Prügel-Bilder: Das Gentleman-Image der britischen Armee liegt in Trümmern

Von Sebastian Borger, London

"Jetzt kriegt ihr was ab, ihr kleinen Arschlöcher. Krepiert!", sagt der Kameramann, während er im Südirak filmt, wie seine Kollegen von der britischen Armee junge Einheimische verprügeln. In Großbritannien übt man sich in Schadensbegrenzung, die Verantwortlichen müssten bestraft werden.

London - Kaum eine Institution genießt in Großbritannien bis heute einen ähnlich guten Ruf wie die Armee. Dementsprechend empört war zu Wochenbeginn die Reaktion der Medien auf den jüngsten Coup der Sonntagszeitung "News of the World", die im News-Corp-Verlag des US-australischen Medienzaren Rupert Murdoch erscheint.

Das Boulevardblatt veröffentlichte Bilder aus einem gut dreiminütigen Videoband, das nichts an Deutlichkeit zu wünschen übrig lässt: Britische Soldaten greifen junge Iraker aus einer Demonstration und verprügeln sie hinter der verschlossenen Tür ihrer Unterkunft mit Fäusten und Schlagstöcken. Gezeigt wurde auch eine Szene, auf der ein Squaddie einem Toten mit dem Stiefel ins Gesicht tritt. Der Kameramann kommentiert die Prügelszenen lachend: "Jetzt kriegt ihr was ab, ihr kleinen Arschlöcher. Krepiert!"

Die Zeitungen von Rechts bis Links sind sich einig. Die Bestrafung der Verantwortlichen müsse "rasch und streng" erfolgen und ein Exempel statuieren, fordert der linksliberale "Guardian". Die konservative "Times" argumentiert ähnlich: "Der Gerechtigkeit muss schnell Genüge getan werden." Auch das linke Boulevardblatt "Mirror" verurteilt die "unehrenhaften Handlungen einer kleinen Minderheit", spricht aber im gleichen Satz vom "Stolz auf unsere Streitkräfte".

Diese Intonation wird in der Downing Street für Freude gesorgt haben. "Wir nehmen jeden Vorwurf von Misshandlungen sehr ernst und werden ihn sehr genau untersuchen", sagte Tony Blair von Südafrika aus, wo er an einem Treffen sozialdemokratischer Regierungschefs teilnahm. Gleichzeitig betonte der Premierminister, die "überwältigende Mehrheit" der rund 80.000 Briten, die bisher im Irak ihren Dienst geleistet haben, seien anständig und verrichteten "einen wichtigen Job für unser Land und für die Welt".

Zuhause stießen Armeesprecher und Regierungsmitglieder ins gleiche Horn. "Wir müssen den guten Namen der britischen Armee verteidigen", gab Schatzkanzler Gordon Brown zu Protokoll - als ob es da noch viel zu verteidigen gäbe. Das liebevoll gepflegte Gentleman-Image der britischen Armee und die arrogante Gewissheit, man tauge besser zur Besatzungstruppe als die Yankees, liegt in Trümmern, seit im Januar 2005 Bilder à la Abu Ghureib um die Welt gingen - Bilder von gefolterten, sexuell gedemütigten irakischen Kriegsgefangenen aus den ersten Wochen nach Beendigung der Kampfhandlungen im April 2003.

Vier der Foltersoldaten von den Royal Fusiliers wurden mit großer Verspätung für die damals dokumentierten Taten zu Gefängnisstrafen verurteilt und unehrenhaft entlassen. Das Militärgericht tagte damals in Osnabrück, wo die Einheit stationiert ist - ausgerechnet in einem Land also, dessen Soldaten sich im Zweiten Weltkrieg weit schlimmerer Gräueltaten schuldig machten.

