Pussy-Riot-Aktivistin Tolokonnikowa "Wir prangern die korrupte Staatsmacht an"

Neuer Angriff auf das System Putin: Im Videoclip "Tschaika" von Pussy Riot geht es um Korruption in Russland. Hier erzählt die Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa, wie der Film entstand.

Ein Interview von , Moskau

Pussy-Riot-Aktivistin Tolokonnikowa: "Man kann mich nicht aussperren, sondern höchstens einsperren"
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Pussy-Riot-Aktivistin Tolokonnikowa: "Man kann mich nicht aussperren, sondern höchstens einsperren"


Zur Person
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    Nadeschda Tolokonnikowa, geboren 1989, ist seit 2011 bei Pussy Riot aktiv. International bekannt wurde sie durch das "Punk-Gebet", eine Performance-Nummer in einer Moskauer Kathedrale. Für die Aktion wurde sie mit zwei anderen Mitgliedern zu Haft verurteilt. Nach internationalem Protest und einem Hungerstreit kam sie im Dezember 2013 vorzeitig frei.
SPIEGEL ONLINE: Was hat Sie veranlasst, sich für Ihren neuen Clip eine Uniform anzuziehen?

Tolokonnikowa: Ich greife den ungeheuerlichen Skandal auf, dass Russlands oberster Strafverfolger, der Generalstaatsanwalt Jurij Tschaika, selbst ein schlimmer Krimineller ist. Tschaika ist für Morde verantwortlich. Er hat Kontakte zu einer Mafiabande in Südrussland, die mindestens 15 Menschen getötet hat. Das hat der Oppositionsführer Alexej Nawalny im Dezember enthüllt.

Das Musikvideo von Pussy Riot in voller Länge:

Pussy Riot
Den kompletten Song-Text in deutscher Übersetzung finden Sie hier .

SPIEGEL ONLINE: Hatten Sie die Idee, gleich nachdem Nawalny seine Dokumentation veröffentlicht hat?

Tolokonnikowa: Nawalny hat bei meinem Mann Pjotr Wersilow angerufen und ihn gefragt, ob er nicht jemanden kennt, der diesen Skandal mit einem coolen Rap-Song aufgreifen könnte. Ich mag Nawalny. Er hat auch die vollkommen richtige Idee, diesen Skandal durch populäre Musik maximal in unserer Bevölkerung bekannt zu machen. Aber geärgert habe ich mich dann doch.

SPIEGEL ONLINE: Worüber waren Sie wütend?

Tolokonnikowa: Dass er nicht an mich gedacht hat, dieses Aas (lacht). Und auch mein Mann Pjotr hat erst gedacht, dass ich keinen Rap schreiben kann. Denen werde ich es zeigen, habe ich mir vorgenommen. Nun, wie Sie sehen: Ich habe es geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Wie lange haben Sie an dem Song geschrieben?

Tolokonnikowa: Einen Tag. Ich bin früh aufgewacht. Das ist noch so eine Angewohnheit aus der Lagerhaft, morgens früh aufzustehen. Ich habe mich dann hingesetzt und angefangen, zu texten und zu komponieren. Dann habe ich erst das Frühstück ausfallen lassen, dann das Mittagessen. Und dann war ich fertig und bin ins Studio gefahren. Die Produktion des Clips hat natürlich länger als einen Tag gedauert.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind vor ein paar Tagen nach Amerika gefahren. Haben Sie Angst vor der Reaktion des Kreml auf Ihren Clip?

Tolokonnikowa: Nein, die Amerikareise war lange geplant.

SPIEGEL ONLINE: Fürchten Sie, dass die Behörden Sie nicht mehr zurück nach Russland lassen?

Tolokonnikowa: Dafür gibt es keinerlei Grundlage. Ich bin eine russische Staatsbürgerin. Man kann mich nicht aussperren, sondern höchstens einsperren und nicht mehr außer Landes lassen.

Fotostrecke

17  Bilder
Pussy Riot: Rap-Angriff auf das System Putin
SPIEGEL ONLINE: Sie konnten den Clip allem Anschein nach in Ruhe produzieren. Gibt es denn keine Überwachung durch den Geheimdienst mehr?

Tolokonnikowa: Ich denke, die Sicherheitsorgane sind nun weniger mit Pussy Riot als mit anderen Dingen beschäftigt. Dennoch hatten wir genug Schwierigkeiten. Das hat mit der allgemeinen Stimmung zu tun, die der Staat geschaffen hat und mit den Folgen der Hetzkampagne nach unserer Verhaftung im März 2012.

SPIEGEL ONLINE: Welche konkreten Probleme gab es?

Tolokonnikowa: Wir hatten Probleme, Schauspielerinnen und Tänzerinnen zu finden. Als die verstanden haben, dass sie mit Nadeschda Tolokonnikowa arbeiten sollen, haben nicht wenige einen Rückzieher gemacht, weil sie um ihre Karriere und Anstellung fürchteten. Aber es gibt noch genügend mutige, junge Schauspielerinnen. Sonst hätten wir es ja nicht geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Der Generalstaatsanwalt ist weiter im Amt, die Popularität von Wladimir Putin hoch. Was kann Ihr Clip bewirken?

