des Verfahrens immer wieder unruhig. Richter Ahmed Refaat rief die Anwesenden zur Ruhe und kündigte an, er werde jeden des Saales verweisen, der den Verlauf des Verfahrens störe. Unter den etwa 600 Zuschauern im Gerichtssaal sind auch Angehörige getöteter Demonstranten. Mehrfach meldeten sich die Verteidiger der Angeklagten mit Anträgen, den Prozess zu vertagen.

Fotostrecke

17  Bilder
Ägypten: Prozess gegen Mubarak
Vor der Polizeischule war es vor Mubaraks Ankunft zu chaotischen Szenen gekommen. Mehrere hundert Polizisten versuchten, Gegner und Anhänger des Angeklagten auseinanderzuhalten, die mit Steinen und Flaschen aufeinander warfen. Ein massives Aufgebot von Sicherheitskräften schützt den Verhandlungsort, eine Polizeiakademie, die bis zum Umsturz den Namen Mubaraks trug.

Auch in einer Prozesspause gingen Gegner und Anhänger Mubaraks mit Stöcken und Steinen aufeinander los. Hunderte Menschen hatten sich vor der Polizeiakademie versammelt, um den live vom Staatsfernsehen übertragenen Prozess auf einer Großbildleinwand zu verfolgen.

Der Prozess wird im ganzen Land mit Spannung verfolgt. In Ägypten stößt der Prozess auf unterschiedliche Reaktionen: Einerseits hoffen viele auf Vergeltung, doch es gibt auch starke Zweifel im Land, ob das Verfahren wirklich zu einem Neuanfang führt.

Zusammen mit Mubarak sind in demselben Verfahren auch der in der Bevölkerung verhasste frühere Innenminister Adli und sechs ehemalige leitende Mitarbeiter aus dessen Ministerium angeklagt. Die Anklage kündigte an, für Adli die Todesstrafe fordern zu wollen. Wegen Korruption und Amtsmissbrauchs müssen außerdem Mubaraks Söhne Gamal und Alaa vor dem Richter erscheinen. Die Angeklagten trugen, wie Mubarak, weiße Einheitskleidung.

Mubarak war am 11. Februar nach landesweiten Massenprotesten nach fast 30 Jahren an der Macht abgetreten. Er zog sich in ein Spital im Badeort Scharm al-Scheich zurück, wo er formell unter Haft gestellt wurde. Sollte Mubarak wegen Mordes verurteilt werden, droht ihm die Todesstrafe.

Die strafrechtliche Verfolgung des gestürzten Staatschefs im Namen des eigenen Volkes ist in der arabischen Welt bisher beispiellos. Am nächsten kommt ihr noch der Prozess gegen den früheren irakischen Präsidenten Saddam Hussein, der 2003 von US-Truppen festgenommen worden war. Dem gestürzten tunesischen Präsidenten Zine al-Abidine Ben Ali wurde zwar schon mehrfach der Prozess gemacht, jedoch stets in Abwesenheit. Ben Ali hält sich seit seinem Sturz wenige Wochen vor Mubaraks im saudi-arabischen Exil auf.

Fotostrecke

12  Bilder
Husni Mubarak: Karriere eines Despoten

hen/ffr/dpa/dapd/AFP/Reuters

insgesamt 55 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
politik aktuell 03.08.2011
1. Vor welchem Gericht?
Sitzen dort nicht Richter, die unter Mubarak schon Urteile fällten? Welcher Richter will den Ex-Staatschef verurteilen?
Betonia, 03.08.2011
2. x
Zitat von sysopHistorische Gerichtsverhandlung in Kairo: 30 Jahre lang hat Husni Mubarak Ägypten regiert - jetzt hat der Prozess gegen den Ex-Diktator begonnen. In einem Krankenhausbett wurde er in den Verhandlungssaal gerollt, ein Käfig soll ihn schützen. Millionen Menschen verfolgen das Geschehen im Fernsehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778100,00.html
Wie so viele Diktatoren hat er die Zeichen der Zeit nicht erkannt. Wäre er vor ein paar Jahren zurückgetreten, stünde er jetzt wohl nicht vor Gericht.
Arne11 03.08.2011
3. gegen titelzwang
Zitat von sysopHistorische Gerichtsverhandlung in Kairo: 30 Jahre lang hat Husni Mubarak Ägypten regiert - jetzt hat der Prozess gegen den Ex-Diktator begonnen. In einem Krankenhausbett wurde er in den Verhandlungssaal gerollt, ein Käfig soll ihn schützen. Millionen Menschen verfolgen das Geschehen im Fernsehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778100,00.html
Mich würde ehrlich gesagt mehr ein Artikel zu Al-Kemni & den Hintergründen interessieren. Was mit Mubarak passiert hat ja jetzt eh keinen Einfluss mehr auf die Zukunft Ägyptens. Wenn aber Säkulare in Ägypten schon mal eben posthum den Staatspreis verlieren weil sie den I. kritisiert haben dann ist das ein Warnsignal.
ranknonsense 03.08.2011
4. hhmm
wahrscheinlich meine eingeschränkte wahrnehmung. aber werden diktatoren immer krank wenn sie vor gericht müssen?
harrold 03.08.2011
5. Schauprozeß?
Zitat von sysopHistorische Gerichtsverhandlung in Kairo: 30 Jahre lang hat Husni Mubarak Ägypten regiert - jetzt hat der Prozess gegen den Ex-Diktator begonnen. In einem Krankenhausbett wurde er in den Verhandlungssaal gerollt, ein Käfig soll ihn schützen. Millionen Menschen verfolgen das Geschehen im Fernsehen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,778100,00.html
Ich verstehe nicht, wieso so jemand angeklagt sein kann. Zu seiner Amtszeit hat er nicht gegen seine eigenen Gesetze verstoßen, es gab ja keine Demokratie. Und das Volk hat seine Herrschaft mitgemacht. Es sollte dankbar sein! Und dann ist er ja sogar freiwillig zurückgetreten. Kein Wunder, dass Assad, die Saudi-Herrscher und die Gaddafi-Söhne besorgt sind. Sie wird das gleiche Schicksal ereilen, falls sie vorher nicht ... Und dann die Todesstrafe! Das ägyptische Volk ist wirklich grausam.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.