Auch im jetzt bekannt gewordenen Fall gibt es eine Verbindung zu Deutschland: Zeitungsberichten zufolge dürften die Prügel-Soldaten der 20. Panzerbrigade angehören, die in Paderborn stationiert ist. Angeblich ist das Video dort auch im Kameradenkreis gezeigt worden. Anders als die Quälereien des Folter-Quartetts wirkten die jetzt ans Licht gekommenen Prügeleien nicht improvisiert.

Der Kommentar des Armeeveteranen Chris Ryan in "News of the World" ist zwar pflichtschuldig überschrieben mit "Eine Handvoll von Schlägern in einer heldenhaften Armee". Ryans Analyse aber weist zu Recht auf die "ruhige und natürliche Körpersprache" der Prügler hin: "Man muss befürchten, dass sie nicht zum ersten Mal so handeln." Dafür spreche auch der Kommentar des Kameramannes. Zudem ist auf dem Video auch zu sehen, wie eine Reihe anderer Soldaten an den Prügel-Kameraden vorbeilaufen, als sei nichts geschehen. "Man muss daraus folgern, dass sie Ähnliches schon gesehen haben", schreibt Ryan.

Ob sich seit der Prügel-Orgie, die Anfang 2004 gefilmt wurde, etwas verändert hat? Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International haben immer wieder Kritik an der Saumseeligkeit der britischen Militärjustiz geäußert. "Wir fordern seit Jahren, dass Untersuchungen in diese komplexen Tatbeständnisse von Zivilisten verantwortet werden", sagte eine AI-Sprecherin am Montag zu SPIEGEL ONLINE. Während die Amerikaner die Missstände in Guantanamo und Abu Ghureib immerhin durch eine Kommission untersuchen ließen, deren Ergebnisse veröffentlicht wurden, geschieht bei den Briten alles hinter verschlossener Tür.

Der konservative Ex-Verteidigungsminister Michael Portillo weist ebenfalls schon seit langem auf das Versäumnis der politisch und militärisch Verantwortlichen hin, von Kriegsbeginn an eine möglichst genaue Zählung der getöteten Iraker zu veranlassen. Die dahinter steckende Botschaft sei rassistisch und führe zur Entmenschlichung der Zivilbevölkerung, glaubt Portillo: "Wir suggerieren damit, dass wir den Irakern keinen Wert beimessen. Soldaten haben ein feines Gespür dafür."

Und handeln danach. Zwar verbreiten die Propagandisten des britischen Verteidigungsministeriums seit Jahrzehnten mit großem Geschick und einigem Erfolg das Bild von der tapferen, aber allzeit ehrenhaften Profi-Armee. Die britischen Kolonialvölker haben andere Erinnerungen. Anfang der fünfziger Jahre wüteten die Briten so heftig gegen Unabhängigkeitskämpfer im heutigen Malaysia, dass sich Oberbefehlshaber Gerald Templer zu der Feststellung genötigt sah, Dschungelkrieg sei nun einmal "nicht angenehm". Auch im heutigen Malawi wurden Aufständische zu Hunderten standrechtlich erschossen. Im Buch "Britanniens Gulag" listet Autorin Caroline Elkins akribisch auf, wie Tausende aufgeknüpft wurden, Zehntausende starben, Hunderttausende zum Teil jahrelang im Gefängnis vegetierten.

Auch aus den damaligen Kriegsgebieten brachten Soldaten immer wieder Fotos mit, weiß Joanna Bourke, Professorin für Kulturgeschichte am Londoner Birkbeck College. Bei ihren Forschungen für eine Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts ("Fear: a cultural history of the twentieth century", Virago-Verlag, London) sah sich Bourke mit Tausenden von Fotos konfrontiert, auf denen normaler Kriegsalltag, aber auch Gräueltaten dokumentiert sind. "Solche Fotos dienen den Soldaten als Erinnerung an etwas, worauf sie stolz sind. Dass Zivilisten einen ganz anderen Blick haben, kommt ihnen gar nicht in den Sinn", analysiert die Historikerin.

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