Tolokonnikowa: Wir greifen den Fall des korrupten Generalstaatsanwalts auf, weil er ein Beispiel für zahllose Politiker und Spitzenbeamte ist, die sich bereichern und die sich über das Gesetz stellen. Unser Clip bedient sich einer einfachen, für jeden verständlichen Bildsprache. Jeder, der ihn anschaut, versteht sofort, dass wir die korrupte Staatsmacht anprangern. Meinungsumfragen aus der jüngsten Zeit zeigen, dass mehr als die Hälfte der Bürger unsere politische Elite für korrupt halten. Das weiche Wasser bricht den Stein.

Zum Autor

Matthias Schepp, 51, leitet das Moskauer SPIEGEL-Büro. Er ist seit 23 Jahren Auslandskorrespondent und berichtete außer aus Russland auch aus China und den USA. Mit der Pussy-Riot-Aktivistin Nadeschda Tolokonnikowa führte er durch einen Briefwechsel ein Interview, als sie in Lagerhaft war. Als Tolokonnikowa freigelassen wurde, gab sie Schepp das erste Interview. In der vergangenen Woche lud sie ihn zu sich nach Hause ein, um über ihren neuen Videoclip zu sprechen. Schepp ist der Autor von "Gebrauchsanweisung für Moskau" (2008) und, zusammen mit dem Fotografen Gerd George, von "Von Peking nach Berlin" (2006).

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
legastenie 03.02.2016
1. Mutig
Auf der einen Seite bin ich so glücklich über solche Menschen, bin aber selber lahm und langweilig. Ist zum kotzen, wenn's einem gut geht.
ulrich-lr. 04.02.2016
2. Korruption ist nicht gleich Korruption
Der Minister für wirtschaftliche Entwicklung und Handel der Ukraine, Aivaras Abromavičius, hat sein Rücktrittsgesuch eingereicht. Er hat den Kanal voll von der Korruption, die bis ins Büro des dortigen Präsidenten hinein reicht. Korruptis verhindern nach seiner Aussage jegliche wirksame Reform. Merkel hingegen lobte erneut Poroschenkos gewaltige Reformbereitschaft. Außer der lang anhaltenden "Bereitschaft" hat er nichts vorzuweisen. Bei den mit uns verbündeten Korruptis drückt die Bundesregierung gern beide Augen zu. Viel Spaß bei der Diskussion. Aber bitte keine "prowestlichen" Korruptis kritisieren.
bertholdalfredrosswag 04.02.2016
3. Putin müsste ünerzeugend Stellung dazu nehmen.
Wenn sie Recht hat, ist ihre Engagiertheit eine mutige Aktion die ich unterstütze. Ich frage mich, warum Putin sie nicht zu sich einlädt und sich mit ihr und ihren Kolleginnen persönlich unterhält und gleichzeitig ihre Vorwürfe aufnimmt und zur Untersuchung den Auftrag erteilt. Bis dato halte ich Putin überzeugend in seiner Rolle als oberster Politlenker. Doch wenn solche von der Frau erhobenen Zustände zutreffen und bleiben unangetastet bin ich sehr enttäuscht. Es kann ja aus einer Quelle nicht gleichzeitig Süßwasser und Salzwasser kommen. Zu solchen Vorwürfen müsste Putin ehrlich und überzeugend Stellung nehmen. Ansonsten verliert er zumindest bei mir sein Ansehen.
Afrojüdischer_Sozi-Sinti 04.02.2016
4. schwierig
Das "System Putin" ist in der Tat sehr zweifelhaft. "Einiges Russland" ist ein wenig wie die CSU: Vetternwirtschaft, religiöser und volkstümlicher Unsinn für die leichtgläubigen. Einzig das Verhältnis zu "den Märkten" ist bei den Bayern etwas liberaler. Insofern passt das auch mit dem Seehofer Besuch - bei Linken Stimmen für einen gemäßigten Umgangs mit Russland hat es damals übrigens was von 5. Kolonne Moskaus geheissen. Zurück zu Russland: Leider gibt es dort derzeit kaum eine realistische oder qualitativ bessere politische Alternative zu Putin. Der hierzulande gerne gehypte Alexej Nawalny (wird im Artikel als großer Enthüller von Korruption und vermeintliher Kämpfer für "das Gute" dargestellt) kommt zwar ohne den religiösen Mief daher, aber er ist auch ein extremer Nationalist mit durchaus rassistischen Tendenzen. Das ist die Tragik am Ganzen: Die größte innenpolitische Bedrohung für Putin geht von Kräften aus die noch weitaus weiter am extremen rechten Rand stehen. Aber auch dieses Problem ist, wie viele andere in Russland, Haus gemacht.
klaus591 04.02.2016
5. so kann man sich auch in Szene setzen
Es gibt verschiedene Möglichkeiten auf sich aufmerksam zu machen. Wenig glaubhaft ist dass diese Mädels ohne jeglicher Lebenserfahrung und Kenntnis des Spiels der Supermächte hier Russland an den Pranger stellen wollen. Ja, sie machen sich im Westen einen Namen und der hat wieder einen Grund gegen Russland medial zu schießen. Lächerlich!
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